Serie: Tour de Start-ups | | von Kay Städele

Köln: Neue Generation am Rhein

"Keine Ahnung", heißt es zunächst bei der Verwaltung im Clusterhaus auf die Frage nach einem bestimmten Start-up. Das ehemalige Gebäude der Gerling-Versicherung bietet auf acht Etagen 6000 Quadratmeter Platz für junge Firmen. "In den letzten Wochen sind so viele neue Unternehmen eingezogen", sagt der Ahnungslose. Doch ein zufällig vorbeikommender Mitarbeiter eines anderen Start-ups kann helfen und nennt die Etage. Am Rhein rückt die Szene zusammen.

Durch die großen Coworking-Arbeitsplätze wie Clusterhaus, Startplatz und Solution Space sind nicht nur neue finanzierbare Räume, sondern auch Orte der Begegnung und der Vernetzung entstanden. "Seit ungefähr einem Jahr verbessert sich die Infrastruktur hinsichtlich bezahlbarer Mieten, vorhandenem Know-how und Kapital kontinuierlich", sagt Oliver Thylmann, Mitgründer von Ad­cloud, das die Deutsche Post 2011 kaufte und mittlerweile aber geschlossen hat. Für den Aufschwung seien vor allem neue Netzwerke um Gründer und Investoren verantwortlich, die Start-ups erfolgreich aufgebaut haben wie Lorenz Gräf, Thomas Bachem, Thomas Grota, Lars Rüdiger Fink, Manuel Koelman und Till Ohrmann. "Gründen ist immer auch eine Genera­tionenfrage, und im Moment haben wir sehr viele erfahrene Internet-Unternehmer, die Start-ups unterstützen können", sagt Axel Schmiegelow vom Inkubator Curtis Newton

Trotz des digitalen Booms: Zuletzt verlegte das prominente Start-up Simfy große Teile nach Berlin – wegen der Major-Labels – und das Gründerhaus Betahaus musste schließen. "Das einfache Coworking-Geschäftsmodell des Betahauses funktioniert nicht mehr", glaubt Thylmann. Heutzutage brauchten Start-ups mehr als einen Coworking-Space. Nämlich Büros, Netzwerke und die Nähe zu Kapital und Kompetenz.

Auch das Geld drängt in die Stadt. "Mit DuMont Venture saßen wir etwas weiter draußen, deshalb war der Umzug unseres neuen Fonds in die Innenstadt ein naheliegender Schritt", sagt André Burchart, Investment Manager bei Capnamic Ventures. Am Kaiser-Wilhelm-Ring kämen einfach mehr Leute vorbei – was auch an der schönen Dachterrasse liegt.

Nicht nur die digitalen Leitmessen Dmexco und Gamescom haben geholfen, auch die Behörden tragen zum Aufschwung bei – etwa mit einem Gründerbüro der Kölner Hochschulen. Laut Klemens Skibicki, Professor an der Cologne Business und selbst Gründer und Berater, versuchen auch die Hochschulen bei Neugründungen immer mehr zu helfen. Nicht zuletzt pusht auch die Medien-Branche die Gründerszene. RTL hatte in einige Firmen investiert oder selbst übernommen. Vergangene Woche vermeldete der TV-Konzern auch den ersten Media-for-Revenue-Deal mit Aladoo.

Einige Kritikpunkte sieht Thylmann allerdings noch: In Köln gebe es noch unheimlich viel Old-Economy-Kapital. "Dieses Geld müssen wir mobilisieren, aber noch fehlt oft das Vertrauen." Die Experimentierfreudigkeit zeigt sich aber bereits in der Mentalität der Gründer. "Der Kölner läuft erst einmal los, ohne alles bis ins Detail zu bedenken", sagt Burchart mit einem Augenzwinkern. Das bringe einen Vorteil gegenüber anderen Standorten, wo Gründer manchmal etwas zu detailverliebt planen, denn in Köln ginge alles etwas schneller. Bester Beweis für den Erfolg von Köln ist der European Pirate Summit, eines der international wichtigsten Gründertreffen. Auf einem Schrottplatz in der Nähe von Köln-Nippes treffen sich Gründer und wichtige Geldgeber zur Vernetzung. Erkennungszeichen: der piratentypische Ruf "Arrr".

"Man vergisst oft, dass die Samwers hier in Köln angefangen haben", erklärt Schmiegelow. Die ganze Umgebung sei ein gutes Becken für Programmierer. Eines vermisst Thylmann allerdings: "Es fehlt noch ein ganzjähriger, zentraler Treffpunkt wie ein Gründer-Café."

Lokale vielversprechende Start-ups: Dawawas, Doo, Endore.me, Kaisergames, Linguee, Miacosa, Putpat, Reputami
Auswahl lokaler etablierter Start-ups: Armed Angels, Hitmeister, Netmoms, ParStream, Pixum, WKW
Auswahl Geldgeber vor Ort: 3rd Place, Capnamic Ventures, CologneInvest, Media Ventures, RTL, T-Ventures, Venista
Auswahl von lokalen Inkubatoren: Betafabrik, Cross­ventures, Curtis Newton, Startplatz, Venture One
Standortbedingungen: Vorteile: großer Ballungsraum und Medienstandort, Nachteil: Relativ hohe Mieten und Lebenskosten, überschaubare öffentliche Förderung
Start-up-Wettbewerbe / Events: European Pirate Summit, Online Stammtisch Köln, Rheinlandpitch, Start-up Weekend Cologne, Web de Cologne

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