ARD-Reportage | | von Franziska Mozart

Shitstorm über Amazon: ARD zeigt Online-Händler als Ausbeuter

Nach der kritischen ARD-Reportage "Ausgeliefert! Leiharbeiter bei Amazon", tobt die Diskussion über den Online-Händler im Social Web. Viele User geben bei Facebook und Twitter ihre Boykott-Absichten bekannt und kommentieren den ARD-Beitrag. Der Großteil zeigt sich empört über die ausbeutenden Arbeitsbedingungen, unter denen Leiharbeiter aus dem EU-Ausland für Amazon arbeiten, über menschenunwürdige Unterkünfte und über eine Security-Firma mit möglichen Verbindungen zur Neo-Nazi-Szene.

"Ich kaufe bei denen sicher nichts mehr" - "Schämen Sie sich!" - "Was ich auf ARD gesehen habe ist erschreckend, und menschenunwürdig. Werde nie wieder was über Amazon Bestellen und ich hoffe, ihr werdet das gleiche tun." So und ähnlich lesen sich viele Kommentare auf der deutschen Facebook-Seite von Amazon. Doch die Diskussion ist so hitzig, wie es angesichts der emotional packenden Dokumentation zu erwarten ist. Denn gleichzeitig werfen viele Usern den Empörten vor, sich moralisch ambivalent zu verhalten, wenn sie einerseits nun Amazon verteufelten, andererseits aber T-Shirts tragen, die in Fern-Ost unter ebenfalls menschenunwürdigen Bedingungen produziert wurden. "Kommt doch mal von dem Gutmenschentum runter. Das hält doch eh nur bis zum nächsten Superangebot", so einer der vielen Vorwürfe.

Amazon selbst schweigt weiterhin zu den Vorwürfen, sowohl im Social Web, als auch angesichts der Anfragen, die zahlreiche Redaktionen nun an die Amazon-Pressestelle gerichtet haben, etwa Spiegel Online. Das passt allerdings zur Kommunikationsstrategie, die sich auch schon in der ARD-Reportage gezeigt hat. Auch bei den Reportern Diana Löbl und Peter Onneken hat sich das Unternehmen trotz mehrmaliger Anfragen nicht gemeldet.

Shitstorm über Amazon: ARD zeigt Online-Händler als Ausbeuter

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ARD-Vorwürfe: Endlich spricht Amazon

von Franziska Mozart

Die Pressestelle des Internet-Versandhändlers Amazon dürfte nach dem ARD-Bericht "Ausgeliefert! Leiharbeiter bei Amazon" einiges zu tun haben. Zahlreiche Medien greifen die Kritik an den Arbeitsbedingungen der Leiharbeiter auf und auch im Social Web tobt die Diskussion über den Versandriesen. Zunächst hüllte sich das Unternehmen angesichts der Vorwürfe in Schweigen, doch gegenüber der Nachrichtenagentur dpa gab Amazon nun bekannt, die Vorwürfe prüfen zu wollen.

"In der Weihnachtssaison stellen wir zusätzliche Amazon-Mitarbeiter saisonal befristet ein", teilte Amazon auf Anfrage der Nachrichtenagentur dpa mit. In Spitzenzeiten arbeite Amazon mit Zeitarbeitsfirmen zusammen. Im ersten Jahr verdienten Mitarbeiter einen Bruttostundenlohn von mehr als 9,30 Euro. Danach steige der Bruttolohn auf über 10 Euro.

Im Film wird berichtet, dass Sicherheitsleute zum Beispiel Unterkünfte von Zeitarbeitern durchsucht hätten. "Auch wenn das Sicherheitsunternehmen nicht von Amazon beauftragt wurde, prüfen wir derzeit selbstverständlich den von den Redakteuren gemachten Vorwurf bezüglich des Verhaltens des Sicherheitspersonals und werden umgehend geeignete Maßnahmen einleiten", heißt es in der Stellungnahme von Amazon dazu. Man dulde "keinerlei Diskriminierung oder Einschüchterung".

Auch überprüfe Amazon Dienstleister, "die die Unterbringung von Saisonkräften aus anderen Regionen verantworten, regelmäßig". Der Amazon-Experte der Gewerkschaft Verdi, Heiner Reimann sagte, die Zustände bei Amazon seien ein "Dauerproblem", auch im Branchenvergleich. Es gebe in anderen Versandfirmen ebenfalls Missstände, aber nicht in diesem Ausmaß. Dennoch habe Amazon durchaus auch auf Beschwerden reagiert und Mängel abgestellt. Allerdings bleibe angesichts des Geschäftsmodells dem Konzern kaum etwas anderes übrig, als befristete Mitarbeiter oder Zeitarbeiter einzusetzen.

Auf die Diskussion der Facebook- und Twitter-User allerdings ist Amazon bisher noch nicht eingegangen.

(fm/dpa)

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Amazon-Skandal: Wie sozial ist eigentlich die Konkurrenz?

von Uli Busch

"In der Weihnachtssaison stellen wir zusätzliche Mitarbeiter saisonal befristet ein" - immerhin diese Aussage rang sich Amazon nach fast einem Tag Schweigens ab. Die ARD-Reportage "Ausgeliefert! Leiharbeiter bei Amazon" hatte aneprangert, dass der Versandhändler Leiharbeiter aus dem EU-Ausland ausbeutet.

Aber ist Amazon ein Einzelfall in der Branche? Oder greifen auch andere Versandhändler im hektischen Weihnachtsgeschäft auf Leiharbeiter und Zeitarbeitsfirmen zurück und muten ihren Mitarbeitern unzählige Überstunden zu? W&V Online hat sich im bei den Buch-Onlinehändler Thalia.de (Douglas-Tochter) und der Verlagsgruppe Weltbild (betreibt neben Weltbild.de auch Bücher.de und Jokers.de) nach ihren Sozialstandards erkundigt.

Bei dem Augsburger Verlag heißt es: "Weltbild beschäftigt nur Mitarbeiter aus der Region Augsburg in Versand und Logistik...Insgesamt waren über das Jahr 2012 verteilt nur 13 Prozent aller Arbeitskräfte Zeitarbeitnehmer. Diese werden schwerpunktmäßig im Weihnachtsgeschäft, das heißt in der Zeit von Mitte Oktober bis Ende Dezember eingesetzt." Den Zeitarbeitnehmern komme aber in dieser Zeit eine "sehr wichtige Rolle" zu, deshalb wurde laut Weltbild "bereits 2011 mit der Mitarbeitervertretung eine Betriebsvereinbarung für den Einsatz von Zeitarbeitskräften abgeschlossen." Diese regle unter anderem die Vergütung der Zeitarbeitnehmer, die in der in der Saison mindestens zehn Prozent über dem Tarifvertrag der BZA (Bundesverband Zeitarbeit) liegt. Ein weiterer Punkt sei etwa die "Integration in die Stamm-Belegschaft" (Vertretung durch den Betriebsrat, Vorschläge zur Gestaltung des Arbeitsplatzes etc.). Außerdem weist Weltbild darauf hin, dass sich die Weltbild Logistik grundsätzlich von der von Amazon unterscheide: "Während dort die Abläufe manuell geprägt sind und große Wegstrecken beinhalten, ist die Abwicklung bei Weltbild weitgehend automatisiert."

Anders als Weltbild lässt der Konkurrent Thalia auch Arbeitskräfte aus dem Ausland anwerben "wenn der Bedarf am deutschen Arbeitsmarkt nicht gedeckt werden kann". Das teilte der Buchversender auf W&V-Anfrage mit. Das operative Versandgeschäft hat Thalia an den Logistikdienstleister Rhenus ausgelagert. Er betreibt die Thalia-Versandcenter. Für alle Mitarbeiter sind laut Thalia aber "die hierzulande geltenden Sozialstandards" verbindlich. Es werde ohne Ausnahme nach Tarif bezahlt.

von Uli Busch - Kommentare Kommentar schreiben

Amazon-Skandal beflügelt die Mediathek der ARD

von Petra Schwegler

Die ARD-Dokumentation "Ausgeliefert – Leiharbeiter bei Amazon" hat vergangene Woche nicht nur für viele Schlagzeilen gesorgt. An dem Werk selbst haben viele Interesse: Wie eine Anfrage beim Online-Part der Programmdirektion des Ersten in München ergibt, rockt das Stück die Mediathek der ARD. Die Amazon-Dokumentation finde auch als Video-on-Demand in der "Das Erste Mediathek" großen Zuspruch, heißt es dort. In Zahlen: "Bisher wurde das Video ‚Ausgeliefert – Leiharbeiter bei Amazon‘ rund 1,2 Millionen Mal abgerufen. Das ist ein neuer Rekord für Dokumentationen." Im Schnitt würden Dokus als Video rund 300.000 Mal in der Mediathek abgerufen, rechnet die Pressestelle in München vor – und feiert die kritische Durchleuchtung des Online-Riesen Amazon als Arbeitgeber als Erfolg.

Zum Vergleich: Laut dem zuständigen Hessischen Rundfunk haben das Stück rund um Wanderarbeiter aus dem Ausland am 13. Februar um 22.45 Uhr 2,02 Millionen Gesamtzuschauer im Fernsehen gesehen. Das macht 10,3 Prozent Marktanteil bei den Zuschauern ab drei Jahren. Es gibt augenscheinlich immer noch viel Diskussionsbedarf rund um die TV-Produktion, die massive Missstände bei den Arbeitsbedingungen der Amazon-Mitarbeiter anprangert. Laut ARD gibt es eine "Flut von Kommentaren" zum Video in der Mediathek.

Zahlreiche Medien haben die Kritik an den Arbeitsbedingungen der Leiharbeiter aufgriffen, und auch im Social Web tobte die Diskussion über den Versandriesen. Zunächst hat sich das Unternehmen angesichts der Vorwürfe in Schweigen gehüllt, kündigte dann gegenüber Nachrichtenagentur dpa doch noch an, die Vorwürfe prüfen zu wollen. Unterdessen hat Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) Aufklärung über die Arbeitsbedingungen von Saisonarbeitern beim Online-Händler gefordert. "Der Verdacht wiegt schwer, deswegen müssen jetzt so schnell wie möglich alle Fakten auf den Tisch", sagt sie der "Welt am Sonntag". Der Bericht der unverzüglich eingesetzten Sonderprüfer, der noch in dieser Woche vorliegen soll, werde zeigen, welche Konsequenzen gezogen werden müssen, so die Politikerin, die der Leiharbeitsfirma mit Lizenzentzug droht. Laut "Süddeutsche.de" zieht Amazon nun auch selbst Konsequenzen - und feuert einen Sicherheitsdienst, der mit den Arbeitern schlecht umgegangen sein soll. Verbreitet wird die News unter anderem von der Pressestelle der ARD - via Twitter.

ps/fm

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Ex-Amazon-Zeitarbeiterin: ARD-Reportage hat "vieles sehr verdreht dargestellt"

von Uli Busch

Die ARD-Reportage hat den Stein ins Rollen gebracht: Seit "Ausgeliefert! Leiharbeiter bei Amazon" am 13.Februar ausgestrahlt worden war und den Online-Versandhändler als Ausbeuter zeigte, vergeht kein Tag ohne neue Negativ-Schlagzeilen. Dabei soll die Reportage nicht ganz die Realität am Logistikzentrum Bad Hersfeld widergespiegelt haben. Das behauptet jedenfalls Silvina Cerrada gegenüber dem Anzeigenblatt Bad Hersfelder "Kreisanzeiger". "Vieles ist zwar wahr, aber Vieles ist auch sehr verdreht dargestellt", so Cerrada. Silvina Cerrada arbeitete als spanische Leiharbeiterin für Amazon und kam auch in dem ARD-Beitrag zu Wort.

Richtig sei, dass es über die Einschaltung der Zeitarbeitsfirma und die Arbeitsverträge mit geänderten Lohnzahlungen Irritationen gegeben habe. Nicht richtig findet sie aber, wie die Unterbringung der Arbeiter im Kirchheimer Seepark - ein Tagungs- und Kongresszentrum - dargestellt wurde. In der ARD-Reportage war berichtet worden, dass die Arbeiter hier auf engstem Raum untergebracht und rund um die Uhr von einem Sicherheitsdienst überwacht werden. Silvina Cerrada verteidigt das Seepark-Hotel - was aber auch in ihrem eigenem Interesse liegt: Sie arbeitet dort, seit sie nicht mehr von Amazon weiterbeschäftigt wurde.

"Wenn ich mich hier nicht wohlgefühlt hätte, würde ich doch nicht hier arbeiten wollen", zitiert sie der "Kreisanzeiger". Die ARD-Reporter hätten nur das Negative sehen wollen und Sätze aus dem Zusammenhang gerissen. Außerdem seien Bilder dazugeschnitten worden, die nicht aus dem Seepark stammen. Das "Abfüttern" der Zeitarbeiter in einem Keller etwa, könne es im Seepark nicht gegeben haben, denn einen Keller gebe es hier gar nicht. Auch sei es nicht richtig, dass die Arbeiter mehr oder weniger eingesperrt und von anderen Hotelgästen abgeschottet wurden. Die Anwesenheit und das Auftreten der Security habe allerdings tatsächlich viele provoziert.

Derweil hat Amazon schon wieder neuen Ärger am Hals: Wie unter anderem die "Süddeutsche Zeitung" berichtet, geht es um den Verdacht, dass Amazon den Wettbewerb zwischen verschiedenen Marktplätzen im Internet behindern könnte. Konkret geht es um die sogenannte Preisparitätsklausel, die Händlern untersagt, Produkte, die sie auf Amazon Marketplace anbieten, an anderer Stelle im Internet günstiger zu verkaufen.

von Uli Busch - Kommentare Kommentar schreiben

Shitstorm-Hysterie: Und wo ist der Schaden?

von Ralph-Bernhard Pfister

Der Shitstorm rund um Amazon und die Behandlung von Leiharbeitern im Weihnachtsgeschäft folgt ein paar klassischen Mustern. Es gibt einen Auslöser - hier einen ARD-Beitrag, bei dem man den Begriff "Doku" eher vorsichtig verwenden sollte - danach Empörungswellen im Netz und einen Konzern, der im Social Web im wesentlichen auf Tauchstation geht, unter den hochgepeitschten Wellen durchtaucht. Untermalt vom Klage-Choral der Social-Media-Berater, wie fatal das sei, welch große Schäden das Unternehmen und dessen Image nehmen würde. Aber ist das so? Richten Shitstorms belegbare Schäden an, spürt ein Unternehmen den Zorn der Nutzer? Folgen Taten auf den Protest und die Boykott-Drohungen? Oder können Marken den Sturm genauso aussitzen, wie es Amazon im Social Web im wesentlichen getan hat?

"Es gibt bislang keine substantiellen Analysen über die harte Auswirkung von Shitstorms auf Umsätze", stellt Achim Himmelreich, Partner bei der Unternehmensberatung Mücke, Sturm & Company, fest. "Im Social Media Buzz wird die Wirkung mit Sicherheit übertrieben." Ähnlich sieht es Stephan Fink, Vorstandsvorsitzender von Fink & Fuchs Public Relations. "Ich mag dieses Wort nicht, und es wird immer häufiger für 'Stürmchen im Wassergläschen' genutzt. Die Auswirkungen werden auch oft überschätzt. Selbst laute 'Anti-Whatever-Kampagnen' sollen angeblich nur temporären Einfluss auf das Image haben."

Shitstorms im Netz sind meist ein kurzlebiges Phänomen, die Erregung ebbt bald ab. Facebook-Seiten wie die im Handelsblatt herangezogene "Amazon? Nein Danke!" (die sich laut der Zeitung zunehmender Beliebtheit erfreut) haben weniger als 5.000 Mitglieder. Ein "ich kaufe da nie mehr" ist in der Empörung schnell ausgesprochen oder getippt - das heißt aber noch nicht, dass den Worten Taten folgen.

Christoph Bornschein, Geschäftsführer der Social-Media-Agentur Torben, Lucie und die gelbe Gefahr denkt allerdings, "dass es im Fall Amazon tatsächlich messbare Umsatzrückgänge gegeben hat". Das seien zwar nur kurzfristige Effekte, aber die seien existent. Auch er sagt aber: "Auf lange Sicht hätte es Amazon nicht wirtschaftlich geschadet, das auszusitzen. Aber nicht sichtbare Substanzwerte wie das Markenimage leiden."

Dabei gibt es durchaus Unterschiede zwischen den Empörungsstürmen: Himmelreich zufolge lasse sich generell festhalten, "dass die Wirkung eines Shitstorms dann gravierend ist, wenn das Produkt oder der Shop austauschbar und homogen sind. Dies ist im Falle von Amazon nicht der Fall, da Angebot, Logistik und Usability nahezu einzigartig sind. In diesem Falle siegt sozusagen die 'egoistische Convenience' über 'die moralische Gesinnung' – ganz ähnlich wie bei einem Fleischskandal: Wenn sich der Sturm gelegt hat, werden die Kunden wieder zum Discounter gehen und somit den Druck verstärken, der seinerseits den Kostendruck in der gesamten Lieferkette wiederum erhöht."

Fink verweist darauf, dass manche Beschwerdewelle oder kritische Diskussion sogar durch die souveräne Reaktion der Betroffenen ins Positive gedreht wurde, etwa im Fall der ING Diba. Das gilt aber nicht für alle Fälle: "Bei wirklichem Versagen von Unternehmen oder gar Rechtsverletzungen können die Aufreger im Social Web durchaus den Beginn einer nachhaltigen Krisensituation darstellen", erklärt Fink. "Wobei in solchen Fällen die originären Impulse meist von gut recherchierten Medienberichten oder NGO-Kampagnen ausgehen und nicht 'irgendwo' im Social Web geboren wurden."

Die Gefahr liegt auch hier dann nicht im Shitstorm im Netz selbst - sondern in den Verstärker-Effekten und dem Ping-Pong mit den Medien. Nicht nur, weil unter Umständen der Startimpuls aus ihnen erfolgt. Sondern auch deshalb, weil das Geschehen im Netz Medien die Art von Aufhänges liefert, um das Thema unter anderen Aspekten weiter aufgreifen zu können. Nichts ist schließlich so alt wie die Nachricht von gestern. Aus diesem Weiterdreh kann dann weiterer Brennstoff für Diskussionen On- und Offline entstehen.

Einen direkten Schaden belegt das allerdings noch immer nicht. Wenn nun aber schon - ausgerechnet bei einem digitalen Thema - keine messbaren Werte zur Protest-Performance auf dem Tisch liegen, dann ist meist von den Auswirkungen auf das Markenimage die Rede. Bornschein spricht hier von Schäden, die nicht direkt messbar sind - Kaufentscheidungen, in denen die Marke den Kürzeren ziehe. Auch Michael Samak, CEO von Saatchi & Saatchi, warnt davor: "Markenimages sind in der Partizipations-Ökonomie viel volatiler als manche Unternehmen wahrhaben wollen. Ein richtiger Shitstorm kann dementsprechend einen großen Schaden für eine Marke bedeuten." Ob Shitstorms Auswirkungen auf das Markenimage haben, hängt für Samak vom Veränderungswillen, der transparenten Kommunikation und der Nachhaltigkeit des Handels ab. Als Beispiel nennt er Schlecker: "Das Unternehmen wollte nicht auf die öffentliche Diskussion hören. Hier bestand der Shitstorm aus den Gesprächen unverstandener Mütter und unzufriedener Mitarbeiter. Es hätte sich für das Unternehmen und die Marke gelohnt, frühzeitig offener und transparenter direkt mit den Betroffenen zu kommunizieren – so hätte sich viel Schaden abwenden lassen." Schlecker allerdings ging aufgrund harter wirtschaftlicher Faktoren pleite, nicht aufgrund von Beschwerden im Netz. Schlecker hat sich sein tiefes Loch über Jahre hinweg gegraben. Bei welcher Marke, die in den letzten Monaten im Zentrum eines Shitstorms stand, lässt sich denn ein ernster Schaden zeigen? Gibt es eine?

Natürlich sprechen manche unter der Hand von messbaren Umsatzschäden, aber niemand legt dazu Zahlen auf den Tisch. Freilich reißt sich kein Unternehmen darum, den eigenen Schaden publik zu machen. Ohne belastbares Datenmaterial wirkt die Hysterie um den Schaden von Shitstorms aber so aufgebauscht und überzogen wie manche Shitstorms selbst. Über Amazons Umgang mit Saison-Arbeitskräften wurde in den letzten Jahren immer wieder berichtet. Dem Wachstumskurs des Unternehmens in Deutschland hat das nicht geschadet.

Wer jetzt Schäden erwartet, setzt voraus, dass die Konsumenten nicht vergessen. Dass eine Marke wie Amazon, mit der ihre Nutzer im wesentlichen eine auf funktionalen Erwartungen basierende Zweckbeziehung haben, unter schlechtem Image leiden würde. Und dass dieses Leiden ein Niveau erreicht, bei dem ein privatwirtschaftlich organisiertes Unternehmen reagieren muss.

Ohne Belege ist das eine ganze Menge an Voraussetzungen.

Amazon wird keinen Schaden nehmen. Um zu beurteilen, wer bei welcher Art von Shitstorm überhaupt Schaden nehmen kann, braucht die Branche weniger Aufregung. Und mehr Daten.

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von Ralph-Bernhard Pfister - Kommentare Kommentar schreiben