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Philipp Steuer ist Digitalberater und Autor von "Snap me if you can".
Philipp Steuer ist Digitalberater und Autor von "Snap me if you can". © Foto:Janosch Geiger

Interview mit Philipp Steuer | | von Frank Zimmer

"Snapchat ist gekommen, um zu bleiben"

Jetzt mal ehrlich: Verstehen Sie Snapchat? Momentan zählt der 25-Jährige Kölner Philipp Steuer für viele irritierte Marketer und Medienmacher zu den wichtigsten Innovations-Erklärern seit der Sendung mit der Maus. Tausende Internetnutzer haben sein E-Book "Snap me if you can" heruntergeladen. Ein Interview über Snapchat-Usability, alternde Digitalveteranen, eine gute Entscheidung von Kai Diekmann und ein Google+-Tattoo.

Herr Steuer, ich habe mich vor über einem Jahr bei Snapchat angemeldet und teste es erst jetzt aus, weil ich ohne Ihr E-Book die App nicht begriffen habe. Hören Sie so etwas etwas öfter?

Öfter auf jeden Fall. Weil ich eher mit Menschen über 18 zu tun habe und die App zumindest in ihren Ursprüngen auf eine junge Zielgruppe ausgelegt war. Meine kleine Schwester ist 15, der musste ich gar nichts mehr erklären. Allgemein weicht Snapchat von der Bedienung her ein wenig vom Gewohnten ab. Hier muss man viel mit dem Finger wischen. Hat man das einmal verstanden, erklärt sich der Rest von alleine.

Mir fällt auf, dass sich viele  Digitalveteranen aus der Generation Golf fast damit brüsten, Snapchat nicht zu verstehen. Leute, die sonst peinlich darauf bedacht sind, mit der digitalen Zeit zu gehen. Nehmen wir Snapchat nicht ernst genug?

Es gibt in der Tat vor allem hier in Deutschland das Phänomen, dass sich angeblich total innovative "Wir-rocken-die-digitale-Transformation"-Dinos damit brüsten, von Snapchat keine Ahnung zu haben, weil man ja schon Facebook und Twitter hätte. Das ist in meinen Augen kompletter Bullshit, und die Generation Golf verbrennt sich damit die Finger. Denn erstens ist Snapchat ein heißes Eisen, um bei den Golfmetaphern zu bleiben, und zweitens ist es in meinen Augen eine fragwürdige Strategie, sich für die eigene Ahnungslosigkeit auf die Schulter zu klopfen. Snapchat hat als einziges Netzwerk das Zeug, zu den etablierten Platzhirschen Facebook, Instagram und Whatsapp zu stoßen. Die Zahlen sprechen mehr als dafür, und auch ich beobachte, dass sich selbst hierzulande, im Neophobieland Nummer eins, immer mehr Unternehmen und Medien damit beschäftigen. Ein Ello, ein Tribe... das sind alles nette Ansätze, aber da reden wir bald nicht mehr drüber. Snapchat ist gekommen, um zu bleiben. Das werden die alten Herren noch einsehen müssen.

Aus Sicht von Snapchat müssten es vor allem die Marketer und die Agenturen einsehen. Welche Beispiele fallen Ihnen ein? Wer hat das Potenzial von Snapchat begriffen?

Im Grunde muss es jeder einsehen, der sich oder seine Marke oder sein Unternehmen präsentieren möchte. Natürlich muss man die Inhalte und die Ressourcen haben. Der Content muss für Snapchat entsprechend aufbereitet werden. Nur Bildchen posten ist nicht. Die User wollen Geschichten sehen. Selbst die CSU ist auf Snapchat. Die CSU! Ich hoffe, alle Unternehmen, die das jetzt lesen und noch nicht auf Snapchat sind, fühlen sich wie die letzten Höhlenmenschen. Richtig kapiert haben es schon einige. Der FC Bayern (fcbayernsnaps) zum Beispiel. Das sage ich nicht nur, weil ich Bayern-Fan bin. Das Social-Media-Team macht einen unfassbar guten Job, gibt Einblicke ins Training, ist bei den Spielen dabei und, und, und.

Wie sieht es bei den Medien aus?

Aus Mediensicht hat es "Bild" (hellobild) kapiert. Wobei, eher Manuel Lorenz (supermnl), der Kopf dahinter. Da hat Kai Diekmann echt den richtigen Menschen eingestellt, denn Manuel versteht es wie kein anderer, den "Bild"-Content für Snapchat zu verwerten. Weitere Medien und Unternehmen sind "Chip" (Chip_de), Sixt (sixtde) und "Bento" (bento) in Deutschland. International sollte sich jeder den Content von arsenictv ansehen, dem "Playboy" der Generation Y. Als Personenmarke ist Richard Gutjahr (richardgutjahr) empfehlenswert, der täglich unterhaltsame Geschichten liefert. 

Haben die deutschen Agenturen das Thema im Griff?

Auf dem Schirm: Ja. Im Griff: Nein. Es sind eher die Youtube-Netzwerke, die das Thema Snapchat schon bespielen. Mit ein paar Agenturen bin ich im Gespräch, und es wird Workshops geben. Aber objektiv gesehen ist aktuell die eine Agentur blinder als die andere.

Wie viele Leute haben Ihr E-Book schon heruntergeladen?

10.000. Die Übersetzung ins Englische ist im Gange.

Vor einigen Jahren haben Sie ein Buch über Google+ geschrieben und sich sogar ein Google+-Logo tätowieren lassen. Von Google+ hört man nicht mehr viel, jedenfalls nicht mehr viel Gutes. Was macht Sie so sicher, dass Snapchat erfolgreicher ist?

Google+ hatte damals ein unfassbares Potenzial mit Google im Rücken. Die ersten Ansätze waren auch gut. Aber Google kann social leider nicht und kam auf richtig dumme Ideen, wie die Youtube-User zu einem Google+-Profil zu zwingen. Das Tattoo hab ich mir übrigens nicht aus großer blinder Fanliebe machen lassen, es war ein Wetteinsatz, den ich nach der erfolgreicher Crowfunding-Kampagne meines Buches eingelöst habe. Ich stehe zu meinem Wort. Natürlich wurde ich wegen Google+ und meiner neuen Begeisterung für Snapchat schon als Sensenmann der sozialen Netzwerke bezeichnet. In diesem Fall ist es aber anders. Snapchat ist unabhängig. CEO Evan Spiegel ist extrem smart und zwingt die Nutzer zu nichts. Er trifft die richtigen Entscheidungen, verbessert die App für die Nutzer und sammelt regelmäßig neues Geld ein. Die Reichweite von Snapchat sowie die Nutzerbasis wächst weiter und das alles, obwohl Snapchat ein geschlossenes System ist. Das sind alles extrem gesunde Indikatoren, die mich zuversichtlich stimmen.

Philipp Steuer hat Online-Journalismus studiert, für Google gearbeitet und berät Unternehmen bei ihrer Social-Media-Kommunikation. Gemeinsam mit Sven Giesen betreibt er Snapgeist, die erste Suchmaschine für Snapchat-Nutzer. Als Speaker ist er europaweit für die Themen Snapchat, Digitale Trends und Social-Media-Storytelling im Einsatz.

"Snapchat ist gekommen, um zu bleiben"

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Snapchat: 5 Dinge, die man vom Arsenic Magazin lernen kann

von einem W&V Leserautor

Digitalberater und Snapchat-Experte Philipp Steuer ist beeindruckt: Das US-Magazin Arsenic hat verstanden, wie man als Marke Snapchat perfekt einsetzt.

Ich muss euch nicht erzählen, wie stark Snapchat zum aktuellen Zeitpunkt in Sachen Marketing vor allem auch hier in Deutschland gefragt ist. Immer mehr sehen das immense Potenzial der Plattform, die es als einzige nach vielen Jahren der Tristlosigkeit geschafft hat, etwas Farbe in einen Markt zu bringen, der von Mark Zuckerbergs Social-Imperium (Facebook, Instagram, Whatsapp) dominiert und penetriert wird.

Genau deshalb mag ich Snapchat. Zum aktuellen Zeitpunkt teste ich viel, denn ich will herausfinden, was funktioniert. Aber auch was überhaupt gar nicht läuft.

Natürlich kann ich viel schreiben und erzählen, wie ICH es sehe. Aber es ist noch viel besser, wenn ich es euch anhand eines perfekten Beispiels zeigen kann.

Eine Plattform für starke Frauen

In den Bergen Hollywoods sitzt das Team von Arsenic. Zehn Frauen und zwei Männer bauen hier den Playboy der Generation Y. Die Idee von Arsenic ist es, allen Frauen, egal welcher Form, Größe, Hautfarbe oder Location eine Plattform zu bieten, auf der sie ihre Fotos und Videos veröffentlichen können.

Arsenic TV CR-Arsenic TV

Von Vornherein setzte man auf Social Media. Mittlerweile hat Arsenic rund 1 Millionen Follower auf Instagram und vor einem Jahr kam dann die Idee auf, es mit Snapchat zu versuchen.

Aller Anfang ist schwierig

Doch der Start lief alles andere als gut. Eine 19-jährige Praktikantin brachte ihre Chefs auf den Snapchat Trichter und durfte das Netzwerk testweise für die Marke nutzen. Aber schnell war es dieses typische 0815-Daily-Gebrabbel inklusive Motzerei über den "Verkehr” in Los Angeles. Es passte Snapchat, aber nicht zu Arsenic. Deshalb musste eine andere Lösung her.

Am nächsten Tag stand eines der typischen sexy Photoshootings an. Statt einer dritten Person drückte man den Models direkt selbst das Smartphone in die Hand und ließ sie snappen. Sie konnten zeigen, wie das Ganze aus ihrer Perspektive abläuft. Das Ergebnis: Erstklassiges Behind-The-Scenes Aufnahmen!

Die Views verdoppelten sich, aber man konnte noch nicht von einem riesigen Erfolg sprechen. Zumal es ein weiteres Problem gab: Während man auf Instagram einfach ein Foto dauerhaft posten konnte, verschwanden die Inhalte auf Snapchat nach 24 Stunden wieder. Die Crux an der Sache: Ein Snapchat Kanal ist nur dann wirklich erfolgreich, wenn man es schafft, täglich neue Inhalte zu liefern.

Das Biest wird gefüttert — 500.000 Views pro Snap

Arsenic schaffte es, das Problem zu lösen. Über den Instagram Account rief man die Hobby-Models dazu auf, sich für ein Takeover zu bewerben. Bei einem Takeover übernimmt eine Person den Kanal komplett für einen Tag und liefert entsprechend individuelle Eindrücke aus der eigenen Perspektive. Tausende Damen kamen dem Aufruf nach.

Dadurch hatte Arsenic eine nie versiechende Contentquelle erschaffen, die täglich neue Bilder und Videos ausspuckt. Zudem würde es so nie ein stilisiertes Arsenic Girl wie z.B. die Playboy Bunnies (Blond, Zahnpastalächeln, großes Brüste) geben.

In Januar 2015  -  sechs Wochen nach dem Start des Snapchat Kanals  -  verzeichnete man bereits über 60.000 Aufrufe pro Snap! Mittlerweile  - Stand März 2016  - sind es über eine halbe Million.

Was du daraus lernen kannst

Der Fall Arsenic zeigt, wie man Snapchat bestmöglich als Marke nutzen kann. Für mich sind es im Detail die folgenden Keylearnings:

1.

Scheiß auf schöne Filter  -  Authentizität zählt! Die ist super wichtig auf Snapchat. Die Zuschauer wollen möglichst nah dran sein am Geschehen und sich einen ungefilterten Eindruck machen.

2.

Daily Content - auch wenn das natürlich nicht für jedermann machbar ist, aber jeder erfolgreiche Snapchat Kanal veröffentlicht mehrmals täglich etwas. Dadurch entsteht über die Zeit natürlich auch eine entsprechende Bindung zur Marke.

3.

Überraschung  - Jeden Tag übernimmt eine neue Person den Kanal. Als Zuschauer weiß man so nicht, was einen erwartet. Es kann ein Photoshooting sein. Oder ein Konzert. Oder sexy Damen, die eine Wand schwarz anmalen. Alles ist möglich und genau diese Unwissenheit hat mich super schnell angefixt.

4.

Takeovers sind mächtig — eines der Hauptprobleme von Snapchat ist es, genügend Reichweite auf die eigenen Inhalte zu bekommen. In der App selbst gibt es keine Suche, von daher musst du von anderen gefunden werden. Aus diesem Grund hilft nur die Promotion des Snapchat Kanals über die eigenen Kanäle. Umso besser, wenn es andere Menschen für übernehmen. Jedes Model, dass den Arsenic Kanal übernehmen darf, pushed ihr Takeover entsprechend über ihre Social Media Accounts. Im Gegenzug kann sie ihren Snapchat Usernamen in den Arsenic Snaps erwähnen und bekommt so entsprechend neue Follower auf der Plattform. Eine Win-Win-Situation für beide Seiten.

5.

Testen, testen, testen  -  Der Erfolg von Arsenic kam nicht über Nacht. Dort steckt aktuell über ein 1 Jahr Arbeit drin und der Anfang lief alles anderes als gut. Von daher kann ich dir nur ans Herz legen, so viel es geht in Sachen Inhalt zu testen.

Wenn du jetzt auf den Geschmack gekommen bist, dann kannst du einfach über den folgenden Link ArsenicTV auf Snapchat hinzufügen: snapchat.com/add/arsenictv. Viel Spaß!

Philipp Steuer hat Online-Journalismus studiert, für Google gearbeitet und berät Unternehmen bei ihrer Social-Media-Kommunikation. Gemeinsam mit Sven Giesen betreibt er Snapgeist, die erste Suchmaschine für Snapchat-Nutzer. Als Speaker ist er europaweit für die Themen Snapchat, Digitale Trends und Social-Media-Storytelling im Einsatz.

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