Arbeitsbedingungen | | von Franziska Mozart

Warum der Primark-Shitstorm nach Guerilla-Kampagne aussieht

Schon zum wiederholten Mal ist die britische Billigmode-Kette Primark wegen der Arbeitsbedingungen bei der Herstellung ihrer Produkte in die Kritik geraten. Und obwohl diese Kritik angesichts der niedrigen Preise für die Kleidungsstücke berechtigt sein dürfte, sieht das Auftauchen von eingenähten Hilferufen aus folgenden Gründen nach einer Kampagne aus, um gezielt den Shitstorm gegen Primark herbeizuführen:

Das zeitgleiche Auftauchen der Zettel

Zwei der eingenähten Zettel sollen die Kundinnen bei neu gekauften Kleidern gefunden haben. Auf dem einen stand "... forced to work exhausting hours", also etwa: "... zur Arbeit bis zur Erschöpfung gezwungen ...". Eine weitere Primark-Kundin habe einen Zettel mit der Aufschrift "degrading sweatshop conditions", auf Deutsch: "erniedrigende Sweatshop-Bedingungen" in ihrem Kleid vorgefunden.

Den dritten Zettel, den unter anderem die BBC online zeigt, sei versehen mit einer in asiatischen Schriftzeichen verfassten Klage einer Arbeitskraft, heißt es. Demnach müssten der Verfasser und seine Kollegen "wie Ochsen" arbeiten. Das Essen, das ihnen zur Verfügung gestellt werde, wäre für Tiere ungenießbar. Darüber seien in lateinischer Schrift die Worte "SOS! SOS! SOS!" zu lesen. Die Nachricht soll in den Gefangenenausweis eines chinesischen Gefängnisses eingelegt gewesen sein. Die Hose, in der die Primark-Kundin die Botschaft angeblich gefunden hat, soll sie schon seit Juni 2011 besitzen, bisher aber noch nie getragen worden haben.

Die geografische Verteilung der Zettel

Die beiden in englischer Sprache verfassten Zettel sollen in Kleidern gefunden worden sein, die im walisischen Swansea gekauft wurden, der dritte, asiatisch verfasste Zettel in Belfast. Alle drei tauchten also in Großbritannien auf. Dort ist Primark zwar besonders stark, doch bei insgesamt 250 Filialen, die Primark in Europa betreibt, ist die Konzentration auf das Königreich doch auffällig.

Die englische Sprache auf den Zetteln

In Bangladesch beispielsweise, wo Primark unter anderem produziert, sind geschätzt 70 Prozent der Frauen Analphabeten. Dass eine Näherin dort auch noch englische Wörter aufsticken könnte, dürfte äußerst unwahrscheinlich sein.

Ungereimtheiten bei den Verkaufsdaten der einzelnen Produkte

Primark behauptet in einer Pressemitteilung, die beiden in Swansea aufgetauchten Zettel seien auf Produkten aufgebracht gewesen, die bereits 2013 zuletzt im Sale waren. In den Medienberichte zu den Funden wird dagegen suggeriert, die Kleider wären neu gekauft worden. Die angeblich 2011 gekaufte Hose aus Belfast soll dagegen seit 2009 nicht mehr im Verkauf sein.

Ob es nun tatsächlich betroffene Näherinnen waren, die die Botschaften verbreitet haben, oder Helfer aus dem Westen, die eine Debatte über die Arbeitsbedingungen anstoßen wollten – der Plan ging auf. Internationale Medienberichte, Shitstorm im Social Web und Boykott-Aufrufe sind die Folge. Gleichzeitig wird bereits die Agentur gelobt, die hinter einer möglichen Guerilla-Kampagne stehen könnte.

Schon vor rund einem Jahr stürzte das Social-Responsibility-Kartenhaus von Primark zusammen mit dem Rana Plaza ein. Damals wurde bekannt, dass das Unternehmen Kleidung in der Fabrik in Bangladesch hatte fertigen lassen, deren Gebäude im April 2013 eingestürzt war und mehr als 1100 Billigarbeiter unter sich begraben hatte. (fm/app/pda)

Warum der Primark-Shitstorm nach Guerilla-Kampagne aussieht

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Nach Shitstorm: Imageschaden für Primark

von Franziska Mozart

Die eingenähten Hilferufe in Primark-Klamotten zeigen offenbar Wirkung. Wie die "Wirtschaftwoche" (WiWo) in ihrer Auswertung des YouGov-Markenmonitor BrandIndex berichtet, lässt sich der Shitstorm in Deutschland anhand von schlechteren Imagewerten der Billigmarke nachweisen.

Ende Juli tauchten nahezu gleichzeitig drei Zettel in Kleidungsstücken des Modediscounters auf, die die schlechten Arbeitsbedingungen der Näherinnen anprangerten. Mit großem medialen Aufschlag wurde darüber berichtet. Besonders negativ wirkte sich dabei aus, dass Primark in dem 2013 eingestürzten Rana Plaza produzieren ließ. Als die Fabrik in Bangladesch im April 2013 zerstört wurde, begrub sie mehr als 1.100 Billigarbeiter unter sich. Zwar gibt es einige Hinweise, dass es sich bei den kürzlich aufgetauchten Hilferufen um eine Guerilla-Aktion gegen Primark handeln könnte, doch das ändert nichts daran, dass die Produktionsbedingungen der Klamotten dadurch stärker ins Bewusstsein rückten.

Nur noch jeder fünfte Käufer im Alter bis 30 Jahre, der die Marke kennt, kann sich vorstellen, bei Primark einzukaufen. Laut "WiWo" ist dies ein Negativrekord. Der Wert war laut Auswertung vor dem Shitstorm sogar der beste der vergangenen zwölf Monate: Zuletzt war für jeden Dritten Kenner der Marke in dieser Altersgruppe ein künftiger Einkauf bei Primark denkbar, jeder vierte gab sogar an, kürzlich dort etwas gekauft zu haben.

Der Shitstorm kam für Primark in Deutschland zu einer ungünstigen Zeit, denn kurz nach der Entdeckung der vermeintlichen Hilferufe eröffnete die zweite Berliner Filiale. Am Alexanderplatz gab es aus diesem Anlass mehrere hundert Demonstranten gegen die Billigmarke. Sollte die Aktion mit den eingenähten Hilferufen eine Guerilla-Kampagne gewesen sein, war sie erfolgreich.

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