Fachkräftemangel | | von Ralph-Bernhard Pfister

Zukunft der Arbeit: "Work-Life-Balance ist Unsinn"

Digitalisierung, demografischer Wandel, veränderte Welt- und Karrierebilder: Die Arbeitswelt ist einem deutlichen Wandel unterworfen. Für Unternehmen wie Arbeitnehmer bringt das Herausforderungen mit sich – in Teilen entstehen sie durch Digitalisierung, manches Problem kann neue Technologie aber auch lösen. Daher widmet sich der W&V-Schwestertitel Kontakter diesem Thema in einer sechsteiligen Business-Trends-Serie. Eine Übersicht und einen Kommentar zum Thema finden Sie hier. Teil des Auftakts: Ein Interview mit Harald Fortmann, der als Director Executive Search bei Cribb gerade das Digital-Segment voll im Blick hat. 

Herr Fortmann, Sie haben es vor allem mit Führungskräften im Digitalbereich zu tun. Gerade da ist immer wieder vom Fachkräftemangel die Rede. Wie sehr macht sich das wirklich bemerkbar?
 
Knappheit gibt es nicht nur bei Führungskräften sondern überall, auch bei Junioren. Seit zwei Jahren hat sich das verschärft, weil die Industrie für ihren Digitalisierungsprozess Teams aufbaut. Wo früher nur Agenturen, Vermarkter und Pure Player um Experten gerungen haben, ist jetzt die gesamte Industrie dabei. Das hat die Gehaltsspirale nochmal massiv nach oben gedreht. Einige haben gar keine andere Wahl, als intern fortzubilden.
 
Gehalt ist ja nur ein Punkt. Inwiefern zeigt sich, dass Unternehmen andere Angebote machen müssen? Manche Personaler sind ja fast schockiert, dass Kandidaten nun fragen, was die Firma anzubieten hat.
 
Ja, das ist ein deutlicher Wandel. Einiges hat sich aber kein Stück verändert: Wer gut ist und viel arbeitet, wird auch viel Geld verdienen und die Karriereleiter erklimmen. Das geht im Digitalbereich nur viel schneller als in anderen. Sie müssen weg von dem Gedanken, dass jemand Ende 20 kein Team führen könnte. Die Kandidaten orientieren sich auch stärker an anderen Werten: Kann ich auch mal von zu Hause arbeiten? Für welche Kultur steht das Unternehmen, kann ich neue Ideen einbringen? Das beschäftigt sie, nicht der Firmenwagen.
 
Studien sagen, dass Faktoren wie Work-Life-Balance, Sinnhaftigkeit oder Gestaltungsspielraum wichtiger geworden sind. Können Firmen damit umgehen?
 
Ganz kurz: Work-Life-Balance ist Unsinn. Der Generation Y und denen danach geht es um Gestaltungsspielraum. Die wollen nicht von Neun bis Fünf am Schreibtisch sitzen, sondern auch mal früh um Sechs Mails abarbeiten und dafür erst nach dem Frühsport ins Büro kommen. Damit tun sich gerade traditionelle Unternehmen schwerer. Durch die Digitalisierung ist es aber möglich, auch von anderen Orten zu arbeiten. Die Kehrseite: Viele erwarten, dass sie 24/7 erreichbar sind. Das ist problematisch – nicht umsonst ist die Burnout-Rate in der Digitalbranche besonders hoch.
 
Das heißt, Unternehmen müssen Strukturen finden, die verhindern, dass Mitarbeiter ausbrennen.
 
Ja. Gerade die Digitalwirtschaft ist eine sehr schnelle Branche – und Vermarkter oder Agenturen arbeiten traditionell unter dem Personalsoll. Da verlangen Sie extrem viel von den Mitarbeitern. Personalgespräche und Kommunikation sind heute wichtiger denn je, weil das fast die einzige Möglichkeit des Monitorings darstellt. Auch bei 360-Grad-Reviews müssen solche Indikatoren mitbeachtet werden.
 
Unternehmen müssen inzwischen stärker um Kandidaten werben. Fällt das mittelgroßen Unternehmen leichter als den Großen, die daran gewöhnt sind, dass ihre Marke die Top-Leute anzieht?
 
Definitiv. Das ganze Thema Employer Branding ist in einem neuen Licht zu sehen. Die großen Häuser sitzen teilweise auf dem hohen Ross. Wir sehen aber oft, dass dort gar nicht so viele hinwollen. Mittelständler sind auch bei der Adaption von Branding-Methoden schneller – etwa via Social Media den Alltag und das Unternehmen zeigen.

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