Anneli Botz | | von Katharina Hannen

Amy&Pink-Bloggerin: "Ich glaube an die Macht des Aufbegehrens"

So hat sich Anneli Botz den Berufseinstieg nicht vorgestellt: Mit dem Magisterabschluss in der Tasche heuerte die 27-Jährige bei einer Berliner Produktionsfirma an und übernahm nach einer Reihe von Kündigungen die Aufgaben von ehemals fünf Redakteuren - bei einem Gehalt von 1000 Euro im Monat. Sie steigert die Zuschauerzahlen und erntet trotzdem gehäuft Kritik von ihren Chefs, sie solle sich mehr engagieren. Nach einem Jahr kündigt Botz. In einem Beitrag für das Blog "Amy&Pink" macht die junge Frau ihrem Ärger über die Ausbeute in der Medienbranche Luft. Mit W&V Online sprach sie über Reaktionen auf ihren Artikel, das Diktat der Medienbranche und die Freiheit des Aufbegehrens.

Frau Botz, was gab den Ausschlag zu Ihrem Artikel?

Meine Kündigungssituation lag zu dem Zeitpunkt, an dem ich den Artikel geschrieben habe, schon zwei Monate zurück. Er ist also nicht aus einer Laune entstanden. Mittlerweile waren Zeit und Reflektion ins Land gegangen, und doch habe ich gemerkt, dass mich diese Situation und Thematik auch längerfristig noch beschäftigt hat. Ich musste mir erst wieder selber bewusst werden, was ich wert bin. Nach einer längeren Zeit in einem solchen Arbeitsverhältnis fängt man selbst fast an zu glauben, dass eine derartige Situation normal sei.

Sie sagen, Ihre Arbeit sei "unterhaltsam" gewesen, hätte aber keinen "langfristigen kulturellen Beitrag geleistet". Warum sind Sie überhaupt so lange geblieben?

Meine Arbeit war durchaus unterhaltsam, weil ich dem Jahr in der Berliner Medien- und Modeszene viel erlebt habe und ein sehr gutes und nettes Team um mich hatte. Dass der kulturelle Anspruch aber nicht dem meinigen genügte, war eine Sache, die ich erst mit der Zeit über meinen Job und auch über mich herausgefunden habe. Da kann man dem Unternehmen als solchem keinen direkten Vorwurf machen, da sie auf ihrer Ebene gute Beiträge produzieren. Aber wie sehr es mich stört, dass ich mich von meinem persönlichen Werdegang entfernt habe, wurde mir erst im Verlauf bewusst. Dabei muss man allerdings ganz klar sagen, dass ein Gehalt, welches einen am Existenzminimum hält, auf Dauer zu einer großen Frustration beiträgt. Natürlich hätte ich eher gehen können, aber so eine Entscheidung muss schon reifen, zumal es durchaus auch Phasen gab, die mich bereichert haben und in denen ich einiges gelernt habe.

 

War die Kündigung eine Überhitzung im Gespräch oder die bewusste Entscheidung?           

Nun ja, ich denke man liest in dem Artikel schon, dass dieses Gespräch durchaus von einer Grundpolemik geprägt war. Die Entscheidung habe ich allerdings innerlich ruhig und bewusst getroffen, zumal sich meine Gedanken zu dieser Situation natürlich auch im Vorfeld bereits manifestiert hatten. In einer anderen Situation hätte ich ein Gespräch wie dieses vielleicht einfach ausgesessen, aber auf einmal fragte ich mich selbst: "Warum muss ich mich dem eigentlich aussetzen? Wo liegen meine Fehler? Ist die Kritik berechtigt? Was rechtfertigt einen solchen Umgang des Vorgesetzen mit seinen Angestellten? Und in welchem Verhältnis steht das Ganze zu dem, was ich von meinem Job bekomme?" Ich empfand es als eine Ungerechtigkeit. Da dies nicht das erste Gespräch dieser Art war, wurde mir schnell bewusst, dass sich konstruktiv keine Lösung finden lassen würde, zumal meine Vorgesetzten auch nicht zufrieden schienen. Man sollte nicht vergessen, dass das Gespräch primär durch eine Kritik an meiner Arbeit motiviert war. Wie im Artikel beschrieben, fand ich diese Kritik willkürlich und haltlos, und insofern gab es für mich eigentlich keine Alternative, ohne mich selbst künftig zu kompromittieren. Zu kündigen war also ein Impuls, der auf einer länger gereiften Meinung fußte.

Glauben Sie tatsächlich an die "Macht des Aufgebens" oder eher an Auflehnung gegen bestehende Strukturen?

Ich glaube tatsächlich an die Macht des Aufbegehrens - und vor allem glaube ich an die Bedeutsamkeit anzuerkennen, dass wir in einem Land leben, in dem wir die Freiheit haben, von dieser Macht Gebrauch zu machen. Das ist ein großes Gut, welches wir wahrnehmen dürfen und müssen.
Durch meine Kündigung dreht sich die Welt jetzt nicht andersherum, aber sie hat mich persönlich unter anderem an fundamentale Grundwerte erinnert. Es ist doch fatal, dass solche Werte in unserer Gesellschaft eigentlich rückläufig sind, obwohl sie darauf aufbaut. Durch Gleichklang und Duckmäusertum lässt sich meiner Erfahrung nach kein Fortschritt erwirken.

Abgesehen von der Bezahlung – halten Sie die Medienbranche in Berlin und anderswo tatsächlich für eine "Hölle"?

Der Begriff "Hölle" ist de facto überspitzt dargestellt. Mein Artikel trug ursprünglich den Titel "Von der Unfreiheit frei zu sein". Mir war aber bewusst, dass ein Medium wie Amy&Pink eine etwas andere Schreibe hat, was dies anbelangt. Insofern habe ich dem Blog die Titelwahl überlassen. Nichtsdestotrotz empfinde ich die Medienbranche - für mich in Berlin, für andere an vielen weiteren Standorten in Deutschland - als eine Szene, in der Ausbeutung und Unterbezahlung gang und gäbe sind. Ich persönlich befinde mich derzeit in einem sehr guten Arbeitsverhältnis, aber hier wäre ich ohne meinen Schritt zur Kündigung wahrscheinlich nicht angelangt. Insofern kann man es zwar nicht pauschalisieren, aber das Problem ist allgegenwärtig und es kann durchaus die Hölle sein, seinen Lebensunterhalt nicht mit dem, was man gelernt hat, bestreiten zu können, vor allem wenn man motiviert und engagiert dabei ist.

Der Schritt, die eigene Geschichte öffentlich zu machen, erfordert Mut. Wie fielen die Reaktionen auf Ihr Verhalten aus? Gab es vielleicht auch ein neues Jobangebot?

Ich war sehr überrascht über die wirklich sehr große und vor allem positive Resonanz. Persönlich habe ich weder die Kündigung noch die Veröffentlichung als mutig, sondern schlichtweg als Bedürfnis empfunden. Ich habe geschrieben, worüber ich mit vielen gesprochen habe. Und da es mir dann auch als Text noch sinnvoll erschien, kam es zur Veröffentlichung. Ich sehe nicht ein, sich immer nur im "Geheimen" zu beschweren, aber dann nicht dazu zu stehen, sobald eine größere Masse involviert ist. Die Kommentare auf dem Blog sind teilweise kritisch, zuweilen etwas scharfzüngig. Das war zu erwarten, denn in der Anonymität des Internets lassen viele ihrer Meinung freien Lauf, sei diese nun adäquat formuliert oder eben nicht. Aber auch das hat natürlich seine Berechtigung.
Großartig und auch interessant fand ich neben dem Zuspruch aus meinem direkten Umfeld die zahlreichen E-Mails und Facebook-Nachrichten von Unbekannten, die mich erreicht haben. Bislang sind es an die 80 Mails und es ist beinah unheimlich, wie vielen es ebenso zu ergehen scheint.
Viele der Nachrichten beschreiben ähnliche Situationen, gratulieren mir zu meiner Entscheidung, loben den Artikel und die Veröffentlichung. Auch einige Jobangebote waren dabei - das fand ich sehr amüsant. Einige davon sind durchaus überlegenswert. Alles in allem freut es mich, dass der Bericht eine allgemeine Debatte angestoßen hat. Und die Beteiligung, sei sie positiv oder negativ, zeigt doch, dass viele eine Meinung zu diesem Thema haben und das Bedürfnis verspüren, sie zu äußern.

Wissen Sie, wie es nach Ihrer Kündigung mit Ihrem ehemaligen Arbeitgeber weitergegangen ist?

Ich denke, dass dort alles beim Alten geblieben ist. Für mich wurde, soweit ich weiß, niemand eingestellt, aber es arbeiten auch weiterhin fähige Leute für das Unternehmen.

Sie sind nur ein Beispiel von vielen schlecht bezahlten Redakteuren. Welche Veränderungen wünschen Sie sich für die Branche? Halten Sie diese Wünsche für umsetzbar?

In den Kommentaren zeichnete sich bei manchen ab, dass man doch auch nichts anderes zu erwarten hätte als Jobeinsteiger und Geisteswissenschaftler. Das finde ich sehr vermessen und es zeigt, wie viel dort schon falsch läuft in den Köpfen. Als freie Redakteurin musste ich natürlich auch noch die entsprechenden Abgaben von meinem 1000-Euro-Honorar machen. Das heißt, es blieben circa 600 Euro im Monat. In mein sechsjähriges Studium, Auslandsaufenthalte, meinen Abschluss und Praktika habe ich viel Zeit und Energie gesteckt. Es handelte sich aber um keine Ausbildungszeit mit Verdienst. Dass man mit 27 und einem fertigen Universitätsabschluss zumindest erwarten kann, Miete und Lebensunterhalt abzudecken, halte ich für absolut gerechtfertigt.
Ein entsprechendes Gehalt und ein respektvoller Umgang mit Mitarbeitern führt nicht nur zu einem angemessenen Arbeitsverhältnis, sondern ist schlichtweg auch ein großer Motivationsfaktor. Wenn diese Balance nicht stimmt, kann man auf Dauer keine Leistung erwarten. Ich bin nicht nur der Überzeugung, dass dies umsetzbar ist, sondern glaube, dass es auf Dauer umsetzbar sein muss.
Vor allem aber würde ich mir wünschen, dass sich prinzipiell die Einstellung zu kreativem Gedankengut ändert. Ein Kommentar unter meinem Artikel sprach davon, dass eine Branche, die keinen Mehrwert erzielt, auch entsprechend wenig verdienen müsse.
Anders als Anwälte, BWLer oder beispielsweise Ingenieure haben Geisteswissenschaftler in unserer Gesellschaft keinen Stellenwert mehr, da sich auf den ersten Blick kein vergleichbarer Mehrwert für das allgemeine Kapital erkennen lässt. Ich finde, das ist eine fatale Sichtweise. Denn schöpferisches, freies und kreatives Gedankengut bilden unter anderem die Säulen einer demokratischen und moralorientierten Gesellschaft, in der die meisten von uns doch gerne leben möchten.
Soll diese auch künftig weiter aufrechterhalten werden, sollte das ehemalige Land der Dichter und Denker weniger auf die Ausbeute und Verdrängung von kreativ-motivierten und klugen Menschen setzen, sondern sich auf deren Förderung und Wertschätzung konzentrieren.

Amy&Pink-Bloggerin: "Ich glaube an die Macht des Aufbegehrens"

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