So zu berichten und zu reflektieren, wäre weit glaubwürdiger und würde klar einen Gegenpol markieren zur Herabsetzung des journalistischen Berufsstandes durch Begriffe wie "Lügenpresse" sowie der durch alle Gesellschaftsschichten sich durchziehenden Gleichgültigkeit oder undifferenzierten Geringschätzung von Journalismus generell. Ereignisse sind eben nicht erst oder nur wahr, wenn sie im Polizeibericht stehen – im Gegenteil. Die Arbeit der Polizei kritisch zu beobachten, ist Teil des Auftrags an professionellen Journalismus.

Wann muss man Flüchtlinge Flüchtlinge nennen?

Ein Grundpfeiler ethischen Abwägens ist, vorher darüber nachzudenken, was folgen könnte, wenn man bestimmte Informationen veröffentlicht. Es wäre jeweils zu fragen: Wird dies die Öffentlichkeit eher aufrütteln, also positive Folgen haben? Oder das Gegenteil? Und was wären wohl die  Folgen, wenn man nicht berichtet?

Der Pressekodex empfiehlt in Richtlinie 12, die ethnische, nationale oder religiöse Zugehörigkeit eines Menschen nur dann zu nennen, wenn dies für das Verständnis beispielsweise  einer Straftat notwendig ist; diese Einschränkung soll Stereotypen und Klischees vorbeugen.

Die Richtlinie  würde dazu auffordern, eine mutmaßlich arabische oder nordafrikanische Herkunft nicht zu erwähnen. Aber Ethik ist immer ein Abwägen – auch zwischen verschiedenartigen Empfehlungen: Welche wiegt schwerer? Entscheidend sind Kontext und Differenzierung. Wenn gegenwärtig breite Kreise der Gesellschaft fürchten, von Flüchtlingen gehe ein besonderes Risiko aus, oder wenn sie glauben, nur Flüchtlinge könnten in Köln die Täter gewesen sein, dann kann – siehe Richtlinie 1 – gewichtig sein, das Thema Herkunft von vornherein aufzugreifen: War bei den Ausschreitungen die Herkunft der Täter überhaupt bekannt oder nur eine Vermutung, spielte Herkunft eine Rolle? Denn sexuelle Übergriffe auf Frauen beispielsweise gab es nicht nur an Silvester 2015/16 in Köln, sondern gibt es auch auf dem Oktoberfest in München oder an Karneval – und auch durch Männer anderer Herkunft (und auch auf Männer). Ähnliches gilt auch für organisierte Diebstähle oder Feuerwerkskörperattacken.

Transparenz hochhalten, Echtheit prüfen, Kante zeigen!

Ein Beispiel: Köln TV (das Fernsehen des Kölner Stadtanzeigers) thematisierte gestern am Montag, dass Videomaterial des Senders, das eine am Sonntag aus der Menge der Pegida-Demonstranten abgeschossene Rakete zeigte, offenbar in einer manipulierten Version im Netz verbreitet wurde, in der der Feuerschweif retuschiert war. Damit sollte wohl Journalisten unterstellt werden, sie selbst hätten den Feuerwerkskörper gezündet, damit die Polizei die Demonstration auflöst; und auf der Köln-TV-Facebook-Seite wurden, so Moderator Oliver Schöndube Journalisten unter anderem mit "Get Cancer" ("bekommt Krebs!") beschimpft.

Darin steckt mehrerlei. Wieder einmal wird klar, wie wichtig alte journalistische Tugenden weiterhin sind: Das Überprüfen von Informationen auf ihren Wahrheits- und Echtheitsgehalt; denn dieses Video ist nur ein weiteres Beispiel für zahlreiche Fälschungen, die im Netz kursieren.

Und wieder einmal wird klar, wie wichtig es ist, dass Medien ihrem Publikum transparent machen, wie sie arbeiten und welche spezielle Leistung sie erbringen.

Wieder wird zudem offensichtlich, dass wir den Filterblaseneffekt noch weit ernster nehmen müssen: Soziale Medien verwenden bestimmte Algorithmen, durch die Menschen vor allem mit ihren eigenen Sichtweisen konfrontiert werden; so schaukeln sich auch Ängste und radikale Ansichten hoch bis hin zum Hass.

Wieder einmal wird also deutlich, dass klar unterschieden werden muss zwischen einem Diskurs, in dem es auf der einen Seite um durchaus kontroverse Meinungen zu einem Thema geht, um Ängste und Sorgen und auf der anderen Seite um Hass: Hass ist keine Meinung, "get cancer" keine Meinungsäußerung, sondern eine Beleidigung, bei der Redaktionen dringend Kante zeigen, strafrechtliche Relevanz prüfen und solcherlei zur Anzeige bringen sollten.

Auch dies ist eine Frage der Ethik, also der Werte-Orientierung. Beides – Kante zeigen und der Diskurs – sind Aufträge an jeden von uns und eine Frage der Haltung: Systematische Herabsetzung müssen wir uns nicht gefallen lassen – nicht als Bürger, nicht als Journalisten.

Die Autorin: Marlis Prinzig ist Journalistin, Medienforscherin und Professorin an der Hochschule Macromedia in Köln.


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