Interview mit Nicole Joens | | von Petra Schwegler

Autorin rechnet mit ARD und ZDF ab: "Kreativität: nicht vorhanden"

Nicole Joens hat unter ihrem Mädchennamen Nicole Houwer Jahrzehnte Drehbücher für die öffentlich-rechtlichen Sender geschrieben. Heute geht sie vor allem mit dem ZDF hart ins Gericht: In ihrem jetzt erschienenen Buch "Tanz der Zitronen" macht sie Skandale und Korruption auf dem Lerchenberg aus, schildert ihr jahreslanges Gerichtsverfahren und schreibt auch über den mysteriösen Tod einer beliebten ZDF-Redakteurin. Der Groll sitzt offensichtlich tief. W&V Online hat bei der Münchner Autorin nachgefragt, wie es so weit kommen konnte.

Frau Joens, Sie haben 20 Jahre als TV-Autorin gearbeitet, viel für den "Marienhof" in der ARD und für zahlreiche Filme im Zweiten geschrieben. In Ihrem Buch "Tanz der Zitronen" werfen Sie Ihrem Ex-Brötchengeber ZDF Skandale, Amigo-Affären und Korruption vor. Wie ist es dazu gekommen?

ARD und ZDF könnten großartige Sender sein, die Grundstruktur und der demokratische Gedanke dahinter sind genial. Die Realität, also, das was durch den politischen Einfluss, aber vor allem die vielen nicht künstlerisch ausgebildeten Entscheidungsträgern bei den Sendern letztendlich produziert wird, das kann man nur dilettantisch nennen, wenn man die zur Verfügung stehenden Gelder in Betracht zieht. Da sitzen alternde Verwalter auf den Entscheidungsebenen, die teilweise über sechs Monate brauchen, um einen zehn Seiten langen Vorschlag für einen Film oder eine Serie überhaupt nur zu lesen. Die Produktions-Gelder werden gerne auf Amigo-Ebene vergeben, Posten grundsätzlich gerne politisch "korrekt" besetzt und die Qualität ist zum Heulen. Nun habe ich anfangs gedacht, dass es bei ARD und ZDF besser werden kann. Aber sowohl die Kommunikationsfähigkeit der Redaktionen als auch die angestrebte Kreativität sowie die personelle Besetzung sind immer noch nicht vorhanden.

 

Wie haben Sie das öffentlich-rechtliche System wahrgenommen?

Intelligentes Programm ist immer noch Mangelware. In Redaktionen gilt man als lästig, wenn man verlangt, dass dort gearbeitet wird, dass Zeitpläne eingehalten werden und man qualifizierte Mitarbeiter zur Verfügung gestellt bekommt. Da viele Redakteure noch nicht einmal mehr lesen wollen, soll man Drehbuchideen "vortanzen", was in meinen Augen ein weiteres Zeichen dafür ist, dass dort einfach nicht mehr die richtigen Leute sitzen. Mein erschreckendes Aufwachen beim ZDF war ein "geplatzter" Vierteiler, der mit einer Produktionsfirma gedreht werden sollte, die mir im Internet durch einen Gerichtsfall aufgefallen ist, bei dem Autoren benachteiligt wurden. Ich begann nachzuhaken, bis hinauf zum heutigen Intendanten des ZDF. Der Fall wurde immer bizarrer, bis ich schließlich verklagt wurde - wahrscheinlich um mich mundtot zu machen. In meinem Fall ging es lediglich um einen Produktionsauftrag von vier Millionen Euro, der letztendlich abgesagt wurde. Die verdächtigte Firma bekam aber schnell den nächsten Auftrag vom ZDF. Ich hingegen kam auf eine schwarze Liste. Der Rest steht in meinem Buch.

Immer wieder werden Vorwürfe gegen das ZDF laut, die Causa Brender hatte 2010 gar einen Klage gegen den Staatsvertrag zur Folge. Wie haben Sie im Dunstkreis des Zweiten die Absetzung des Chefredakteurs damals miterlebt?

Es war wirklich schockierend, dass bei einem so qualifizierten und hoch angesehenen Journalisten wie Herrn Brender der politische Einfluss so selbstverständlich im ZDF selbst hingenommen wurde. Es hat mich total erstaunt. Eine Redakteurin, die ich damals regelmäßig wegen eines Projektes traf, sagte sogar, dass Brender ganz einfach nicht ins politische Profil passen würde. So sei es eben. Ich erwiderte natürlich, dass wir für so eine Haltung keine Gebührengelder bezahlen würden, da die Staatsferne eine Grundvoraussetzung ist. Seitdem habe ich in meiner Recherche herausgefunden, dass politischer Einfluss die Norm ist. Sieht man sich ZDF, BR, HR und auch den SWR an, so ist gerade das fiktionale Programm teils stark politisch ausgerichtet.

Sie beklagen die Konditionen für Autoren und Produzenten. Kann die Produzentenallianz an dieser Situation etwas verändern?

Die Produzentenallianz hat ein entschiedenes Problem: Es sind sehr viele fest angestellte Produzenten in dieser Allianz, die den Namen eigentlich gar nicht unbedingt tragen dürften, da sie von ARD und ZDF abhängig sind. Für uns Autoren ist es das erste Mal in der Geschichte des öffentlich-rechtlichen Fernsehens, dass wir nicht mehr auf einer Seite mit den Produzenten stehen. In meinem Fall - ich bin seit ein paar Jahren selbst "freie" Produzentin - akzeptiere ich keinerlei politische Zensur. Aber ich verlange auch von so genannten Produzenten in einer Allianz, dass sie auf eigenes Risiko arbeiten und sich nicht primär durch öffentliche Gebühren finanzieren. Das gilt übrigens auch für so große Namen wie Matthias Esche. Sieht man sich das Finanzkonstrukt der Bavaria an, so muss auch Herr Esche in einem permanenten Interessenskonflikt stehen. Meiner Meinung nach sieht man es seit Jahren an der Qualität und dem mangelnden Mut der Bavaria-Geschichten. Da lebt die Bürokratie und es regiert ein politischer Geist, der uns Kreativen oft jegliche Lust an einer möglichen Zusammenarbeit nimmt.

Hat Ihr Gang an die Öffentlichkeit schon etwas bewirkt?

Ja, ich bekomme viele wundervolle Zuschriften, auch aus Österreich, wo man ein ganz ähnliches Phänomen beobachtet, nämlich die zunehmende politische Kontrolle bei gleichzeitiger Geldverschwendung. Wir starten in diesen Tagen im Internet eine Diskussionsrunde; es haben sich über 50 Teilnehmer angemeldet.

Aus Ihrer Sicht steckt das ZDF in einer Zwickmühle. Was tun?

Das ZDF hat einige großartige Ansätze - bei gleichzeitiger hoher personeller Altlast und übertriebener inhaltlicher USA-Hörigkeit. Mein Rat: Ganz schnell raus aus dem Elfenbeinturm, offen kommunizieren und so viele talentierte Kreative um sich scharen, wie nur möglich. Leider hat der neue Programmdirektor Norbert Himmler bereits bekundet, dass er für das fiktionale Programm erfolgreiche US-Serien wie "Breaking Bad" auf Deutsch herstellen lassen will. Es fällt beim ZDF gar nicht mehr auf, dass abgekupfert wird. Auf Autorenebene war das ZDF die letzen Jahre für viele Kollegen eher unerfreulich. Die Verhandlungen mit unserem Drehbuchverband (VDD) über die Tarife für Drehbücher zogen sich über Jahre, aber es arbeiten auch nur noch wenige gute Redakteure beim ZDF. Das ist für uns Autoren leider auch eine Voraussetzung: Gut geschulte, mutige und vor allem auch arbeitswillige Redakteure, deren Lieblingssatz nicht unbedingt heißt: Das Drehbuch passt so schon - es versendet sich eh!

"Tanz der Zitronen" ist im Verlag CindigoBook der Münchner Filmproduktion CindigoFilm GmbH erschienen, die 2010 von Nicole und Philip Joens gegründet worden ist. Im Herbst 2014 lässt die Autorin einen weiteren Band über das öffentlich-rechtliche System folgen: "Tanz der Medien-Euros". Darin soll es ihr zufolge um die Verschwendung von Fördergeldern gehen.

Autorin rechnet mit ARD und ZDF ab: "Kreativität: nicht vorhanden"

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