Kommentar | | von Petra Schwegler

Das Dementi ist ein verlogenes kleines Ding

Unter "Dementi" versteht der Duden "offizielle Berichtigung, Widerruf einer Nachricht oder Behauptung". Unter "Dementi" versteht die Medienbranche - und im jüngsten Fall Gruner + Jahr – eher: "Was schert uns das, was wir noch vor ein paar Stunden erzählt haben". Einmal mehr zeigt die schnelle Entmachtung des bisherigen "Stern"-Chefredakteurs Dominik Wichmann, dass die Berichtigungen von sich rasch verbreitenden Spekulationen oft gar nicht richtig sind. Am Donnerstagvormittag mussten Branchendienste noch weitergeben: "Dominik Wichmann ist und bleibt Chefredakteur des 'Stern'." Es wurde "Kein Kommentar" daraus. Nach 15 Uhr hieß es dann über den großen Verteiler: "Christian Krug übernimmt zum 1. Oktober 2014 die Stern-Chefredaktion".

Ein Tag, mehrere Haltungen. Da mag man dem Verlag aus Hamburg schon fast verzeihen, dass er Anfang Juli gegenüber dem W&V-Schwestertitel "Kontakter" noch irgendwelche Gerüchte über einen erneuten Wechsel an der Spitze des Nachrichtenmagazins weit von sich gewiesen hat. Zur Ehrenrettung von Gruner + Jahr muss aber gesagt werden, dass das Dementieren in der Branche weit verbreitet ist. Seit Jahren schon. Drohender Stellenabbau? "Das dementieren wir." Einige Wochen später räumen dann auch Häuser wie Burda ein, dass doch der Rotstift kreist und Mitarbeiter das Haus verlassen müssen. Oder die Münchner haben plötzlich wirklich zu verkünden, dass die Geschäftsführung ausgedünnt wird – allen Dementis zum Trotz.

Direkt professionell erschien da vor sechs Jahren, dass der seinerzeit als ProSiebenSat.1-Marketingvorstand gehandelte Ex-BBDO-Manager Klaus-Peter Schulz einfach nicht ans Telefon ging. Schulz bekam den Posten später, aber kein Medienjournalist fühlte sich so recht veräppelt – und das bei einer TV-AG, die auch mal schnell zum Dementi mit geringer Halbwertszeit greift.

Hier kommen wir zum Kern des Problems: Der Redakteur glaubt dem Dementi immer weniger. Es ist zum verlogenen kleinen Ding verkommen, das in Redaktionen mehr und mehr mit den Worten abgetan wird: "Was schert uns das, was die mir erzählt haben." Oder es wird über die Konzern-Pressestelle gewitzelt ("Ich hol mir mal das Dementi ab!"), nachdem Vorstände, Kollegen oder die Betroffenen selbst längst unter der Hand bestätigen, was recherchiert wurde.

Kein Wunder also, dass der stets gut informierte Gregory Lipinski in "Kontakter" oder "W&V" Top-Personalien einfach trotz Dementi vorab verrät. Oder dass es sich ein gut vernetzter Roland Pimpl für "Horizont" nicht nehmen lässt, wenige Stunden vor dem wirksamen Vorstandsbeschluss erneut über die Demission von Dominik Wichmann zu spekulieren – inklusive Dementi. Zu oft haben sie und viele andere Journalisten sich schon darüber geärgert, dass sie von der Pressestelle zurückgepfiffen worden waren, um einen Tag später das Dementierte als bare Münze verkaufen zu müssen. Ein Spiel, bis der Todesstoß offiziell gemacht werden darf?

Das Dementi fügen wir jetzt einfach mal zur Liste der nervigsten PR-Tricks hinzu. Kollege Frank Zimmer hat dabei sieben Möglichkeiten aufgelistet, wie sich Unternehmen die eigene Öffentlichkeitsarbeit nachhaltig erschweren und ihre Glaubwürdigkeit torpedieren können. Das Dementi der Neuzeit macht den PR-Job nicht gerade leichter.

Das Dementi ist ein verlogenes kleines Ding

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Nach dem PR-GAU bei Gruner: Wie viel Dementi darf sein?

von Frank Zimmer

Was war das am vergangenen Donnerstag bei Gruner  + Jahr: Eine unvermeidliche Notlüge oder ein Tiefpunkt der Unternehmenskommunikation? Kaum eine Personalie hat die Branche so beschäftigt wie die unglücklich publizierte Trennung von "Stern"-Chef Dominik Wichmann. Zwischen Dementi und Bestätigung lagen nur wenige Stunden.

Das kommunikative Desaster bei G+J ist nur ein besonders drastisches Beispiel für das ewige Problem: Was darf ich sagen, wenn ich eigentlich nichts sagen darf? Wie gehe ich mit heiklen Informationen um, ohne meine Glaubwürdigkeit zu beschädigen? Wie sehr diese Frage professionelle Kommunikatoren umtreibt, zeigt die Resonanz auf Petra Schweglers Kommentar "Das Dementi ist ein verlogenes Ding". Viele PR-Experten haben sich per Mail, Messenger und Telefon in der Redaktion gemeldet und ihre Kritik an der gängigen Dementi-Praxis geteilt.

Besonders interessant war die Reaktion von Benedikt Holtappels: Der Hamburger Werber und W&V-Kolumnist musste erst vor wenigen Wochen ein Dementi in eigener Sache abgeben, obwohl der Verkauf seiner Agentur eigentlich schon beschlossene Sache war. Holtappels bittet um Verständnis dafür, dass manche Fakten einfach nicht veröffentlicht werden können und manche Fragen zunächst ohne richtige Antwort bleiben.

Im Gespräch mit Benedikt Holtappels entstand die Idee, die W&V Online heute umsetzen möchte: Diskutieren wir über Dementis und kommunikative Notlügen! Was ist nachvollziehbar, was ist legitim und was geht gar nicht? Am Dienstag ab 17 Uhr für maximal eine Stunde auf der Facebook-Seite von W&V. Neben Benedikt Holtappels ist auch PR-Profi Christian Faltin dabei. Der Gründer und Chef der Münchner Kommunikationsberatung Cocodibu kennt beide Seiten: Er war in den 90er Jahren Chefredakteur im Verlag von W&V, danach Unternehmenskommunikator in der Kirch-Gruppe und Geschäftsführer des PR-Dienstleisters Dotcommunications.

Und so funktioniert es: Um 17 Uhr werden wir diesen Artikel auf Facebook posten. Danach kann dort kommentiert werden. W&V Online moderiert. Wir freuen uns auf eine spannende Diskussion mit unseren Lesern!

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