Schleichwerbung | | von Petra Schwegler

"Das System von ARD und ZDF befindet sich in völliger Schieflage"

Thomas Gottschalk und das ZDF verheddern sich ein gutes Jahr nach dem Ende seiner Zeit als "Wetten, dass...?"-Moderator in eigentlich gar nicht so neuen Schleichwerbevorwürfen rund um die Show; der "Spiegel" wirft ernste Fragen auf. Dies und die derzeit stark aufkeimenden Vorwürfe gegen das öffentlich-rechtliche Gesamtsystem sind Anlass für W&V Online, bei einem der schärfsten Kritiker von ARD und ZDF nachzufragen, bei Hans-Peter Siebenhaar. Der "Handelsblatt"-Redakteur hat vor Kurzem das Buch "Die Nimmersatten – Die Wahrheit über das System ARD und ZDF" auf den Markt gebracht.

Herr Siebenhaar, "Bild" schießt sich immer mehr auf den neuen Rundfunkbeitrag ein, der "Spiegel" deckt einen Skandal bei "Wetten, dass..?" auf: Seit Jahresanfang füllen die Vergehen der Öffentlich-Rechtlichen verstärkt die Medienseiten. Eine Kampagne der Verleger nach diversen Grabenkämpfen - oder ist der Sumpf bei ARD und ZDF wirklich so tief?

Das System von ARD und ZDF befindet sich in völliger Schieflage. Die Skandale um kriminelle Machenschaften wie im Fall Kika, Vetternwirtschaft beispielsweise beim NDR und Ineffizienz in den 22 Sender und 67 Radios haben das Vertrauen in das öffentlich-rechtliche Rundfunksystem zutiefst erschüttert. Der neue Rundfunkbeitrag, der nichts anderes ist als eine ARD/ZDF-Steuer, hat nun das Fass zum Überlaufen gebracht. Er wird zu Recht von vielen Bürger als ungerecht empfunden, denn jeder Haushalt muss zahlen - egal ob er die Angebote von ARD und ZDF im Fernsehen, Radio oder Internet nutzt. Vor diesem Hintergrund ist es nur logisch, dass von Parteien und Staat unabhängige Medien das Gebührenfernsehen zum Thema ihrer Berichterstattung machen.

 

Wie können die Öffentlich-Rechtlichen aus Ihrer Sicht gegensteuern?

Auf zweierlei Art und Weise: Erstens sollte sich die Anstalten der Diskussion öffentlich stellen und nicht nur Reklame für die neue Haushaltsabgabe machen. Bis heute gab es bei ARD und ZDF keine einzige Talkshow zum Thema Gebührenverschwendung. Zweitens müssen die Anstalten den Bürger endlich ernst nehmen. Der Zuschauer ist quasi der Aktionär von ARD und ZDF. Ihm und nicht den Parteipolitikern sind die Anstalten Rechenschaft schuldig. Die Anstalten müssen deshalb endlich Transparenz schaffen, wofür 7,5 Milliarden allein an Gebührengeldern jährlich tatsächlich ausgegeben werden. Wie viel kosten die Sportrechte, wie viel geht für kostspielige Technik drauf, wie viel kosten Kitschfilme unter Palmen, wie viele Millionen und Milliarden verschlingen die einzelnen Sender. Nur Transparenz kann das verloren gegangene Vertrauen wieder herstellen.

Wird das "Handelsblatt" die neuen Schleichwerbe-Vorwürfe thematisieren?

In unserer heutigen Dienstagsausgabe deckt das "Handelsblatt" einen weiteren Skandal um Europas größter Unterhaltungsshow "Wetten, dass...?" auf. Der neue Fall um Teldafax und die Gottschalk-Firma Dolce Media zeigt, wie sehr die guten Sitten verwahrlost sind. Teldafax hat sogar gegen Geld die Moderation von Thomas Gottschalk bei "Wetten, dass..." vorgeschrieben. Dafür haben meine Kollegen Sönke Iwersen und Jürgen Flauger den entsprechenden Vertrag vorliegen. Teldafax hat mit Gottschalks Firma Dolce Media die Zahlung einer Millionensumme vereinbart. Ein unglaublicher Vorgang, der Folgen haben muss.

Sie legen ARD und ZDF in Ihrem Buch "Die Nimmersatten" nahe, Moderatorenverträge wie jene von Thomas Gottschalk sauberer aufzustellen und überhaupt für mehr Transparenz bei Deals zu sorgen. Hätte dies auch Schleichwerbung verhindern können?

Natürlich, gegen die Schattenwirtschaft im System von ARD und ZDF hilft nur mehr Kontrolle und mehr Transparenz. Die Rundfunk- und Fernsehräte haben völlig versagt und von sich aus keinen einzigen Skandal aufgedeckt. Wir brauchen dringend eine Reform der Aufsichtsgremien. Die Intendanten sollen zudem öffentlich erklären, wohin das ganze Geld fließt. Selbstverständlich hat der Bürger das Recht zu erfahren, wie viel ein Thomas Gottschalk oder ein Markus Lanz verdient. Viele Moderatoren wie Günther Jauch oder Jörg Pilawa machen zudem nicht das große Geld vor der Kamera, sondern hinter der Kamera als Produzenten. Über die finanzielle Dimension dieser Geschäfte legen ARD und ZDF bis heute öffentlich keine Rechenschaft ab.

Apropos Moderatorenverträge: Der neue "Wetten, dass...?"-Mann Markus Lanz fand die Passage über ihn nicht witzig und Sie mussten einen Passus in "Die Nimmersatten" schwärzen. Wie sieht der aktuelle Stand bei dieser Auseinandersetzung um Produktionsaufträge des Zweiten an Lanz aus?

Wir haben zwei Sätze in den "Nimmersatten" geschwärzt. Damit ist die Auseinandersetzung mit der Hamburger Produktionsfirma mhoch2, die Markus Lanz und Markus Heidemanns jeweils zur Hälfte gehört, beendet. An der Forderung, dass die Öffentlich-Rechtlichen endlich einen Einblick in das Zustandekommen lukrativer Verträge mit Moderatoren geben müssen, hat sich dadurch nichts geändert.

"Das System von ARD und ZDF befindet sich in völliger Schieflage"

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