VHB-Geschäftsführer Gabor Steingart schlägt der Printbranche im Interview mit W&V vor, durch Zusammenarbeit am Backoffice zu sparen - nicht aber an Redaktionen und Inhalten.
VHB-Geschäftsführer Gabor Steingart schlägt der Printbranche im Interview mit W&V vor, durch Zusammenarbeit am Backoffice zu sparen - nicht aber an Redaktionen und Inhalten. © Foto:VHB/Michael Englert

VHB-Chef Gabor Steingart | | von Manuela Pauker

"Die Zeit ist reif für eine größere Kooperation der Verlage"

Gabort Steingart, Geschäftsführer der Verlagsgruppe Handelsblatt, hält die Digitalisierung nicht für den Alleinschuldigen an den allgemein schrumpfenden Print-Auflagen. Ein wichtiger Faktor dabei sei das unaufhaltsame Verschwinden des klassischen Kiosks – und die Tatsache, dass die Verlage nicht rechtzeitig gegengesteuert hätten: "Ich denke oft, wir als Medienbranche hätten firmenübergreifend eigene coole Media-Outlets ins Leben rufen sollen, vergleichbar mit den Apple-Geschäften", so Steingart im W&V-Interview. Flagship-Stores zum Informieren und Kommunizieren an zentralen Plätzen wie der Mönckebergstraße der Königsallee oder dem Kurfürstendamm. Das, so Steingart, wäre effizienter gewesen "als all die Medienkongresse, auf denen wir uns vor allem mit der eigenen Befindlichkeit befasst haben. Gäbe es einen Oscar für die größte Weinerlichkeit, hätten die Verbandsfunktionäre der Zeitungsindustrie ihn sich redlich verdient."

Auch Paid Content kann sich der Herausgeber des "Handelsblatts", der für den Titel soeben einen ambitionierten Leserclub gegründet hat, gut vorstellen: "Der Volksmund sagt: Was nichts kostet, ist nichts wert. Und ich denke, der Volksmund spricht die Wahrheit.“ Niemand verschenke seine Ware. "Warum sollten die Medienhäuser das tun?"

Das bei Verlagen allseits beliebte Metered Model, bei dem der Leser online nur bestimmte Zahl von Gratis-Artikeln konsumieren kann, hält Steingart allerdings für wenig zielführend. Damit erziehe man die Menschen nur zum Wenig-Lesen: "Sie lesen dann nie mehr als zehn Beiträge, tun alles, um das Weiterlesen zu vermeiden." Das sei wie in einer Bar, in der es drei Drinks gratis gibt und es danach teuer wird. Steingart: "Diese Bar wäre schnell pleite. Der kluge Gastronom macht es umgekehrt: Von Anfang an wird bezahlt, für Stammgäste gibt es zum Schluss eine Runde aufs Haus. Wir sollten von den Gastronomen lernen", so Steingart im Gespräch mit W&V. 

Am wichtigsten sei aber, dass die Verlage endlich näher zusammenrücken, so Gabor Steingart: "Die Zeit ist reif für eine größere Kooperation der Verlage, gerade um die publizistische Selbstständigkeit zu bewahren und auszubauen." Vorstellbar seien dafür alle so genannten Backoffice-Tätigkeiten - von der Anzeigendisposition bis hin zum Einkauf von Technologie. "Dass jeder Verlag seine eigene Paid-Content-Plattform baut oder gebaut hat, zählt zum Irrsinn unserer Industrie. Hier hätte rechtzeitige Kooperation Hunderte von Stellen für Journalisten retten können."

Steingarts Fazit: "Kaufmännische Kooperation schafft die Voraussetzung für publizistischen Wettbewerb. Wo immer eine Spar- oder gar Entlassungsrunde für Journalisten angesetzt wird, sollten die Redaktionen ihre Verlagsfürsten zum Kreuzverhör laden. Der Gegner des Qualitätsjournalismus steht oft im eigenen Haus."

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