Ralf-Dieter Brunowsky war 10 Jahre lang "Capital"-Chef.
Ralf-Dieter Brunowsky war 10 Jahre lang "Capital"-Chef. © Foto:Brunomedia

Ralf-Dieter Brunowksy | | von einem W&V Leserautor

"Es wurde immer wieder versucht, Druck auf die Redaktion auszuüben"

Der Marketingchef von Hewlett Packard hat die "Financial Times" unter Druck gesetzt, weil ihm eine Kolumne nicht gefiel. Ist das auch in Deutschland denkbar? Ex-"Capital"-Chef Ralf-Dieter Brunowsky weiß davon ein Lied zu singen. Vier Beispiele aus seiner aktiven Journalistenzeit.

Text: Ralf-Dieter Brunowsky

Weil ihm eine Kolumne der "Financial Times"-Redakteurin Lucy Kellaway nicht gefiel, schrieb ihr der Marketingchef von Hewlett Packard: "FT management should consider the impact of unacceptable biases on its relationships with advertisers.”

Diese unverhüllte Drohung mit materiellem Liebesentzug erinnert mich an einige Erlebnisse in meiner Zeit als "Capital"-Chefredakteur. Die Zeiten damals waren sicher leichter für die Redaktionen, denn wir hatten Ende der neunziger Jahre 400 bis 500 Seiten dicke Hefte, der Neue Markt spülte uns reichlich Anzeigen in die Kasse, und "Capital" hatte zeitweise eine Rendite von über 40 Prozent. 

Dass die deutsche Wirtschaft heute mit Anzeigen so knauserig ist und auf diese Weise möglicherweise die gesamte Wirtschaftspresse entsorgt, ist fatal. Darüber sollten Konzernchefs einmal nachdenken. Die Bloßstellung von Hewlett Packard durch die"FT" war mutig und in einer Zeit rückläufiger Anzeigen umso bemerkenswerter. Die Wirtschaft braucht redaktionelle Unabhängigkeit und standhafte Journalisten, die den Dingen auf den Grund schauen.

Der Chefredakteur einer Wirtschaftsredaktion ist so etwas wie der Außenminister einer Redaktion. So habe ich jedenfalls damals meine Aufgabe in den zehn Jahren meiner Tätigkeit verstanden. Er sorgt neben den richtigen Themen für gute Beziehungen zu den Unternehmen, zu den Anzeigenkunden und zum eigenen Verlag.

In meiner Zeit bei "Capital" wurde immer wieder mal versucht, Druck auf die Redaktion auszuüben. Das hatte manchmal skurrile Züge.

So beschwerte sich der damalige Rewe-Vorstandschef Hans Reischl persönlich bei Liz Mohn über eine Geschichte von Walter Pellinghausen, die aufzeigte, wie sich Führungskräfte der Rewe an geschlossenen Immobilienfonds  beteiligten, für die Rewe eine Mietgarantie abgab. Liz Mohn rief daraufhin Bertelsmann-CEO Mark Wössner an, und der wiederum fragte mich: "Stimmt das denn, was Sie geschrieben haben?" Ich antwortete: "Klar stimmt das, aber lieber Herr Wössner, sind Sie sich wirklich nicht zu schade für so einen Anruf? Wenn etwas nicht stimmen sollte, hat Herr Reischl  jede Möglichkeit, dagegen rechtlich vorzugehen"“ Seine Antwort: "Da haben Sie eigentlich Recht".

Als Gruner +Jahr-Chef Gerd Schulte-Hillen von diesem Vorgang erfuhr, wetterte er in Gütersloh gegen solche Einmischungen, die dann auch nie mehr vorkamen.

Unser damaliger Herausgeber, der unvergessene Johannes Gross, lud dann Reischl und mich zu einem Lunch in der feinen Kölner "Remise" ein. Angesichts der edlen Speisenfolge wählte Gross als Thema die Vielfalt französischer Weine, ihre unterschiedlichen Provenienzen, ihre Bouqets, ihre Lagerfähigkeit und die jeweils dazu geeigneten Hauptspeisen. Über seine Beschwerde verlor Reischl kein Wort. So erledigte sich das Thema.

Manchmal machte aber auch Gruner + Jahr Ärger, also unser eigener Verlag. Mein Kollege Tasso Enzweiler hatte ein Stück über die Lufthansa mit internen Zahlen geschrieben, das nicht nur den damaligen Vorstandsvorsitzenden Jürgen Weber maßlos aufregte, weil interne Zahlen veröffentlicht wurden, sondern auch den G+J Zeitschriftenvorstand Wickmann, der sich um die lukrativen Geschäfte des Verlagshauses sorgte. Besorgt rief mich Wickmann an ob das denn so stimme. Ich sagte ihm, es sei ein kleiner Fehler drin, den wir aber mit einem weiteren Stück und zusätzliche Informationen korrigieren würden. "Was, muss das denn sein, gleich noch eine Geschichte" rief Wickmann entgeistert.

So entschloss ich mich, mit dem zweiten Artikel zu einem Besuch bei Wickmann und Schulte-Hillen, um mir den Vorstand unseres Hauses in Zukunft ein für allemal vom Hals zu halten. So gingen wir zu dritt die Geschichte durch. Wickmann fragte: Muss denn die Überschrift so scharf sein? Ich antwortete: Sie wollen doch nicht ernsthaft mit mir Überschriften diskutieren? Schulte-Hillen las sich alles durch und kommentierte nur: "Sieht doch alles richtig aus". Und damit war die Bahn frei. Es gab hinterher ein versöhnliches Mittagessen mit Jürgen Weber.

Ein weiteres Beispiel: Unser Chefreporter Rolf Antrecht war mit dem damaligen Mercedes-Vorstand Helmut Werner in Italien unterwegs. Als er von der Reise zurück kam schrieb er über die Zukunft von Mercedes - und veröffentlichte die zehnjährige Modellplanung des Konzerns. Als Werner davon erfuhr, bevor das Heft erschienen war, beauftragte er die Rechtsabteilung, die Veröffentlichung zu verhindern. Ich rief den damaligen Kommunikationschef Detmar Grosse-Leege an, der wiederum Konzern-CEO Jürgen Schrempp in New York informierte. Schrempp stoppte seine Juristen und ließ mir mitteilen: "Solange ich Chef bin, gilt die Pressefreiheit." Eine glasklare Botschaft. Egal was man heute alles über Schrempp sagt, diese klare Haltung hat mir imponiert.

Ein anderes Mal bekam ich einen Anruf in der Mittagszeit, am Apparat der Vorstandschef von Henkel. Anlass: die erstmalige Veröffentlichung interner Unternehmenszahlen. Der Mann war außer sich: "Sie können doch keine internen Betriebsgeheimnisse verraten! Das ist nicht erlaubt, das dürfen Sie nicht!" Er tat mir fast leid, ich hatte den Eindruck, dass direkt hinter ihm Gabriele Henkel stand und ihm die Beschwerde diktierte. Ich antwortete: "Sie und Ihre Mannschaft dürfen keine Betriebsgeheimnisse verraten, das ist sicher richtig. Aber wir dürfen veröffentlichen, was wir recherchiert haben. Es ist also Ihr Problem, nicht unseres."

Der Autor: Ralf-Dieter Brunowsky, Diplom-Volkswirt und Wirtschaftsjournalist, war 1991 bis 2001 Chefredakteur des G+J-Magazins "Capital", ehe er sich mit der PR-Agentur Brunomedia selbstständig machte.

"Es wurde immer wieder versucht, Druck auf die Redaktion auszuüben"

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