In der Frage zeigt sich der VPRT aber nicht mehr so strikt wie einst ...

Was wir gelernt haben über die Jahre: Es macht keinen Sinn, etwas zu fordern, dessen Machbarkeit praktisch bei null liegt. Der sofortige komplette Ausstieg aus der Werbung ist für die Öffentlich-Rechtlichen aus deren Sicht aus verschiedenen Gründen nicht auf einen Schlag möglich – dazu zählt unter anderem das Thema Beitragsstabilität. Unser Ziel sollte vielmehr sein, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk so werbefrei wird wie möglich – Stück für Stück. Nach dem weitgehenden Ende des Sponsorings strebt der VPRT nun die Reduzierung der Hörfunkwerbung auf 60 Minuten pro Tag und ARD-Anstalt nach dem Vorbild des NDR an. Zusammen mit den Ländern wollen wir zudem durchleuchten, welche Möglichkeiten es gibt, die Fernsehwerbung bei ARD und ZDF zu reduzieren.

Steht die Unwucht des alten Systemstreits zwischen Privatfunk und Öffentlich-Rechtlichen in Ihrer Arbeit noch so im Vordergrund?

Der Themenkomplex öffentlich-rechtlicher Rundfunk nimmt nicht mehr die vorrangige Rolle in der Arbeit des VPRT ein, die er lange Jahre innehatte, sondern fokussiert sich auf konkrete Konfliktfelder. Besonders im Radio sind diese noch häufiger. Allerdings: Es gibt neue Kernthemen, die uns in Teilen sogar einen. Wir müssen vor allem der Politik nahebringen, dass sich die entstandene Konvergenz der Medien früher oder später selbstverständlich im ordnungsrechtlichen Rahmen niederschlagen muss. Sowohl beim Bund als auch bei den Ländern konnten wir in den vergangenen Monaten bereits ein Bewusstsein fördern, dass sich alle an einem Tisch einfinden müssen. Wir konnten aber auch eine Diskussion in Brüssel anschieben, die klar macht, dass der Regulierungsrahmen für Werbung überdacht werden muss. Neu in der Arbeit des VPRT ist, dass wir viel mehr erklären müssen als in der Vergangenheit.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Ganz einfach: Warum ist es denn beispielsweise ein Problem, wenn ein Anbieter audiovisueller Inhalte im Internet machen darf, was einem Fernsehveranstalter untersagt sind? Oder ein anderes Beispiel, das sich in den vergangenen zwei Jahren in den Vordergrund der VPRT-Arbeit gedrängt hat: Es gilt, das Verständnis in Politik und Öffentlichkeit dafür zu stärken, dass die Kreativwirtschaft ein wesentlicher Wirtschaftsfaktor ist, der auf Urheberrecht und geistigem Eigentum fußt. Man kann sich nur wundern, dass die Politik den Wirtschaftszweig so lange nicht beachtet hat. Geistiges Eigentum und Kreativität sind die letzten Rohstoffe, die wir in Europa in einem Maße haben, um das uns andere beneiden.

Haben Sie Verbündete im Kampf um eine konvergente Regulierung?

Hier besteht tatsächlich eine hohe Einigkeit zwischen dem Privatfunk und den Öffentlich-Rechtlichen, weil wir etwa in Fragen des Zugangs und der Auffindbarkeit der Programme eine ähnliche Situation haben. Oder nehmen Sie die Content Allianz, die verschiedenste Branchen erstmals eint. Ich habe tatsächlich den Eindruck, dass fast alle an einen Strang zu bekommen sind - und alle auch noch in die gleiche Richtung ziehen werden. Der Runde Tisch in Bayern vor einigen Wochen war eine interessante Erfahrung, zumal sich Gattungen konstruktiv austauschten, die sich nicht automatisch vertragen. Es zeigt sich, dass der Willen zu irgendeiner großen, gemeinsamen Lösung größer ist als das Beharren auf Einzelpositionen. Selbst die Distanz zu den Infrastrukturbetreibern scheint überbrückbar.

Welche Signale empfangen Sie aus der künftigen Bundesregierung?

Wir stellen fest, dass bei den Koalitionsverhandlungen die Kreativwirtschaft einen eigenen Stellenwert hat. Das ist neu. Auch die Themen Urheberrecht und geistiges Eigentum haben ein hohes Maß an Präsenz, Digitalisierung ist von zentraler Bedeutung. Wenn es uns jetzt noch gelingt, die für den Kulturbetrieb zuständigen Länder auf diesen Kurs einzuschwenken, dann wäre ich sehr zuversichtlich.

Welchen Stellenwert hat die Lobbyarbeit in Brüssel beim VPRT?

Sie ist inzwischen von höchster Bedeutung! Der ordnungsrechtliche Rahmen wird auf EU-Ebene gezimmert – von Technologiethemen bis hin zur Refinanzierung.

In Ihrem ersten Jahr an der Spitze des VPRT wurde die Gattungsinitiative Wirkstoff TV unter die Fittiche genommen. Wie hat der Verband davon profitiert?

Dank Wirkstoff TV können wir jedenfalls anhand des Bereichs Fernsehen besser zeigen, dass der VPRT nicht nur dazu da ist, ordnungsrechtliche Proseminare zum Rundfunkstaatsvertrag abzuhalten. Es geht uns darum, einen Rahmen für erfolgreiches wirtschaftliches Arbeiten zu schaffen. Wir vertreten einen bedeutenden Wirtschaftszweig, der viele Menschen in Lohn und Brot hält, Geld verdient und Kreativität ermöglicht. Über solche Aktivitäten wie das Gattungsmarketing wird auch transportiert, dass das Schönste an unserer Arbeit ist, in der schönsten Branche der Welt zu arbeiten.

Die "schönste Branche der Welt" wird mit Sat.1 und RTL kommendes Jahr 30 Jahre alt. Wie steht es um die Gattung?

Sie ist eine ziemlich gut aussehende 30-Jährige! Nach den aktuellen Marktprognosen des VPRT für 2013 kommt Fernsehen auf ein leichtes Wachstum von 1,1 Prozent, im Hörfunk von 2,2 Prozent. In einzelnen Sparten wie Pay-TV registrieren wir deutliche Zuwachsraten. Das sind doch erfreuliche Zahlen, wenn man bedenkt, in welch extrem kompetitiven Markt unsere Unternehmen wirken. Die privaten TV- und Radiounternehmen müssen sich auf die neue Situation einstellen und es wird nicht leichter. Aber die Branche hat das große Glück, sich mit dem Unternehmensgegenstand "Inhalte" in der veränderten Marktlage mit neuen Technologien so aufstellen zu können, dass sie gut weitermachen kann. Klar führt die Fragmentierung des Marktes dazu, dass die großen TV-Marken nicht mehr die Sensationsquoten der vergangenen Jahre melden können. Doch ihre Leuchtturmwirkung haben RTL, Sat.1, ProSieben oder Vox nicht verloren – sie weisen immer noch eine extrem hohe Wertigkeit auf. Dem Optimismus unserer Mitgliedsunternehmen merkt man deutlich an, dass die Lage positiv stabil ist.


Autor:

Petra Schwegler, Redakteurin
Petra Schwegler

Die @Schweglerin der W&V. Schreibt seit mehr als 20 Jahren in Print und Online über Medien - inzwischen auch jede Menge über Digitales. Lebt im Mangfalltal, arbeitet in München.