W&V-Autor Ben Krischke mit der Erstausgabe der "FAZ Woche".
W&V-Autor Ben Krischke mit der Erstausgabe der "FAZ Woche". © Foto:Frank Zimmer / W&V

Kommentar zur "FAZ Woche" | | von Ben Krischke

Heftkritik: Wenn "junge Zielgruppe" keine Beleidigung ist

Die "FAZ Woche" zeigt, wie man junge, gebildete Leser wieder an Print heranführen könnte: Man nimmt sie ernst und verzichtet auf permanentes Gebrabbel von Gefühlen und der Generation Y. W&V-Autor Ben Krischke, 29, über das neue Wochenmagazin aus Frankfurt.

Angeblich bin ich Teil der Generation Y. Das ist die Generation, die eigentlich wenig Lust auf Arbeit hat, abends schwer einschläft, weil sie die ganze Zeit über den Sinn des Lebens nachdenkt, und, ganz wichtig, immerzu über ihre Gefühle lesen und quatschen will. Wir wollen, sagen Wissenschaftler, schon während der Arbeit und überhaupt ständig glücklich sein. Das gelingt, glauben viele Verlage und Chefredakteure, unter anderem, indem man uns die wichtigen Themen aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft entweder gar nicht, oder nur in stark vereinfachter Form präsentiert, die der Komplexität des jeweiligen Themas ausnahmslos nie gerecht wird.

Dieser "Content" wird dann oftmals "produziert" von jungen Leuten ohne fundierte Kenntnisse über Politik und Wirtschaft, und von total hippen Social-Media-Managern, die der Pubertät noch nicht entwachsen sind, per Facebook und Twitter in die Welt hinausgetrötet.

Beides, der Wunsch unter den jungen Leuten möglichst viele Klicks, Likes und Shares zu generieren, und eine geradezu naive Vereinfachung politischer und wirtschaftlicher Themen, führt häufig dazu, dass Meinungsbildung gar nicht mehr stattfindet - sondern Meinungsmache im Sinne der "Community", weil man ihr nicht mehr zutraut als die Fähigkeit, einen Shitstorm anzustoßen. Kurzum: Als politisch interessierter Mensch, Jahrgang 1986, kam mir der Begriff "junge Zielgruppe" und der angeblich auch für mich produzierte Content in den vergangenen Jahren oft wie eine persönliche Beleidigung vor.

Was mich betrifft, will ich nicht ständig mit Listen konfrontiert werden, und schon gar nicht permanent über meine Gefühle lesen, und was die angeblich über mich und meine Generation aussagen. Und nein, ich werde mir auch nicht das Buch "Generation beziehungsunfähig" von Michael Nast kaufen, weil ich angeblich die ganze Zeit so traurig und alleine bin. Und nein, ich halte auch nichts davon, ständig über meine Gefühle zu schreiben. Für diesen Artikel mache ich aber gerne eine Ausnahme.

Ich war durchaus gespannt, als ich heute morgen nicht zuerst zum Bäcker gegangen bin, sondern gleich in den Kiosk meines Vertrauens an der Münchner Freiheit. Meistens kaufe ich hier nur Zigaretten und meine Monatskarte für die öffentlichen Verkehrsmittel. Wenn man den Laden betritt, steht da ein kleiner Tisch, auf dem Magazine wie "Focus", "Stern" und "Spiegel" liegen, und ihre diversen Ableger, die "Crime", "Geschichte" oder "Diabetes" heißen. Mein Ziel heute morgen: Die "FAZ Woche" kaufen, die sich angeblich genau an mich richtet. Jung, gebildet (sagt mein Bachelor-Zeugnis jedenfalls) und mit einer Affinität für Politik und Wirtschaft.

Im Format noch etwas kleiner als der "Spiegel" und auf dem Titel eine Illustration von Angela Merkel und Barack Obama in Superheldenkostümen, lag sie da: "Deutschland und Amerika - Das unterschätzte Bündnis" ist die erste Titelgeschichte, angeteasert werden außerdem Beiträge über die Rente ("Die Zeche zahlen die Jungen"), über Kriminalität ("Verbrechen lassen sich vorhersehen") und über den Fall Böhmermann ("Richter sind oft humorlos"). Der illustrierte Titel erinnerte mich ein wenig an das "Cicero" -Magazin, das wirklich die einzige Zeitschrift ist, die ich mir immer kaufe.

Im Heft erinnert die "FAZ Woche" ein wenig an den "Spiegel". Viel freie Fläche in Weiß, und Dachzeilen und Ressortnamen in Rot. Und mit ihrer klar strukturierten Bildsprache und den vielen Einseitern gibt es auch einige Parallelen zum "Focus". Die Ressorts heißen ganz klassisch Politik, Gesellschaft, Wirtschaft, Feuilleton und Wissen. Meinungsartikel sind klar gekennzeichnet und es gibt gleich am Anfang eine Seite mit den Meldungen der Woche, dann ein Bild der Woche mit einem kurzen Text und eine feste Rubrik namens "Woche-Reporter", wo - davon gehe ich jetzt mal aus - jede Woche gleich zum Anfang eine Reportage kommt. Die erste heißt "Der Bier-Blues", in der sich Autor Uwe Ebbinghaus mit dem Streit zwischen Craft-Brauern und Traditionalisten über das deutsche Reinheitsgebot beschäftigt.   

Was die erste Ausgabe der "FAZ Woche" jung macht, sind keine seltsamen Ressortnamen, keine Geschichten über Beziehungsprobleme, die schon tausendfach erzählt wurden, keine Listen und schon gar keine ausufernden Artikel, die mir meine Gefühle erklären wollen. Und vor allem: Kein Gebrabbel über die Generation Y. Was das Magazin jung macht sind die vielen Einseiter, die sich relativ nüchtern, aber keineswegs langweilig lesen, ihr modernes Format, das sogar im Gedränge der morgendlichen Rush Hour nicht zum Problem wird, und die Themenauswahl, eine gelungene Mischung aus "Das ist gerade wichtig!" (Asylpolitik, AfD, Böhmermann, FDP, Kohl) und "Das könnte für dich als jungen Menschen interessant sein" (Rente, Ratenfinanzierung, Roboter, Bitcoins).

Seit Jahren zerbrechen sich Verlagsleiter und Chefredakteure in der Magazinwelt den Kopf darüber, wie sie ihre Produkte auch für junge Menschen wieder interessant machen könnten. Indem man sich ein Beispiel an der "FAZ Woche" nimmt, möchte ich ihnen an dieser Stelle gerne mitgeben. Warum? Weil das Magazin zeigt, dass für junge, gebildete Menschen mit einer Affinität für Politik und Wirtschaft eines ganz wichtig ist: Sie wollen ernst genommen werden. Und beim Lesen der "FAZ Woche" klang "junge Zielgruppe" für mich ausnahmsweise mal nicht nach einer persönlichen Beleidigung, sondern eher wie ein Kompliment.  

Heftkritik: Wenn "junge Zielgruppe" keine Beleidigung ist

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