Handelsblatt-CEO Gabor Steingart (l.) und sein Verleger Dieter von Holtzbrinck bauen den Verlag um.
Handelsblatt-CEO Gabor Steingart (l.) und sein Verleger Dieter von Holtzbrinck bauen den Verlag um. © Foto:Uta Wagner

Holtzbrinck | | von Frank Zimmer

Kündigungs-Kommunikation beim Handelsblatt: Was zwischen den Zeilen steht

In einer wortreichen Pressemitteilung unter dem Titel "Handelsblatt-Gruppe investiert in neue Print- und Digitalangebote" hat die Düsseldorfer Holtzbrinck-Tochter am Freitagnachmittag viel erzählt und wenig berichtet. Die Entlassung von rund 80 Mitarbeitern - etwa einem Zehntel der Belegschaft - fiel dabei fast unter den Tisch. W&V Online bringt den Originaltext mit Anmerkungen und erklärt, was Handelsblatt-CEO Gabor Steingart wirklich gemeint hat.

Neustart 2013: Handelsblatt-Gruppe investiert in neue Print- und Digitalangebote1

1 Fangen wir lieber mal mit Neustart, Investieren und digital an, das geht immer. Aber Print? Erklären wir hinterher auch nicht so richtig, aber egal. Muss halt irgendwie mit rein.

Die Firmenstruktur wird auf die veränderten Kundenbedürfnisse ausgerichtet, die Führungsstruktur verschlankt2

2 Wir wollen ja nicht gleich mit der Tür ins Haus fallen und von Stellenabbau im knapp zweistelligen Prozentbereich sprechen.

Die Geschäftsführung der Verlagsgruppe Handelsblatt (VHB) beschleunigt unter der Führung des neuen Vorsitzenden Gabor Steingart ihr Innovationstempo. Die Initiative „Neustart 2013“ hat begonnen. Neben Investitionen in neue Digitalprodukte, das Handelsblatt Research Institute, zusätzliche Veranstaltungsformate und maßgeschneiderte Kommunikationsangebote umfasst diese Initiative auch eine Reorganisation des Verlages.3

3 Reorganisation des Verlages: Hups, jetzt ist es raus. Aber lassen Sie uns zuerst noch über was anderes reden, liebe Leser.

Neue Aktivitäten:
Anfang März4 startet die Vermarktung einer neuartigen, dreimal täglich erscheinenden digitalen Tageszeitung auf dem iPad: „Handelsblatt Live“.

4 Hieß es nicht im Dezember, Handelsblatt Live startet im Februar? Ach, komm, egal.

Die technische Freigabe der iPad Applikation durch den kalifornischen Apple-Konzern ist vor wenigen Tagen erfolgt. Ab dem 26. Februar wird die Bezahl-App im Echtzeitbetrieb getestet und am 04. März für die Öffentlichkeit freigeschaltet. Die Einführungskampagne unter dem Claim „Journalismus für eine neue Generation“ wird mit einem Brutto Anzeigenwert von über 2,5 Millionen Euro auf diversen Webseiten und in den Zeitungen und Zeitschriften von Springer-Verlag, Spiegel-Verlag und Holtzbrinck-Gruppe geschaltet5.

5 Brutto. Und ja: Teilweise in eigenen Medien. Aber Sie müssen verstehen: Auf die wirklich interessanten Netto-Zahlen können wir in diesem 5700- Zeichen-Text nicht auch noch eingehen.

Der Launch der App wird von namhaften Werbekunden wie der Deutschen Bank und Vodafone begleitet.

Das zum 01. Januar gestartete Research Institute unter Führung von Professor Bert Rürup (Präsident) und Handelsblatt-Chefökonom Dirk Heilmann (Managing Director) hat erste namhafte Kunden aus der Finanz- und Gesundheitsbranche gewonnen. Das neue Profit-Center der Verlagsgruppe, das unabhängige Research-Leistungen erbringt und Studien für Dritte durchführt, wird bereits im ersten Jahr seines Bestehens rentabel arbeiten.6

6 Sehen Sie: Geht doch!

Mitte 2013 wird die VHB erstmals zielgruppenspezifische Paket-Angebote für Beratungsorganisationen (Wirtschafts-, Steuer- und Unternehmensberater, Anwaltskanzleien u.ä.) und für industrielle Mittelstandsunternehmen auf den Markt bringen. Darüber hinaus werden in 2013 neue journalistische Finanzprodukte für eine jüngere Zielgruppe und E-Commerce-Angebote gelauncht, die zurzeit in der Tochtergesellschaft „VHB ventures“ entwickelt werden. Alle genannten neuen Produkte werden den hohen Qualitätsstandards von Handelsblatt und WirtschaftsWoche entsprechen.
Steingart zu den neuen Aktivitäten: „Wir verstehen uns nicht mehr nur als klassisches Verlagshaus, sondern als Gemeinschaft zur Verbreitung des wirtschaftlichen Sachverstandes"7.

7 Gemeinschaft zur Verbreitung des wirtschaftlichen Sachverstandes: Liebe Leser, bevor Sie sich jetzt aufregen: Auf so einen Begriff muss man erst mal kommen. Community kann doch jeder.

Dieser erweiterte Medienbegriff ermöglicht die Expansion in neue Journalismus nahe Geschäftsfelder jenseits der traditionellen Printprodukte des Hauses.“8

8 Die Betonung liegt auf "Journalismus nah". Hundefutter können andere verkaufen. Wir sind doch nicht Burda!

Reorganisation:
Zeitgleich mit der Produktinitiative werden die Vertriebs- und Vermarktungsbereiche der VHB kundennäher organisiert und alle Verwaltungsbereiche transparenter und effizienter gestaltet. Die stärkere Kundenorientierung im Vertrieb und bei der Anzeigenvermarktung soll durch eine höhere Flexibilität für individualisierte Kundenwünsche und durch eine noch effizientere Kundenverwaltung erreicht werden.9

9 Erste Klippe ist geschafft: Höhere Flexibilität, indivudualisierte Kundenwünsche, effizientere Kundenverwaltung - alles in einem Halbsatz. Danke, liebe Bingo-Freunde.

Hierzu werden, insbesondere in der kaufmännischen Verwaltung, Hierarchien abgebaut und Arbeitsabläufe vereinfacht - bei gleichzeitiger Verstärkung von kundennahen Verkaufsteams. Der Personalabbau, der rund 80 von 813 Arbeitsplätzen und damit knapp 10 Prozent der Belegschaft betrifft, wird bestmöglich sozial gestaltet10.

10 Unter uns, liebe Handelsblatt-Leser: Etwas anderes als „bestmögliche soziale Gestaltung“ bleibt uns auch nicht übrig, bei so vielen Kündigungen hätten wir um ein Haar sogar die Bundesagentur für Arbeit einschalten müssen. Zwei Leute mehr und es wäre eine so genannte Massenentlassung  gewesen. Häßliches Wort.

12 Führungskräfte werden im Zuge der Vereinfachung von Strukturen das Haus verlassen und mittlere sowie untere Führungsebenen stark reduziert. Die Gespräche mit dem Betriebsrat wurden seitens des Verlegers Dieter von Holtzbrinck und den Geschäftsführern Jörg Mertens, Claudia Michalski und Gabor Steingart bereits aufgenommen.11

11 Wir müssen mit dem Betriebsrat einen Sozialplan aushandeln, ob wir wollen oder nicht. Dazu sind die Umstrukturierungen einfach zu sehr.....sagen wir...Neustart. 

Marianne Dölz, die im Herbst 2009 als Geschäftsführerin zum Unternehmen kam und dort in erster Linie für die Leitung der iq media marketing gmbh zuständig war, sieht ihre Um- und Ausbautätigkeit bei dieser großen nationalen Vermarktungsgesellschaft als erfolgreich abgeschlossen an. Marianne Dölz will daher diesen Zeitpunkt nutzen, um sich im besten freundschaftlichen Einvernehmen mit dem Gesellschafter und den Verlagskollegen neuen Aufgaben zuzuwenden. Die Führung der iq media marketing gmbh wird bei den bisherigen Co-Geschäftsführern Christian Herp und Franjo Martinovic sowie kommissarisch bei Kai Ladwig liegen, die künftig direkt an Gabor Steingart berichten. Die Printvermarktung wird in Kürze durch einen in der Medienszene weithin bekannten und respektierten Anzeigenexperten verstärkt.

Zum Ausscheiden von Marianne Dölz sagt Verleger Dieter von Holtzbrinck: „Als Marianne Dölz im Herbst 2009 zur iq media marketing gmbh kam, befand sich diese große Vermarktungsgesellschaft in einer kritischen Phase. Unerschrocken, dynamisch und zielstrebig begann die neue Geschäftsführerin mit dem Umbau des Unternehmens, den sie innerhalb eines Jahres hoch erfolgreich vollenden konnte. Trotz der bei einer Sanierung unausweichlichen Belastungen für eine Reihe von Mitarbeitern hat sich Frau Dölz durch ihre offene und menschliche Art große Anerkennung und Wertschätzung selbst bei den Betroffenen erworben.

In den Folgejahren gelang es Marianne Dölz, bedeutende Partner für die iq media zu gewinnen. So zählen heute die FAZ, die Süddeutsche Zeitung und die ZEIT zum Gesellschafter- und Kundenkreis der iq digital. Und quasi im Alleingang konnte Frau Dölz die Gesellschafter des TV-Senders N24 davon überzeugen, die Vermarktung der iq media anzuvertrauen. Die neu errichtete TV-Verkaufsorganisation übertraf bereits im ersten Jahr ihres Bestehens die Zielvorgaben des Kunden.

Wir lassen Marianne Dölz nur sehr ungern ziehen, danken ihr sehr für ihre großen Erfolge und die immer erfreuliche Zusammenarbeit und wünschen ihr viel Glück und Freude, beruflich wie persönlich.“ 12

12 Also das mit Frau Dölz muss Ihnen unser Verleger schon selber erklären.

Kündigungs-Kommunikation beim Handelsblatt: Was zwischen den Zeilen steht

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