| | von Petra Schwegler

Medienwächter stutzen: RTL und Vox zeigen täglich neun Stunden Reality-TV

Bei Vox machen knapp 40 Prozent des Programms Reality-Formate aus, bei der Mutter RTL sind es rund 38 Prozent - und Sat.1 zählt knapp 30 Prozent am Gesamtprogramm zum weit gefassten Genre. Zu diesem Schluss kommt die kontinuierliche Programmbeobachtung durch die Potsdamer GöfaK Medienforschung. Unter der Leitung der Professoren Joachim Trebbe und Hans-Jürgen Weiß werden dabei die acht wichtigsten deutschen Vollprogramme erfasst und deren Trends im aktuellen Programmbericht der Medienanstalten vorgestellt.

"Umgerechnet auf Programmstunden bedeutet das Ergebnis, dass Vox und RTL an einem durchschnittlichen Tag jeweils etwa neun Stunden mit Reality-Formaten bestreiten, bei Sat.1 sind es etwa sieben Stunden. Diese Zahlen belegen, welch große Bedeutung diese Formate für die privaten Vollprogramme haben, denn pro Tag werden insgesamt etwa 19 bis 20 Stunden Programm ausgestrahlt, der Rest entfällt auf Werbung, Promotion und Sponsorhinweise", rechnen die Medienwächter vor. Zu Reality-TV zählen sie "Scripted-Reality-Formate", "Script-affine Formate", bei denen aus den Aufzeichnungen nicht eindeutig hervorging, ob sie gescriptet sind (Doku-Soaps, Daily Talks) und schließlich "Realityshows". Weniger Realitätsnahes ist bei RTL II mit rund 16 Prozent Programmanteil, Kabel eins sowie ProSieben mit jeweils unter zehn Prozent zu finden.

Zwischen den Zeilen der Pressemitteilung sickert durch, dass die Medienwächter angesichts des hohen Reality-Anteils im privaten TV schon stutzig geworden sind - die "Realitätsunterhaltung" macht aus ihrer Sicht bei einigen Sendern fast die Hälfte des Programms aus. Klare Kritik am Trend hin zu diesen Formaten wird aber nicht formuliert. Das wird auch schwierig, zumal die Wissenschaftler darauf hinweisen, dass sich die Sendungen des weit gefassten Genre-Begriffs "einer Zuordnung zu gängigen Programmkategorien entziehen". Ihr "Bauprinzip" sei geradezu die Vermischung: "Es verschwimmen nicht nur die Grenzen zwischen Realität und Fiktion, sondern auch die zwischen den traditionellen Programmgenres wie etwa Dokumentation und Erzählung, Soap Opera und Ratgebersendung", heißt es da. "Big Brother" hat vor mehr als einem Jahrzehnt den Anfang gemacht- heute zieht sich das Genre in verschiedenen Facetten durch alle Programme. TV-Nachschub ist auch immer wieder bitter nötig - aktuell verliert das Fernsehen erstmals seit Jahren bei der Sehdauer. Durchschnittlich vier Stunden und zwei Minuten pro Tag verbrachten die Deutschen im ersten Quartal 2012 vor dem Fernseher. Das sind sechs Minuten weniger als in den ersten drei Monaten 2011, wie eine Media-Control-Sonderauswertung zeigt.

Auch wenn Kritik der Medienwächter am Reality-Boom erst einmal ausbleibt: Die Ergebnisse wollen sie durchaus diskutieren. Wörtlich heißt es: "Das Thema ‚Reality-Fernsehen‘ hat die Landesmedienanstalten sowie die gemeinsamen Gremien bereits ausführlich beschäftigt. Auf Grundlage der empirischen Erkenntnisse aus dem Programmbericht werden die Medienanstalten die Debatte im laufenden Jahr zu verschiedenen Anlässen intensiv weiter führen, auch öffentlich." Der nächste Workshop zum Thema wird schon angekündigt: Die Medienanstalten laden zu "Wirklich. Fernsehen. Wirklicher?" am 10. Mai nach Berlin. Dort sollen Inhalte und Herausforderungen von Scripted Reality gemeinsam mit Produzenten, Journalisten und Medienwissenschaftlern diskutiert werden.

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Reality-TV spaltet den Fernsehmarkt

von Petra Schwegler

Dschungelcamp, "Der Bachelor" oder auch "Berlin - Tag & Nacht" sauf dem Vormarsch: Im "Programmbericht 2013. Fernsehen in Deutschland" der Medienanstalten ist weiterhin vom "Umbruch in der Konkurrenz zwischen den öffentlich-rechtlichen und privaten Fernsehvollprogrammen" die Rede. Grund: der Trend des Privatfernsehens zum Ausbau des "Reality-TV".  Joachim Trebbe, einer der wissenschaftlichen Leiter der Programmstudie, wird dazu in der Mitteilung der Medienanstalten zitiert: "Es gibt mit dem ‚Reality-TV‘ eine ganze Reihe von Formaten, die in den privaten Programmen extensiv und erfolgreich angeboten werden und in den öffentlich-rechtlichen Programmen überhaupt nicht vorkommen. Insofern stehen wir hier möglicherweise am Anfang einer neuen Divergenz zwischen den beiden Systemen im dualen Fernsehen."

Den Medienanstalten zufolge sind dabei alle Programmsparten betroffen, "in denen gescriptete (fiktionalisierte), performative (gespielte) und narrative (pseudo-dokumentarische) Formate des Realitätsfernsehens immer mehr Raum einnehmen". Davon sei in allen drei Vollprogrammen der RTL-FamilieRTL, Vox und RTL II - und bei zwei Vollprogrammen der ProSiebenSat.1 Media AGSat.1 und Kabel eins – festzustellen. "Im Moment kann man in dieser Hinsicht eine scharfe Trennung zwischen privaten und öffentlich-rechtlichen Programmen konstatieren, da sich das Erste Programm der ARD und das ZDF von diesen neuen Formaten nahezu vollständig fernhalten", urteilen die Medienwächter – und verdrängen damit Vorbehalte manch wütender Gebührenzahler, die Öffentlich-Rechtlichen würden für ihr Geld das private TV nachahmen. Das ist anscheinend immer weniger der Fall; bis vor etwa zwei Jahren manifestierten sich die Unterschiede zwischen diesen beiden Programmsystemen "fast ausschließlich durch eine unterschiedliche Gewichtung und Gestaltung der ‚klassischen‘ – fiktionalen, nonfiktionalen und fernsehpublizistischen – Programmsparten", heißt es in der Analyse.

 

Auch bei der Berichterstattung in Krisenzeiten machen die Medienwächter derzeit große Unterschiede zwischen den beiden TV-Systemen aus – am Beispiel "Attentat auf den Marathonlauf in Boston". Die Suche nach den Tätern und ihre Ergreifung fielen demnach exakt in eine Untersuchungswoche der kontinuierlichen Fernsehprogrammforschung der Medienanstalten, die seit 1998 durchgeführt werden. Die Befunde seien "beispielhaft für die unterschiedliche Fähigkeit und Bereitschaft privater und öffentlich-rechtlicher Programme, ihr Publikum mit tagesaktuellen Informationen zu versorgen". Das ZDF berichtete demnach schon eine Stunde nach dem Attentat im "heute journal" über Boston berichten und sendete ab Mitternacht in "heute nacht" erste Hintergrundanalysen.

Bei Sat.1 dauerte es demnach zehn Stunden, bis ein erster kurzer Beitrag über das Attentat im Frühstücksfernsehen gebracht wurde. "Abgesehen von einem ‚news flash‘ von RTL am Tag des Attentats strahlten nur die öffentlich-rechtlichen Programme ARD/Das Erste und ZDF Sondersendungen zu den Ereignissen in Boston aus", so die Studie der Medienanstalten, die an der Stellen keinen Hinweis auf die sehr unterschiedliche Finanzausstattung der beiden TV-Lager setzt. Doch auch ARD und ZDF patzen hier aus Sicht der Programmwächter – ihre Berichterstattung brach nach der Ergreifung der Täter relativ abrupt ab: "nicht weil die Ereignisse damit abgeschlossen waren, sondern weil danach das Wochenende begann", heißt es.

Programmanalyse 2014 bedeutet auch: Man kommt nicht an Inhalten im Web und in den Mediatheken vorbei. Untersucht wurde, welche Fernsehformate im Anschluss an ihre lineare Ausstrahlung in den Mediatheken der Sender abgerufen werden konnten. Über alle acht Programme hinweg wird dabei eine durchschnittliche "Internettransferquote" von rund 50 Prozent errechnet. "Allerdings zeigen sich auch deutliche Grenzen des freien Internetfernsehens, insbesondere durch urheberrechtlich begründete Einschränkungen der Weiterverbreitung von Kaufproduktionen im Internet", heißt es da.

 

Hinzu kommen ganz unterschiedliche Internetstrategien der Fernsehvollprogramme: 50 Prozent als Schnitt genommen, verbirgt sich der Studie zufolge im Jahr 2013 eine Differenz von mehr als 60 Prozentpunkten zwischen dem "internetaffinsten Programm" (RTL: 84 Prozent) und dem "internetresistentesten Programm" (ProSieben: 20 Prozent) – Sender mit dem ebenfalls beobachteten Trend zum Reality-TV. "Der Anteil der Reality-TV-Formate an dem Programmmaterial, das in die Mediatheken transferiert wurde, ist bei allen Fernsehvollprogrammen höher als ihr Anteil am linear ausgestrahlten Programm", heißt es dazu im Bericht.

Dabei unterscheidet sich das linear ausgestrahlte Programm vom klassischen TV stark. "Nur bei zwei der acht analysierten deutschen Fernsehvollprogramme – RTL und ARD/Das Erste – kann von einer weitgehenden Strukturähnlichkeit der beiden Programmebenen gesprochen werden", heißt es. Andere, wie ProSieben etwa, packen viel Fiktion aus dem TV in die Mediathek. Fazit der Studienautoren: "Die mit Abstand höchste Internetaffinität haben offensichtlich Reality-TV-Formate. Wer Reality-Formate in seinem Programm-Portefeuille hat (was in der Stichprobenwoche 2013 nur auf das ZDF nicht zutraf), macht diese den Zuschauern in der Regel auch im Internet zugänglich." Der Begriff umfasst "Scripted-Reality-Formate" (gescriptete Doku-Soaps, gescriptete Gerichts- oder Personal-Help Shows); "Script-affine Formate", bei denen aus den Aufzeichnungen nicht eindeutig hervorging, ob sie gescriptet sind (Doku-Soaps, Daily Talks) und schließlich "Realityshows" (Castingshows, Real-Life-Experimente, Spiel- und Wettbewerbsshows etc.).

Für die kontinuierliche Programmforschung der Medienanstalten werden zweimal pro Jahr die acht reichweitenstärksten Vollprogramme in einer kompletten Woche aufgezeichnet und analysiert, und zwar jeweils im Herbst und im Frühjahr. Die Langzeitstudie wird von der Potsdamer GöfaK Medienforschung GmbH unter der Leitung von Joachim Trebbe und Hans-Jürgen Weiß durchgeführt. Der "Programmbericht 2013. Fernsehen in Deutschland ist unter der Federführung von Thomas Fuchs, dem Direktor der norddeutschen Medienanstalt MA HSH, entstanden und wird herausgegeben von den Medienanstalten (ALM GbR). Er ist soeben im Vistas-Verlag erschienen. Eine 249 Seiten starke PDF-Version ist hier abrufbar.

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