Grossotagung | | von Judith Pfannenmüller

Philosoph Precht senkt den Daumen über Facebook

Richard David Precht, von Medien geliebter Philosoph und Autor, hat die Grossotagung in Baden-Baden mit einem leidenschaftlichen Plädoyer für Printmedien gerockt. Mit einem fulminanten Plädoyer pro Print und einer Philippika gegen die "Pöbelkultur" im Internet balsamiert der populäre Denker die vom digitalen Strukturwandel geschundenen Seelen anwesender Grossisten und Verleger. Die Aufgabe von Massenmedien sei es nicht in erster Linie zu informieren und zu unterhalten, sondern "Öffentlichkeit über relevante Themen herzustellen" und so als "sozialer Kitt" zu wirken. Dies könnten Printmedien besser leisten als das Internet. Das Netz stelle zwar ein unglaubliches Verfügungswissen auf Knopfruck zur Verfügung. Doch wer helfe einem, zu unterscheiden was relevant sei und was nicht?

Richard David Prechts These: Trotz vieler intelligenter Blogs, die es im Internet gebe, brauche es Print zum Eintrainieren von Orientierungswissen. Precht: "Die Aufgabe der Zeitungen ist es, ideologisch nicht vorformatiertes Orientierungswissen bereitzustellen. Diese Aufgabe dürfen sie nicht verspielen." Weil einem dabei auch Wissen serviert werde, nach dem man - anders als im Internet - gar nicht gezielt gesucht habe, erweiterten vor allem systemrelevante Zeitungen den Horizont der Leser.

Die Funktion des Internet als Produzent von mehr Demokratie und Meinungsvielfalt stellt Precht ebenfalls infrage. Die Meinungsvielfalt habe sich durch das Internet nicht erhöht, sondern die Meinungen seien lediglich transparenter geworden. Man bekomme vor allem mehr von der Meinung anonymer Leute, die meist "fallbeilartig ihre Meinung äußerten ", sagt der Philosoph. Das Netz fördere eine "Pöbelkultur". Precht: "Sprachkompetenz schließt auch die Entscheidung zu schweigen ein." Die Like- oder Dislike-Kultur führe dazu, etwas permanent zu bewerten, oft mit Empörung. Bei Print ginge das nicht; es ermögliche deswegen, zunächst über das Gelesene zu reflektieren, so Precht, der seit wenigen Wochen einen Philosophie-Talk im guten alten ZDF moderiert.

Die Bindekraft sozialer Netzwerke stellt der Philosoph dagegen infrage. Soziale Netzwerke seien ein Modephänomen, eine Episode. Prechts steile These: "Facebook wird zusammenfallen wie ein zur Unzeit aus dem Feuer genommener Auflauf."

Philosoph Precht senkt den Daumen über Facebook

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ZDF, "Precht" und Lobo fragen: Macht das Netz arbeitslos?

von Petra Schwegler

Der Philosoph Richard David Precht hat vor zwei Jahren die Kehrseiten der Omnipräsenz des Einzelnen auf Facebook thematisiert und wegen der "Pöbelkultur" den Daumen über dem sozialen Netzwerk gesenkt. Nun pickt er in seiner ZDF-Philosophiesendung "Precht" die Auswirkungen der digitalen Revolution auf den Arbeitsmarkt auf und stellt in der Ausgabe vom kommenden Sonntag ab Mitternacht die Frage: "Macht das Netz arbeitslos?" Oder schafft es vielleicht ganz neue Formen der Arbeit? Precht hat den Journalisten, Blogger und Buchautor Sascha Lobo zu Gast. Der Vordenker der digitalen Zukunft in Deutschland prophezeit: Der gegenwärtige Weg des digitalen Fortschritts führe in die "Dumping-Hölle". Der "Plattform-Kapitalismus" vernichte nicht nur Millionen von Arbeitsplätzen, um deutlich weniger neue zu schaffen, er verändere auch die Arbeitswelt derjenigen, die noch Arbeit finden. Deren Arbeitsverhältnisse dürften in Zukunft äußerst prekär werden.

Prechts Thesen zur Sendung: Traditionelle Dienstleistungsbereiche befinden sich auf dem Rückzug. Digitale Sensoren am Handgelenk ersetzen den Hausarzt, Posts in sozialen Netzwerken wird heute mehr vertraut als der Beratung durch den Fachverkäufer, Flüge und Hotels buchen wir nicht mehr im Reisebüro, sondern im Internet, und ein Computerprogramm ersetzt den Steuerberater. Amateure statt Profis, "hire and fire" statt Festanstellung, Schwarmintelligenz statt Fachkräfte: Die Zukunft der Arbeitswelt, so diagnostizieren Kritiker, werde aus einer Art digitalen Klassengesellschaft bestehen. Einige wenige beherrschten und bestückten die Computer, während die Mehrheit dem folge, was die Rechner ihnen vorschreiben.

"Weder die Politik noch die Gesellschaft können ein Interesse an dieser Entwicklung haben. Auch die Wirtschaft kann sich nicht wünschen, dass Massenarbeitslosigkeit, ein zusammenbrechender Binnenmarkt und schwindende Kaufkraft unser Land aushöhlen. Doch was kann man dagegen tun?", so die Fragestellung der nächsten "Precht"-Sendung – die auch darüber nachdenken will: "Fallen die Prognosen zur Zukunft unserer Arbeit zu düster aus?

von Petra Schwegler - Kommentare Kommentar schreiben