Es gibt schon ab und zu Zuschriften, die mich motivieren wollen, solches nicht mehr zu twittern. Da bin ich gespalten: Zum einen stimmt es schon, dass man sich mit so was selbst in den Abgrund schreiben kann. Die Stimmung wird schlechter, wenn man so was twittert, andere halten einen mehr für einen Loser als zuvor. Auf der anderen Seite aber bekomme ich gerade für solche Tweets viel Feedback. Wenn ich darüber twittere, dass das Amt einen Fehler machte, dafür aber niemand die Verantwortung übernimmt oder dass die Hotline schlecht ist, dann sehe ich schnell, dass das auch anderen so geht. Wenn das Netz helfen kann, ein gemeinsames Bewusstsein für Probleme zu entwickeln, dann kann es das doch auch im sozialen Bereich. Ich finde es nicht peinlich, als Akademikerin auf keinen grünen Zweig zu kommen - auch das ist unsere Gegenwart.

Du bist ja auch diplomierte Journalistin. Würdest du heute noch jemandem empfehlen, in den Beruf einzusteigen?

Zurzeit denke ich oft, es wäre wohl besser gewesen, wenn ich Biochemie fertig studiert hätte. Und viele meiner Freunde, nämlich die, die in der Politik arbeiten, verdienen deutlich mehr als ich. Ja, ich fühle mich unter Wert und weiß nicht, ob ich in dem Bereich eine Zukunft habe. Auch wenn Autoren schon immer am Hungertuch genagt haben: Die Ausgangslage für Contentproduzenten in dieser Zeit des Wandels ist tatsächlich nicht schön. Ich habe ja schon angesprochen, dass manche Kollegen der Meinung sind, dass die Zeitungen die Honorare mit der Begründung drücken, im Netz komme halt zu wenig rein.
Auf der anderen Seite eröffnet das Netz aber auch neue Möglichkeiten der Finanzierung. Ich denke da an Projekte wie Krautreporter. Ob es wirklich möglich ist, relaxt ohne eine große Institution im Hintergrund zu recherchieren und zu schreiben, weiß ich nicht. Man muss ja auch sehen, dass dieses ganze Crowdfunding im Kern neoliberal ist, also auf das Können und die Selbstvermarktungsfertigkeiten des Einzelnen setzt. Eine solche Zukunft gefällt mir eigentlich nicht. Vielleicht bin ich aber auch einfach zu blöd, mich selbst zu vermarkten und andere bekommen das besser hin. Oder ich bin zu faul. Oder ich bin doch nicht so eine gute Autorin. Deswegen will ich hier keinen Abgesang auf den schönen Beruf des Journalisten und Autors hinlegen, auch wenn ich, was die Zukunft betrifft, ein wenig ratlos bin.

Was ist mit PR und Werbung? Welche Alternativen  kämen für dich in Frage?

Das würde für mich bedeuten, meinem Beruf wohl für immer den Rücken zu kehren. Ich habe schon mal eine Kehre gemacht, nämlich von der Politik zum Journalismus. Solches Hin-und-Her ist irgendwann nicht mehr glaubwürdig. Wenn meine wirtschaftliche Not sich verfestigt, würde ich an so etwas aber auch denken. Alles, was mit Text und Kampagne ist, finde ich im Grunde interessant. Ich habe mich außerdem auch in ganz anderen Bereichen beworben.

Müsste es eigentlich Berlin sein?

Nun, ich habe ja überlegt, woanders hinzuziehen. Da ich ein halbes Jahr keine Wohnung hatte, bin ich jetzt aber erst einmal froh, wieder eine feste Bleibe zu haben. In Berlin.


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W&V Redaktion
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