Auch bei der Berichterstattung in Krisenzeiten machen die Medienwächter derzeit große Unterschiede zwischen den beiden TV-Systemen aus – am Beispiel "Attentat auf den Marathonlauf in Boston". Die Suche nach den Tätern und ihre Ergreifung fielen demnach exakt in eine Untersuchungswoche der kontinuierlichen Fernsehprogrammforschung der Medienanstalten, die seit 1998 durchgeführt werden. Die Befunde seien "beispielhaft für die unterschiedliche Fähigkeit und Bereitschaft privater und öffentlich-rechtlicher Programme, ihr Publikum mit tagesaktuellen Informationen zu versorgen". Das ZDF berichtete demnach schon eine Stunde nach dem Attentat im "heute journal" über Boston berichten und sendete ab Mitternacht in "heute nacht" erste Hintergrundanalysen.

Bei Sat.1 dauerte es demnach zehn Stunden, bis ein erster kurzer Beitrag über das Attentat im Frühstücksfernsehen gebracht wurde. "Abgesehen von einem ‚news flash‘ von RTL am Tag des Attentats strahlten nur die öffentlich-rechtlichen Programme ARD/Das Erste und ZDF Sondersendungen zu den Ereignissen in Boston aus", so die Studie der Medienanstalten, die an der Stellen keinen Hinweis auf die sehr unterschiedliche Finanzausstattung der beiden TV-Lager setzt. Doch auch ARD und ZDF patzen hier aus Sicht der Programmwächter – ihre Berichterstattung brach nach der Ergreifung der Täter relativ abrupt ab: "nicht weil die Ereignisse damit abgeschlossen waren, sondern weil danach das Wochenende begann", heißt es.

Programmanalyse 2014 bedeutet auch: Man kommt nicht an Inhalten im Web und in den Mediatheken vorbei. Untersucht wurde, welche Fernsehformate im Anschluss an ihre lineare Ausstrahlung in den Mediatheken der Sender abgerufen werden konnten. Über alle acht Programme hinweg wird dabei eine durchschnittliche "Internettransferquote" von rund 50 Prozent errechnet. "Allerdings zeigen sich auch deutliche Grenzen des freien Internetfernsehens, insbesondere durch urheberrechtlich begründete Einschränkungen der Weiterverbreitung von Kaufproduktionen im Internet", heißt es da.

Hinzu kommen ganz unterschiedliche Internetstrategien der Fernsehvollprogramme: 50 Prozent als Schnitt genommen, verbirgt sich der Studie zufolge im Jahr 2013 eine Differenz von mehr als 60 Prozentpunkten zwischen dem "internetaffinsten Programm" (RTL: 84 Prozent) und dem "internetresistentesten Programm" (ProSieben: 20 Prozent) – Sender mit dem ebenfalls beobachteten Trend zum Reality-TV. "Der Anteil der Reality-TV-Formate an dem Programmmaterial, das in die Mediatheken transferiert wurde, ist bei allen Fernsehvollprogrammen höher als ihr Anteil am linear ausgestrahlten Programm", heißt es dazu im Bericht.

Dabei unterscheidet sich das linear ausgestrahlte Programm vom klassischen TV stark. "Nur bei zwei der acht analysierten deutschen Fernsehvollprogramme – RTL und ARD/Das Erste – kann von einer weitgehenden Strukturähnlichkeit der beiden Programmebenen gesprochen werden", heißt es. Andere, wie ProSieben etwa, packen viel Fiktion aus dem TV in die Mediathek. Fazit der Studienautoren: "Die mit Abstand höchste Internetaffinität haben offensichtlich Reality-TV-Formate. Wer Reality-Formate in seinem Programm-Portefeuille hat (was in der Stichprobenwoche 2013 nur auf das ZDF nicht zutraf), macht diese den Zuschauern in der Regel auch im Internet zugänglich." Der Begriff umfasst "Scripted-Reality-Formate" (gescriptete Doku-Soaps, gescriptete Gerichts- oder Personal-Help Shows); "Script-affine Formate", bei denen aus den Aufzeichnungen nicht eindeutig hervorging, ob sie gescriptet sind (Doku-Soaps, Daily Talks) und schließlich "Realityshows" (Castingshows, Real-Life-Experimente, Spiel- und Wettbewerbsshows etc.).

Für die kontinuierliche Programmforschung der Medienanstalten werden zweimal pro Jahr die acht reichweitenstärksten Vollprogramme in einer kompletten Woche aufgezeichnet und analysiert, und zwar jeweils im Herbst und im Frühjahr. Die Langzeitstudie wird von der Potsdamer GöfaK Medienforschung GmbH unter der Leitung von Joachim Trebbe und Hans-Jürgen Weiß durchgeführt. Der "Programmbericht 2013. Fernsehen in Deutschland ist unter der Federführung von Thomas Fuchs, dem Direktor der norddeutschen Medienanstalt MA HSH, entstanden und wird herausgegeben von den Medienanstalten (ALM GbR). Er ist soeben im Vistas-Verlag erschienen. Eine 249 Seiten starke PDF-Version ist hier abrufbar.


Autor: Petra Schwegler

Die @Schweglerin der W&V. Schreibt seit mehr als 20 Jahren in Print und Online über Medien - inzwischen auch jede Menge über Digitales. Lebt im Mangfalltal, arbeitet in München.