In Deutschland gibt es den berühmten Straftatbestand § 166 StGB. Er verbietet die "Beschimpfung von Bekenntnissen, Religionsgesellschaften und Weltanschauungsvereinigungen". Mit zum Teil guten Argumenten fordern viele dessen Abschaffung. Dabei sollte man jedoch eins nicht aus den Augen verlieren: Für jeden religiösen Menschen wiegt die Verächtlichmachung oder das In-den-Dreck-Ziehen seines Bekenntnisses viel schwerer als jede persönliche Beleidigung.

Muss man es gutheißen, wenn halbnackte Femen-Aktivistinnen im Kölner Dom auf den Altar hüpfen? Natürlich nicht, aber man muss es ertragen. Dasselbe gilt auch für die Mohammed-Karikaturen. Aber man muss eben auch wissen: Für einen Großteil der weltweit 1,6 Milliarden Muslime ist die bildliche Darstellung Mohammeds eines der strengsten Tabus.

Der Islam hat ein Dschihadismus-Problem. Darum muss er sich kümmern. Das ist schlimm genug. Scharfmacher und Hassprediger müssen schonungslos zur Verantwortung gezogen werden. Aber die weit darüber hinausgehende Islamkritik macht auch auf eine ganz andere Sache aufmerksam: Der Westen hat inzwischen längst ein Problem mit den Religionen an sich. "Jede Glaubensrichtung, die sich zu markant äußert, taugt heute zum Skandal; da macht der Katholizismus keine Ausnahme", beschreibt Spiegel-Kolumnist Jan Fleischhauer die Situation. Er hat Recht. Vielen in der Mehrheitsgesellschaft fehlt inzwischen jede Vorstellungskraft, was die Religion im Leben eines Menschen bedeutet. Es erscheint ihnen schon befremdlich und unheimlich, wenn Menschen sich irgendwie anders verhalten als der rationale Erwartungsnutzenmaximierer, dessen Handeln sich durch Algorithmen leicht vorhersagen lässt.

Nach dem Christentum ist der Islam die zweitgrößte Weltreligion. Er gibt Milliarden Menschen Halt, stiftet Sinn und fordert von den Gläubigen soziale Wohltätigkeit ein. Doch wenn Medien hierzulande über ihn berichten, dann fast nur im Zusammenhang mit Steinzeit-Islamisten und Terroristen. Das ist einer freien, demokratischen Presse unwürdig. Eine Folge davon ist: Viele deutsche Eltern lassen ihre Kinder nur ungern mit Ahmet und Kemal zusammen spielen. Wie soll da Integration gelingen?

Vor diesem Hintergrund sind auch die Mohammed-Karikaturen falsch. Denn, wie jeder Verfassungsrechtler weiß: Kein Grundrecht gilt absolut, auch die Meinungsfreiheit nicht. Die Grundrechte stehen in einem wechselseitigen Spannungsverhältnis. Alles eine Frage der Güterabwägung. Mit einer Ausnahme: Die Würde des Menschen ist unantastbar.


Autor:

Markus Weber, Redakteur W&V
Markus Weber

ist in der Online-Redaktion für Agenturthemen zuständig. Bei W&V schreibt er seit 15 Jahren über Werbeagenturen. Volontiert hat er beim Online-Marketing-Titel „E-Market“. 2010 war er verantwortlich für den Aufbau der W&V-Facebookpräsenz. Der Beinahe-Jurist mit kaufmännischer Ausbildung hat ein Faible für Osteuropa.