Auch Platzierung und Länge der Meldungen spielen eine tragende Rolle: Als EU-Politiker Martin Schulz Mitte Mai den Karlspreis für seine Verdienste um Europa verliehen bekam, verdrängte er Informationen zu mehr als 700 (!) ertrunkenen Flüchtenden auf dem Mittelmeer von Platz eins der "Tagesschau". Die ARD widmete Schulz einen ordentlichen Anteil an der Sendezeit des deutschen Nachrichten-Flaggschiffs. Mag sein, dass der Nachrichtenwert der Mittelmeer-Tragödie nach zwei Tagen abgenommen hatte. Doch den Tod von hunderten Menschen in einer vergleichbar kurzen Meldung abzutun, stuft die Ereignisse auf der Nachrichtenskala der Zuschauer herab. Und wenn es um die leider feindliche Haltung einiger Deutscher gegenüber den Flüchtenden geht: Es sollte nicht sein, dass Neonazis mehr Platz in TV-Nachrichten eingeräumt wird als den Betroffenen.

Ach, ja – nicht jedes Thema bietet sich für einen Kurzbeitrag an: Selbst dem besten News-Team gelingt es kaum darzustellen, wie komplex Deutschland den Asylantenfamilien finanziell unter die Arme greift. Die "Tagesschau" kann ein Lied davon singen und rettet sich nach heftiger Kritik in einen Blogbeitrag.

Sie werden sich jetzt vielleicht denken, dass ich kleinlich bin. Das bin ich in der Sache durchaus – aus gutem Grund: Vor knapp 20 Jahren habe ich mich für meine Diplomarbeit an der Katholischen Universität Eichstätt mit Klischees in Fernsehnachrichten auseinandergesetzt. Damals ging es um das Bild, das die News deutscher Sender über die ach so "kracherten" Bayern zeichneten. Sie taten es. Sie tun es heute noch. Nur leider nicht mehr nur über die Bayern, sondern oft über die Flüchtlinge, die jetzt jede Unterstützung brauchen. Es geht um Menschen, die um unsere Hilfe bitten.

Fernsehen kann die Meinung lenken. Gott sei Dank gelingt das sehr oft. Wie etwa am Montagabend in der ARD-Sendung "Panorama" mit einem entlarvenden Vergleich, wonach die deutsche Politik 2008 mit Milliarden die deutschen Banken stützte und den Geldhahn für Asylsuchende nun dagegen kaum aufdreht. Es ist derzeit aber eher die Unterhaltung, die im Fernsehen Partei für die Flüchtlinge ergreift und Hasskommentare außer Kraft setzt: Joko und Klaas oder auch Oliver Kalkofe zeigen Flagge. Liebe TV-Verantwortliche - seid Euch stets der Macht Eures Mediums bewusst!

Apropos Joachim Herrmann: Bayerns CSU-Politiker hätte in meiner Diplomarbeit einen Ehrenplatz als Klischee-Minister erhalten.


Autor: Petra Schwegler

Die @Schweglerin der W&V. Schreibt seit mehr als 20 Jahren in Print und Online über Medien - inzwischen auch jede Menge über Digitales. Lebt im Mangfalltal, arbeitet in München.