Kommentar zur Flucht-Berichterstattung:
Seid Euch der Macht des Fernsehens bewusst!
Das Medium TV kann Meinung lenken. Doch wenn es um Berichte über Flüchtlinge geht, führt das Fernsehen die Zuschauer oft in die Irre - findet W&V-Redakteurin Petra Schwegler. Ein Kommentar.
Wenn Fernsehsender ihre Werbeumfelder an den Kunden bringen wollen, dann rühmen sich die zuständigen Vermarkter mit der "Macht der Bilder" ihres reichweitenstarken Mediums. TV entfaltet nachweislich eine starke emotionale und kognitive Wirkung. Das Medium hat Meinungsmacht - Fernsehen kann Themen und Marken schnell bekannt machen und Vertrautheit schaffen. Oder auch das Gegenteil. Verfolgt man gezielt die Berichterstattung über die Flucht tausender Menschen aus diversen Krisengebieten, so drängt sich der Verdacht auf, dass so manchem Programmverantwortlichen oder Chefredakteur in den TV-Stationen das Wissen um die Macht des Fernsehens abhanden gekommen ist.
Da zeichnen private Fernsehprogramme Bilder von Flüchtlingsströmen, von Dramen auf überfüllten Fischerbooten im Mittelmeer und vollkommen überbelegten Zügen in Südosteuropa in platten Klischees. Touristen beispielsweise, die sich im Urlaub am Mittelmeer an den Flüchtenden aus Krisenregionen stören, geben nicht wirklich den Ernst der Lage wieder. Derlei TV-Bilder schüren eher die Ängste der Wohlhabenden, jetzt dann doch etwas von ihren Besitzständen abgeben zu müssen.
Bei den Öffentlich-Rechtlichen machen unter anderem die O-Ton-Spender stutzig. Muss ein bayerischer Innenminister namens Joachim Herrmann am Montag in der ARD zur besten Sendezeit wieder Peinliches absondern, nachdem er sich in der Debatte um den Umgang mit Flüchtlingen bereits vergangene Woche disqualifiziert hat? Bei diesem ernsten Thema darf es nicht um Quote gehen. Ein unüberlegter Politiker ist weniger ein guter Talkshow-Gast als vielmehr ein Fall für einen fähigen PR-Berater. Und: Es muss in Nachrichten und Dokumentationen nicht jeder unpassende O-Ton zur Lage gesendet werden – die sorgfältige Auswahl ist wichtiger denn je und bestimmt darüber, wie Flüchtlinge, Helfer und Gegner wahrgenommen werden.
Auch Platzierung und Länge der Meldungen spielen eine tragende Rolle: Als EU-Politiker Martin Schulz Mitte Mai den Karlspreis für seine Verdienste um Europa verliehen bekam, verdrängte er Informationen zu mehr als 700 (!) ertrunkenen Flüchtenden auf dem Mittelmeer von Platz eins der "Tagesschau". Die ARD widmete Schulz einen ordentlichen Anteil an der Sendezeit des deutschen Nachrichten-Flaggschiffs. Mag sein, dass der Nachrichtenwert der Mittelmeer-Tragödie nach zwei Tagen abgenommen hatte. Doch den Tod von hunderten Menschen in einer vergleichbar kurzen Meldung abzutun, stuft die Ereignisse auf der Nachrichtenskala der Zuschauer herab. Und wenn es um die leider feindliche Haltung einiger Deutscher gegenüber den Flüchtenden geht: Es sollte nicht sein, dass Neonazis mehr Platz in TV-Nachrichten eingeräumt wird als den Betroffenen.
Ach, ja – nicht jedes Thema bietet sich für einen Kurzbeitrag an: Selbst dem besten News-Team gelingt es kaum darzustellen, wie komplex Deutschland den Asylantenfamilien finanziell unter die Arme greift. Die "Tagesschau" kann ein Lied davon singen und rettet sich nach heftiger Kritik in einen Blogbeitrag.
Sie werden sich jetzt vielleicht denken, dass ich kleinlich bin. Das bin ich in der Sache durchaus – aus gutem Grund: Vor knapp 20 Jahren habe ich mich für meine Diplomarbeit an der Katholischen Universität Eichstätt mit Klischees in Fernsehnachrichten auseinandergesetzt. Damals ging es um das Bild, das die News deutscher Sender über die ach so "kracherten" Bayern zeichneten. Sie taten es. Sie tun es heute noch. Nur leider nicht mehr nur über die Bayern, sondern oft über die Flüchtlinge, die jetzt jede Unterstützung brauchen. Es geht um Menschen, die um unsere Hilfe bitten.
Fernsehen kann die Meinung lenken. Gott sei Dank gelingt das sehr oft. Wie etwa am Montagabend in der ARD-Sendung "Panorama" mit einem entlarvenden Vergleich, wonach die deutsche Politik 2008 mit Milliarden die deutschen Banken stützte und den Geldhahn für Asylsuchende nun dagegen kaum aufdreht. Es ist derzeit aber eher die Unterhaltung, die im Fernsehen Partei für die Flüchtlinge ergreift und Hasskommentare außer Kraft setzt: Joko und Klaas oder auch Oliver Kalkofe zeigen Flagge. Liebe TV-Verantwortliche - seid Euch stets der Macht Eures Mediums bewusst!
Apropos Joachim Herrmann: Bayerns CSU-Politiker hätte in meiner Diplomarbeit einen Ehrenplatz als Klischee-Minister erhalten.