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Die umstrittene Brüderle-Geschichte ist am Donnerstag im Print-Heft erschienen.
Die umstrittene Brüderle-Geschichte ist am Donnerstag im Print-Heft erschienen. © Foto:W&V

Gruner + Jahr | | von Frank Zimmer

Shitstorm: Brüderles Bloßstellung erregt "Stern"-Leser

"Stern, ab ins Dschungelcamp"; "Gossenjournalismus", "Geschmacklose Schmierengeschichte": Auf der Facebook-Seite des "Stern" tobt seit Mittwochabend die Kritik an einem Artikel über FDP-Spitzenkandidat und "Heute Show"-Liebling Rainer Brüderle. Das G+J-Magazin berichtet in seiner aktuellen Print-Ausgabe über wenig filigrane Flirtversuche Brüderles in einer Stuttgarter Hotelbar. Objekt des liberalen Interesses war "Stern"-Redakteurin Laura Himmelreich, die die Szene allerdings erst jetzt schildert - über ein Jahr nach dem Vorfall. Demnach sei Brüderles Blick auf "ihren Busen gewandert", er habe ungefragt ihre Hand geküsst, ihr seine "Tanzkarte" angeboten, und:

"Gegen ein Uhr nachts tippt ihm seine Sprecherin an die Schulter. Brüderle verabschiedet sich von den umstehenden Männern. Dann steuert er mit seinem Gesicht sehr nah auf mein Gesicht zu. Ich weiche einen Schritt zurück und halte meine Hände vor meinen Körper. Die Sprecherin eilt von hinten heran: 'Herr Brüderle!', ruft sie streng. Sie führte ihn aus der Bar. Zu mir sagt sie:'Das tut mir leid.' Zu ihm sagte sie: 'Zeit fürs Bett."

Der "Stern" selbst nennt die Berichterstattung einen "Tabubruch". Sexuelle Anzüglichkeiten von Politikern seien zwar nicht ungewöhnlich, bisher aber immer verschwiegen worden. Die meisten Facebook-Kommentatoren sehen in der "Stern"-Berichterstattung eher eine Überdosis Boulevard. "Wie kann der Stern so einen Bericht veröffentlichen? Überlege mir ernsthaft, den Stern abzubestellen", ist nur eines von über 200 Postings. Auch der Zeitpunkt der Veröffentlichung stößt übel auf:  "Schon komisch, dass ihr das Ereignis von vor einem Jahr just in der Woche einfällt, in der Brüderle zum Spitzenmann aufsteigt ... merkwürdig!", wundert sich ein "Stern"-Leser. Die Schilderung von Laura Himmelreich sei ein "Feigenblatt für die explizite Bloßstellung von Brüderle", heißt es anderer Stelle.

Ganz wohl ist dem "Stern" bei der Angelegenheit wohl auch nicht mehr. In der Online-Version des Artikels hat man eine Passage über Rainer Brüderles Ehefrau Angelika bereits entfernt. Nach langem Schweigen hat sich am Donnerstagmittag "Stern"-Chefredakteur Thomas Osterkorn zu Wort gemeldet: Er verteidigt den Artikel als "legitim", denn die Baggerei an der Bar scheine "ein wiederkehrendes Verhalten von Brüderle zu sein". Jan-Eric Peters, Chefredakteur der "Welt", sieht die mediale Fallhöhe anders als sein Hamburger Kollege. Auf seiner eigener Facebook-Seite schreibt er: "Ich halte Brüderles angeblichen Spruch für ziemlich dämlich, aber diese Geschichte hätte ich nie gedruckt".

Shitstorm: Brüderles Bloßstellung erregt "Stern"-Leser

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Sexuelle Übergriffe und Brüderle-Gate: Eine Frage des Machtgefälles

von Susanne Herrmann

Im Netz tobt die Diskussion: Durfte der "Stern" Rainer Brüderle derart bloßstellen, weil er eine Journalistin angebaggert hat? Falsche Frage, findet W&V-Autorin Susanne Herrmann.

Danke, Laura Himmelreich! Eine Offenbarung wie diese war lange überfällig. Denn ich habe so etwas in den ersten zehn meiner knapp 20 Berufsjahre oft genug so erlebt wie Sie.

"Warum hast du dann darüber nie geschrieben?", fragt mich der Kollege. Weil ich auch nicht darüber schreibe, dass ich nach dem Aufstehen Zähne putze. Sexuelle Belästigung war für mich so selbstverständlich geworden, dass das Thema irgendwann seine Relevanz, seinen "News-Wert", verliert. Bitter ist das, sehe ich heute. In der Diskussion mit Kolleginnen und Kollegen über Brüderles Bagger-Gate wird mir klar, dass ich in meinen ersten Berufsjahren (heute nicht mehr) fortwährend sexuellen Belästigungen ausgesetzt war, mal mehr, mal weniger plump. Und stets griff sofort der Schuldreflex, den zum Beispiel kleine Kinder haben: Wenn der Mann mir gegenüber sich so benimmt, dass er es für angemessen hält, mich wie ein Stück Fleisch zu behandeln, dann habe ich etwas falsch gemacht. Schuldbewusstsein und Scham sind also weitere Gründe dafür, dass ich diese ganz normalen Vorfälle nicht weiter publik gemacht habe. Wenn es morgens regnet, twittere ich das auch nicht, sondern nehme eben einen Schirm mit.

Je größer das Ego des Mannes, je größer das (wahrgenommene) Machtgefälle, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass vor allem junge Frauen sich in Situationen wiederfinden wie Laura Himmelreich. Journalistin und Politiker, Chef und Praktikantin, Groupie und Popstar – das Personal ist austauschbar. Der Höhepunkt meiner Karriere als unfreiwilliges Appetithäppchen war auf einer betriebsinternen  Feier (übrigens nicht bei W&V) mit prominenten Gästen, wo ich binnen einer Stunde eindeutige Angebote von allen fünf Mitgliedern einer Band inklusive ihres Managers erhielt. Mein Fehler dabei, das weiß ich nun, gute zehn Jahre älter, war lediglich der, freundlich lächelnd meinen Gastgeberpflichten nachgekommen zu sein. Freundlich lächelnd und in der Hoffnung, dabei noch nett genug zu sein, hab ich mich verabschiedet – statt die Typen auszulachen, bloßzustellen oder Hotelschlüssel einzusammeln, um sie dann eiskalt zu versetzen. Dass es für viele Frauen schwer ist, angemessen mit so offensiver Anmache umzugehen, können viele Männer gar nicht nachvollziehen, nicht mal die, die sich so gar nicht aufführen und finden, ein Kerl wie Brüderle mache sich doch lächerlich. Das Opfer empfindet das meistens nicht so.

Dass Frauen Zudringlichkeiten, sabbernde Gier und Betatschen als normal empfinden, ist schrecklicher noch als die Tatsache, dass sexuelle Belästigung so häufig vorkommt. Dass es nicht normal sein darf, das macht uns heute die "Stern"-Affäre klar. Dass Laura Himmelreich und der "Stern" kein gutes Gespür bewiesen haben, was den Zeitpunkt der Geschichte angeht und die Fokussierung auf einen einzelnen Mann, schadet leider der Sache sehr. Denn die Missbrauchs-Verharmloser bekommen damit Munition, die Geschichte herunterzuspielen und auf einem Nebenschauplatz auszufechten. Das sollten wir nicht zulassen. Nur Mut, Frau Himmelreich!

von Susanne Herrmann - Kommentare Kommentar schreiben

Ein #aufschrei geht durch die Branche

von Linda Ross

Brüderles Belästigungen gegenüber der "Stern"-Redakteurin Laura Himmelreich sind kein Einzelfall. Und es besteht offensichtlich riesiger Redebedarf in Deutschland: Unter dem Hashtag #aufschrei tauschen unzählige Nutzer ihre Erfahrungen und Meinungen zum Thema sexuelle Übergriffe aus. Die Aktion geht auf die Berlinerin Anne Wizorek alias @marthadear, zurück, eine freie Digitalberaterin und Eventmanagerin bei Re:publica 2011. Sie postete #aufschrei erstmals am Donnerstagabend. Freitagmorgen liefen unter #aufschrei minütlich rund 20 Meldungen ins Twitter-Netzwerk. Eine Reihe von Branchenköpfen machen mit: 

@tknuewer (Blogger und Digitalberater Thomas Knüwer):

Medienvertreter sollten sich einmal den Hashtag #aufschrei ansehen - mutig, traurigmachend und hoffentlich der Beginn einer Debatte.

 @talkabout (Agenturchef Mirko Lange):

Männer haben's schwer, nehmen's leicht, außen hart und innen ganz weich, werden als Kind schon auf Mann geeicht, ..." #aufschrei?

Soll man jetzt besser zum Thema #aufschrei inhatlich Stellung nehmen oder es doch einfach ignorieren. Bin mir nicht sicher.

@luebue (Wolfgang Lünenbürger-Reidenbach, Digitalchef Agentur Achtung):

30min #aufschrei gelesen. Nur schwanke ich zwischen einer Sauwut und tiefer Traurigkeit und Scham.

@ChristophKappes (Autor und Blogger Christoph Kappes):

Irgendwie irritiert mich #aufschrei. (Zweifelt irgendjemand daran, dass es Übergriffe gibt? Passt auf, auf Euch, beim Twittern.)

@videopunk (Markus Hündgen, Chef European Web Video Academy und eben "Videopunk"):

Die permanente Nutzung des Begriffspaares "man/frau" als Gleichberechtigung ansehen. #Aufschrei

Klaus Eck, Agenturchef Eck Kommunikation, mischt derzeit noch nicht mit eigenem Tweet mit, retweeted aber @bachleitner:

Die Reaktionen mancher Männer unterstreichen doppelt, wie notwendig der #aufschrei ist.

Selbst manche Journalisten haben offensichtlich Nachhilfe nötig. Hier erklärt Anke Domscheit-Berg, Unternehmerin und bei den Piraten aktiv, wie das Socialising zwischen Männern und Frauen funktioniert und dass René Obermann sich wohl kaum wie Brüderle benommen haben wird, um Maybrit Illner für sich zu gewinnen:

von Linda Ross - Kommentare Kommentar schreiben

Agentur-Machos: "Diese Männer haben Allmachtsfantasien"

von

Auch ein #aufschrei: "Gut, dass endlich drüber geschrieben wird. Gerade den alltäglichen Sexismus verdrängen wir oft genug", twitterte Ingeborg "Ibo" Trampe über einen kontrovers diskutierten Artikel von W&V-Autorin Susanne Herrmann. W&V Online hat die erfahrene Werberin und frühere Journalistin über Anmache in Agenturen und Branchen-Machos befragt. Trampe kennt die Szene wie kaum jemand: Sie war Texterin bei Agenturen wie Beithan Heßler, Tostmann und Saatchi, arbeitete in den 90er Jahren für "Horizont" und gehörte zur Geschäftsführung von Y&R. Später verantworte sie sie Unternehmenskommunikation von BBDO Deutschland. Seit 2008 ist Ingeborg Trampe freiberufliche PR-Beraterin. Von ihrem Hamburger Büro aus betreut sie u.a. McCann Erickson.

W&V Online: Ibo, wir lesen jetzt überall von lüsternen oder anzüglichen Politikern. Die Brüderle-Geschichte ist wohl nur die Spitze des Eisbergs. Nach dem, was ich von Kolleginnen höre, sind sexuelle Anspielungen aber auch in der Agenturbranche ein großes Thema. Kannst du das aus deiner Erfahrung bestätigen?

Ingeborg Trampe: Eigentlich war man in der Agenturbranche ständig Anmachen ausgesetzt. Ich habe lange geglaubt, dass sei ein Generationsthema. Aber #Aufschrei zeigt ja jetzt, dass es auch bei der neuen Generation von Männern fröhlich weitergeht. Die Anmachen gingen von plumpen Sprüchen bis zu eindeutigen Angeboten. Ein häufiger Spruch war auch: "So eine nette hübsche Frau wird doch nicht so kritisch nachfragen, das macht doch hässlich"

Warum wehren sich so wenige Frauen? Warum nennen sie keine Namen?

Meine Erfahrungen liegen lange zurück, damals war ich jung und wusste mich nicht richtig zu wehren. Ich fände es komisch, heute, zehn bis 15 Jahre später, einzelne Agenturbosse zu outen. Es geht darum, die Alltäglichkeit von Sexismus zu thematisieren, die auch heute noch existiert.

Was würdest du jungen Kolleginnen raten - wie sollen sie auf Anzüglichkeiten und Übergriffe reagieren?

Heute sind Frauen ja Gott sei Dank selbstbewusster. Auf jeden Fall muss man sich sofort wehren. Wer sich das alleine nicht traut, sollte sich Unterstützung von Kolleginnen suchen.

Was ich an vielen Geschichten, die Umlauf sind, nicht verstehe: Ein männlicher Agenturchef, der einer "Marktpartnerin" oder Kollegin obszöne Mails schickt, macht sich doch zum Affen und riskiert im Extremfall seine bürgerliche Existenz. Ist das ein Kick für Ober-Machos oder können die sich einfach nicht vorstellen, dass ihnen jemand absagt?

Diese Männer leiden unter Realitätsverlust. Sie finden ihr Benehmen angemessen und machen sich gar keine Gedanken um mögliche Konsequenzen. Sie haben Allmachtsfantasien.

Du hast im vergangenen Jahr mit erotischen Blogs für Aufsehen gesorgt. Gab es danach unerwünschte Anmachversuche?

Nein, auf den Blog kamen keine blöden Anmachen. Er flößt Typen eher Respekt ein. Und natürlich ist das auch ein spielerisches Format, da rechnet man auch mit entsprechenden Dialogen und das ist auch okay.

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"Die schwatzhafte Frau Himmelreich": Ralf Höcker über den Fall Brüderle

von Katharina Hannen

Wenn Prominente ungewollt auf die Titelseiten geraten, schlägt meist die Stunde von Ralf Höcker: Der Kölner Medien- und Markenrechtler ist "Staranwalt" im eigentlichen Sinne; auf seiner Mandantenliste stehen u.a. Jörg Kachelmann, Felix Magath und Heidi Klum. Höcker kennt den Medienzirkus nicht nur aus anwaltlicher Sicht: Als Bestseller-Autor ("Lexikon der Rechtsirrtümer") und RTL-Moderator ("Einspruch - Die Show der Rechtsirrtümer") hat der promovierte Jurist massentaugliche Entertainment-Qualitäten bewiesen. W&V Online hat Ralf Höcker zum Fall Brüderle befragt: Was ist in der Berichterstattung über Brüderles Bargespräche legal und was ist legitim?

Herr Höcker, Rainer Brüderle habe sich "zu viele Freiheiten" herausgenommen, heißt es im "Stern". Wie schätzen Sie die geschilderten Vorfälle ein?  Ist er zu weit gegangen?

Ralf Höcker: Das weiß kein Mensch. Frau Himmelreich hat die Situation subjektiv in einer bestimmten Weise wahrgenommen, sie selektiv abgespeichert und nach mehr als einem Jahr noch einmal selektiv wiedergegeben. Da bleibt viel Raum für Verzerrungen und Fehler. Die gleiche Situation mag sich aus anderer Perspektive ganz anders dargestellt haben. Auf dem Mediendebattenportal "Vocer" habe ich dies in einer Glosse mit den Originaldialogen, an die sich Frau Himmelreich im "Stern" zu erinnern glaubt, einmal demonstriert. Abgesehen davon spielt es aber überhaupt keine Rolle, ob Herr Brüderle zu weit gegangen ist. Wenn ja, muss er sich bei der Dame entschuldigen. Aber das ist dann eine Privatangelegenheit. Nicht jede private Unhöflichkeit wird gleich zu einem Politikum mit öffentlichem Informationswert, nur weil der unhöflich Handelnde ein Jahr später plötzlich ein bisschen wichtiger wird. Es hat schlicht niemanden zu interessieren, ob und wie Herr Brüderle möglicherweise mit Frauen zu flirten versucht. Und so hart es klingt: Es besteht auch kein berechtigtes Informationsinteresse daran, ob eine Politikjournalistin sich angebaggert, nicht ernst genommen oder in sonstiger Weise unangenehm berührt fühlt. Die Dame überschätzt auch ihre eigene Bedeutung.

Zotiges Verhalten, anzügliche Bemerkungen, sexuelle Übergriffe – bis zu welchem Punkt sind Berichte darüber überhaupt statthaft?

Zotiges Verhalten und anzügliche Bemerkungen sind Privatsache, darüber darf grundsätzlich nicht berichtet werden. Über sexuelle Übergriffe durch Politiker oder andere wichtige Menschen darf man dagegen berichten, wenn einigermaßen gesichert ist, dass an dem Verdacht etwas dran ist und wenn der Betroffene nicht vorverurteilt wird. Herr Brüderle ist allerdings eindeutig nicht sexuell übergriffig geworden, sondern hat Frau Himmelreich im äußersten Fall angebaggert, was in Deutschland im Gegensatz zu anderen Regionen der Welt keine Straftat darstellt. Hinzu kommt, dass alles, was Journalisten in vertraulichen Hintergrundgesprächen erfahren, vertraulich bleiben muss. Das schreibt das Presserecht vor, das war bisher aber auch presseethisch unbestritten. Der "Stern" hat einen Tabubruch begangen, der es der schwatzhaften Frau Himmelreich, möglicherweise aber auch anderen Journalisten künftig schwerer machen wird, in offensichtlich vertraulichen Situationen an Informationen zu kommen. Denn Verschwiegenheit ist die höchste Tugend des Journalisten gegenüber seiner Quelle. "Spiegel Online" berichtet heute über die Situation in den USA: Dort lassen die Politiker aus Angst vor Indiskretionen überhaupt keine Journalisten mehr privat an sich heran. Die Medien müssen selbst wissen, ob sie solche Verhältnisse auch in Deutschland haben wollen.

Wie sollten sich Politiker, die mit derlei Vorwürfen konfrontiert werden, dazu verhalten?

Sie müssen sorgfältig abwägen, ob es im Einzelfall besser ist, juristisch gegen einen solchen Presserechtsverstoß vorzugehen, ihm kommunikativ zu begegnen oder ihn schlicht zu ignorieren. Welche Reaktion die richtige ist, lässt sich nicht pauschal beantworten. Das ist Erfahrungssache. Wichtig ist, dass man keine Option von Vornherein ausschließt.

Ein Jahr liegt zwischen dem Vorfall und der Berichterstattung, manch einer vermutet dahinter eine kalkulierte Kampagne. Machen sich Medien strafbar, wenn sie Informationen zurückhalten, um sie zu einem späteren Zeitpunkt, der eventuell größere Aufmerksamkeit verspricht, einzusetzen?

Dass jede Redaktion ihren Giftschrank hat, den sie erst dann öffnet, wenn das Gift seine größte Wirkung zu entfalten verspricht, ist ja bekannt. Medien machen sich durch solche Praktiken nicht strafbar aber möglicherweise unglaubwürdig – so zum Beispiel im Fall Brüderle/Himmelreich.

Nach dem Stern-Bericht wurden schnell Spekulationen über ähnliches Betragen weiterer Politiker laut. Inwieweit dürfen solche Mutmaßungen geäußert werden?

Sie dürfen nicht geäußert werden, wenn sie falsch sind, wenn sie sich auf Geschehnisse im Rahmen eines vertraulichen Gesprächs beziehen oder wenn sie die Schwelle alltäglicher Banalität nicht übersteigen. Auch Politiker haben ein Recht auf Privatsphäre und dazu gehört auch, dass private Fehltritte nicht in die Öffentlichkeit gehören.

von Katharina Hannen - Kommentare Kommentar schreiben

Sexismus-Problem? Von Günther Jauch ein klares Ja

von Susanne Herrmann

"Herrenwitz mit Folgen – hat Deutschland ein Sexismus-Problem?" Die Frage, die das Diskussionsthema von Günther Jauchs Talkrunde in der ARD zusammenfasst, beantwortete der Moderator mit seinem Verhalten. Perplex stellte so manche Zuschauerin und mancher Zuschauer fest, dass ausgerechnet einer der beliebtesten Moderatoren mit dem bubenhaften Charme und dem Saubermann-Image das Thema Sexismus in der Sendung bagatellisierte und klein machte. Leider hatte er auch das letzte Wort. Er hoffte, dass er nach der Sendung an der Bar nicht nur mit den beiden anwesenden Herren den Abend ausklingen lassen müsse. Das verstand selbst der Mann neben mir auf dem Sofa als "Schade, dass wir ohne die Frauen feiern werden, aber die sind ja so empfindlich". Überzeugend und unerschütterlich erleben wir in der Sendung Anne Wizorek, Silvana Koch-Mehrin und Alice Schwarzer.

Die Sexismus-Debatte, ausgelöst durch einen Artikel über FDP-Mann Rainer Brüderle im "Stern", spürte die Jauch-Redaktion als brisantes Thema auf und stieß den Themenplan um. Die Gästeliste zeigt, dass es nicht leicht gewesen sein kann, Studiogäste zu finden, die offen für eine Herabwürdigung von Frauen einstehen. Das schon mal ist ein gutes Zeichen. Literaturkritiker Hellmuth Karasek und Wibke Bruhns, erste Nachrichtensprecherin im deutschen Fernsehen, treten als Brüderle-Verteidiger eher halbherzig (Karasek) bis grotesk (Bruhns) an, der Rest der Runde besteht aus Feministin Alice Schwarzer, FDP-Politikerin Silvana Koch-Mehrin, "Stern"-Chefredakteur Thomas Osterkorn und Anne Wizorek, Initiatorin des Twitter-Thema #Aufschrei. Ihnen ist ein Anliegen, über den alltäglichen Sexismus zu debattieren und ein Umdenken einzuleiten.

Koch-Mehrin, die nicht die Betroffene und nicht die Parteifreundin Brüderles gibt, findet klare und sachliche Worte: Frauen wollen sich nicht mehr wehren müssen, entgegnet sie Bruhns, die in den Raum schleudert, Frauen seien ja keine armen Gejagten - und ob man Männern die Arme abhacken wolle? In der aktuellen Debatte gehe es vielmehr um Problembewusstsein und die Bereitschaft, aufeinander einzugehen, sagt Koch-Mehrin. Genau wie Wizorek und Schwarzer versucht sie, die Gesprächsrunde immer wieder auf ihren Kern zu bringen: Über Brüderles Verfehlungen gehe der Aufschrei weit hinaus.

Tatsächlich hat der ungeschickte Polit-Profi nur das Fass zum Überlaufen gebracht: Aus der Anekdote Laura Himmelreichs im "Stern"und dem kurz zuvor veröffentlichten Bericht von "Spiegel"-Redakteurin Annett Meiritz über Sexismus bei den Piraten entstand deshalb eine Welle der Empörung, weil scheinbar Alltägliches nicht mehr klaglos hingenommen wird und weil die Frauen gerade feststellen, dass vermeintlich überwundene Diskriminierung kein Problem ist, das sie allein haben. Über des plumpe Verhalten eines Spitzenpolitikers geht das Thema weit hinaus. Was es den Brüderle-Freunden Bruhns und Karasek schwer macht.

Alice Schwarzer bei Jauch hat den klarsten Blick dafür, was sich in der Welle der Empörung und in Aktionen wie #Aufschrei ausdrückt: Die heutige Generation Frauen ist aufgewachsen in dem Bewusstsein, dass ihre Kämpfe schon ausgefochten sind, dass sie sich nicht auf das Niveau der Feministinnen begeben müssen, sondern alles erreichen und dazu hübsch aussehen können, ganz Frau sein und erfolgreich im Beruf. Und nun stellen diese Frauen fest: "Die Kacke ist noch am dampfen." Und der Kampf noch nicht zu Ende. Als ich das höre, fühle ich mich ertappt, denn auch ich habe mir den Luxus erlaubt, über Emanzen die Nase zu rümpfen: So verbissen wollte man ja auch nicht auftreten, die Gesellschaft hat ihre Schuldigkeit getan und sich verändert zu Gunsten der Frauen, den Rest muss jede für sich in ihrem Umfeld klären. Dass das so einfach nicht ist, zeigt sich jetzt: Der respektvolle Umgang miteinander ist noch nicht in allen Köpfen angekommen.

Anne Wizorek kämpft genau dafür und macht das in Jauchs Talkrunde tapfer gegen Widerstände deutlich: Als ihr eine bizarr wirkende Wibke Bruhns an den Kopf wirft, man könne doch die Männer nicht ändern, ohne sie zu kastrieren, kontert die Aufschrei-Initiatorin trocken: "Wir müssen Verantwortung übernehmen." Was sei denn am respektvollen Umgang untereinander abzulehnen? Und nein, es gehe nicht darum, dass Männer mit Frauen nicht flirten dürfen. Aber Machtausübung ist eben nicht in Ordnung, in keiner Richtung. Auch wenn es Hellmuth Karasek, der einen Altherrenwitz erzählt, nicht gefällt, dass eine Frau gern selbst entscheidet, mit wem sie flirten will und mit wem nicht.

Das eigene Handeln zu reflektieren dürfe man von Menschen erwarten, sagt Wizorek. Thomas Osterkorn findet eine gute Richtlinie für angemessenes Verhalten: "Wenn sich jeder so verhält, wie er möchte, dass man sich gegenüber seiner Frau und Tochter verhält, ist viel erreicht." Seine Hoffnung, und die hegen viele der mehr als 60.000 Twitterer, Männer wie Frauen, die sich an #Aufschrei beteiligt haben: "Diese Debatte verändert was." Frauen würden selbstbewusster und forderten ihre Rechte ein, "das ändert die Männer, die lernen, dass es Grenzen gibt." Und das ist das Thema. Davor, dass es immer noch eines ist und mitnichten überwunden, dürfen Männer und Frauen die Augen nicht verschließen.

Die ganze Sendung hier in der ARD-Mediathek.

von Susanne Herrmann - Kommentare Kommentar schreiben