Phalanx gegen Büchner | | von Florian Zettel

Spiegel-Redakteure revoltieren

Der interne Streit beim "Spiegel", dem ehemaligen Sturmgeschütz der Demokratie, erreicht eine neue Eskalationsstufe: 210 der 250 Printredakteure des Spiegel haben nach Informationen von W&V Online eine Petition unterschrieben, die sich gegen den Modernisierungskurs von Chefredakteur Wolfgang Büchner stellt. Damit dürfte der Chefredakteur kaum mehr zu halten sein. Auch die Position von Geschäftsführer Ove Saffe wird damit deutlich geschwächt, der sich hinter das Restrukturierungsprogramm seines Chefredakteurs stellt. Eine Arbeitsniederlegung dürfte allerdings vom Tisch sein. Fraglich ist, ob nach einem Treffen der Gesellschafter am Freitagnachmittag die Gemüter wieder abkühlen.

Hintergrund ist, dass Büchner plant, alle Ressortleiter-Posten neu auszuschreiben. Sie sollen künftig für Print und Online verantwortlich sein, um die beiden Welten miteinander zu verschmelzen. Stichwort: "Spiegel 3.0". In der Redaktion wird Büchners Vorgehen als Machtprobe verstanden, um sich von unliebsamen Kollegen zu trennen. Denn zuvor hatten die drei Ressortleiter Alfred Weinzierl, Ullrich Fichtner und Susanne Amann im Namen aller Ressortchefs sich bei Saffe gegen Büchner ausgesprochen. Die Ressortspitzen werfen dem Chefredakteur nach einem knappen Jahr an der Spitze vor, dass ihm Qualitäten als Blattmacher fehlten, um den Auflagenrückgang zu stoppen.

 

Büchners Gegner wollen nun offenbar einen Mann an die Spitze hieven, den der "Spiegel"-Chef in die zweite Reihe verbannt hat: Martin Doerry, 16 Jahre Vize-Chef des Spiegel. Ihn hatte Büchner Anfang des Jahres zum Autor degradiert. Doerry hat in der Redaktion ein gutes Standing. Er gilt als Journalist, der den "Spiegel" mit seiner glänzenden Schreibe wieder zu alten Glanzzeiten als Nachrichtenmagazin zurückführen könnte. Er hatte im vergangenen Sommer in der Interimsphase nach der Abberufung der Doppelspitze zusammen mit Klaus Brinkbäumer die Heftverantwortung inne. Die beiden konnten einige der verkaufsstärksten Ausgaben des vergangenen Jahres am Kiosk platzieren.

Die erneuten Querelen beim "Spiegel" sind indes zur Chefsache bei "Bild" geworden: Es ist Martin Heidemanns, stellvertretender Chefredakteur des Springer-Blattes und als Mitglied der Chefredaktion zuständig für das Ressort "Reporter/Investigative Recherche", der sich des Themas annimmt. Unter der Überschrift "Der Spiegel" in Flammen - Aber wer ist der Brandstifter?" durchleuchtet der Reporter hinter der "Affäre Wulff" in der Nacht zum Freitag die Auseinandersetzungen an der Ericusspitze zwischen der Chefredaktion um Wolfgang Büchner und den Ressortleitern.

Auch wenn Heidemanns erst einmal recht sachlich schildert, wie sich die Lage beim "Spiegel" zuspitzt, die Redakteure hinter den Ressortleitern stehen und vor allem den Zeitpunkt der geplanten Personalrochade inmitten der Umbauarbeiten hin zum vorgezogenen Erscheinungstermin am Samstag kritisieren – verkneifen kann sich der prominente "Bild"-Autor so manchen Seitenhieb nicht. So formuliert Heidemanns etwa: "Lodern tut es schon lange beim ‚Spiegel‘. Es begann mit dem redaktionsinternen Widerstand gegen den neuen Berliner Büroleiter Nikolaus Blome, den Büchner bei seinem Amtsantritt verpflichtet hatte. Viele ‚Spiegel‘-Schreiber lehnten den Politik-Profi schon deshalb ab, weil er von Bild kam. Von den ‚Brandstiftern‘ also, wie der ‚Spiegel‘ Europas größte Zeitung im Februar 2011 in einer elfseitigen Titelgeschichte bezeichnet hatte." Da sitzt richtig tiefer Groll in Heidemanns, der bei dieser Gelegenheit ausgelebt wird.

 

Dann legt Martin Heidemanns richtig los: Vom "kaum beherrschbaren Flächenbrand im neuen Verlagshaus" ist die Rede, bevor sich der "Bild"-Reporter an der "Drei-Klassen-Gesellschaft" beim "Spiegel" reibt. Gemeint sind die Spitzenverdiener unter den Redakteuren, die in der Mitarbeiter KG sitzen, die einfachen Redakteure mit Tarifgehalt sowie die Online-Kollegen, die in einer eigenen GmbH außen vor sind und nicht von der Gewinnausschüttung der Mitarbeiter KG profitieren. Sie alle müsste Büchner einen und auf den digitalen Pfad bringen.

Heidemanns nimmt Büchner sogar in Schutz, wenn er meint, der einzige Fehler des "Spiegel"-Chefredakteurs sei im vergangenen Jahr gewesen, als er zwischen Verkündung seiner Personalie und Amtsantritt viele Monate ins Land ziehen ließ. Damals hätte die Redaktion genügend Zeit gefunden, um die Messer zu wetzen. Ein letztes Mal teilt der "Bild"-Autor richtig aus und stichelt: "An Relevanz hatte das Blatt schon lange vor Büchners Berufung verloren. Es fehlten die großen Enthüllungen. Es gab kaum noch Geschichten, über die das Land sprach und die es in die ‚Tagesschau‘ schafften." Mit diesen Zeilen schreibt Heidemanns ein neues Kapital im Dauerzwist zwischen "Spiegel" und "Bild".

 fze/gl/ps

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