Lesetipp:
Terror und Gewalt erfordern neue Regeln in den Medien
Im Angesicht von Terroranschlägen und Gewalt in Zeiten von Social Media müssen die Medien umdenken. Die Berichterstattung muss sich ändern, fordern Georg Mascolo und der Experte Peter Neumann in der "Süddeutschen". Der "Spiegel" sieht das offenbar anders.

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Im Angesicht von Terroranschlägen und Gewalt in Zeiten von Social media müssen die Medien umdenken. Die Berichterstattung muss sich ändern, fordern Georg Mascolo und der Experte Peter Neumann* in der "Süddeutschen Zeitung". Denn: Die Terroristen zehren vom medialen Widerhall, den ihre Aktionen finden. Die Debatte ist alt, hat aber im digitalen Zeitalter und nach den Anschlägen der letzten Zeit neue Relevanz und einen zusätzlichen Aspekt bekommen. Journalisten sind gefordert, über ihr Selbstverständnis nachzudenken. Denn Schweigen ist keine Lösung.
Mascolo und Neumann suchen Antworten auf die Fragen: "Wie viel und vor allem welche Berichterstattung ist angemessen? Wo verläuft die Grenze zwischen richtiger und notwendiger Information der Öffentlichkeit und einer Berichterstattung, die den Terroristen in die Hände spielt?" Die beiden Journalisten machen deutlich, dass Terroristen auch Kommunikationsprofis sind, die Inszenierung und die verbreitete Propaganda sind ein wesentlicher Teil ihres Terrorprogramms, zu dem außer dem Töten vieler Menschen auch Provokation und Angstmache gehören. "Längst misst der IS den Erfolg einer Tat nicht nur anhand der Zahl der Toten, sondern auch anhand der Länge von Sondersendungen und der Größe der Schlagzeilen in den Zeitungen", schreiben Mascolo und Neumann.
Für die Medien bedeute das:
- Zurückhaltung. Nicht nur, was das Abbilden von Taten, sondern auch IS-Material oder Bekenner-Botschaften angeht. "Ohne Kontext und Einordnung sollten all diese Bilder überhaupt nicht verwendet werden. Und insgesamt nur sehr, sehr sparsam."
- Täter nicht heroisieren. Etwa indem man sie als "einsame Wölfe" bezeichne oder jeden Vorfall mit Superlativen belege.
- Sorgfalt. Nicht nur im Journalismus, sondern bei allen, die Bilder und Videos von Anschlägen oder Gewalttaten machen oder verbreiten. Insbesondere Livebilder verstören nicht nur, sondern behindern darüber hinaus die Arbeit der Polizei.
- Keine Namen, keine Bilder. Besonders gelte das bei der Berichterstattung über psychisch Kranke und Amokläufer, da hier die Gefahr von Nachahmungstaten besonders hoch ist.
- Mythen mit Fakten kontern. Je mehr der IS beispielsweise sich und seine Kämpfer glorifiziert, desto "größer müssen die journalistischen Anstrengungen sein, über sein wahres Gesicht zu berichten", schreiben Mascolo und Neumann.
Update: Ähnliche Punkte hatte W&V-Chefredakteur Jochen Kalka angesprochen, als ausgerechnet das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" in der Berichterstattung zum Amoklauf in München dem Ethikanspruch nicht gerecht wurde. Der "Spiegel" hat inzwischen ein Essay von Cordula Meyer zum Thema Ethik nachgelegt.
Doch das wird nun dank Medienkritiker Stefan Niggemeier zum Bumerang. Der Betreiber von Übermedien wirft dem "Spiegel" vor, seine Teilnahme an der Amok-Debatte nur zu simulieren: "Das selbsternannte 'Essay' wägt keine verschiedenen Positionen und Argumente ab. Es geht über sie hinweg. Es ist ein Stück der Selbstvergewisserung, dass alles richtig ist, wie man es macht, notdürftig verkleidet mit einem dünnen Mäntelchen der Nachdenklichkeit", schreibt Niggemeier.
Fotos und Namen von Tätern zu veröffentlichen, finden Mayer und der "Spiegel" zum Beispiel in Ordnung. Darauf zu verzichten drücke eine Bevormundung aus: "Wer so entscheidet, traut der Öffentlichkeit einen angemessenen Umgang mit diesen Informationen nicht zu", schreibt Mayer.
Darum aber gehe es nicht, kontert Niggemeier. Sondern um die Wirkung dieser Informationen auf potenzielle Nachahmer. Darum, ob es "ethisch richtig ist, vor allem: ob es nötig ist, den Namen zu nennen, wen es Hinweise gibt, dass eine solche nennung negative Wirkung haben kann", schreibt der Blogger.
Der ganzen Ethikdebatte habe sich der "Spiegel", so Stefan Niggemeier, verweigert. Trotz Anfragen von nicht nur W&V, sondern unter anderem auch von "Zapp" (NDR), die entweder nicht beantwortet oder abgetan wurden. Wenige Tage darauf schreibt das Blatt: "Die Debatte um den Umgang mit Terror und Amok zeigt das Bemühen der Branche um Transparenz und um Nähe zum Leser und Zuschauer. Beides ist gut."
Statt diese Debatte aber zu führen, so Niggemeier, weicht das Magazin auf Themen wie Lügenpresse und Donald Trump aus, die durch Verkürzung und Verzerrung aus der Debatte führen.
Niggemeiers Resümee: "Okay, verstanden: Der 'Spiegel' will sich an dieser Debatte nicht beteiligen."
* Georg Mascolo ist Journalist, war 2008 bis 2013 Chefredakteur des "Spiegel". Seit 2014 leitet er den Rechercheverbund von NDR, WDR und Süddeutsche Zeitung. Peter Neumann ist Experte für islamistischen Terror und Professor am Londoner King's College.