Böse Kommentare im Netz | | von Petra Schwegler

Trolle verschrecken immer mehr Journalisten

Die Aufregungskultur im Social Web schreckt professionelle Schreiber ab, schafft aber reichlich Raum für die so genannten Trolle. "Zeit"-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo beklagt nun einen zunehmenden Druck durch böswillige Kommentare im Internet. "Neben den großen Segnungen, die das Netz natürlich gebracht hat (...), gleicht der Blick in die Kommentarspalten manchmal dem Blick in die Kloake menschlicher Abgründe", hat der 56-Jährige am Mittwochabend in der Münchner Universität betont. Es gehöre immer mehr Mut dazu, sich als Journalist mit einem Leitartikel anonymen Beschimpfungen auszusetzen, zitiert die Nachrichtenagentur "dpa" den "Zeit"-Macher.

Ein Beispiel hat di Lorenzo mitgebracht: eine junge Reporterin der "Zeit", die dem Chefredakteur zufolge schon mehrfach aus der Ukraine berichtet und sich dort in Lebensgefahr gebracht habe. "Als wir sie gefragt haben: Magst Du einen Leitartikel schreiben, da sagte sie:'Lieber nicht. Lieber in die Ukraine fahren.' Wegen der Reaktionen. Das ist das Einschüchterungsinstrument, das ist die Gefahr."

BR-Intendant Ulrich Wilhelm stimmt dem bei der Podiumsdiskussion der Münchner Universitätsgesellschaft zu: "Alle, die sich mit Leitartikeln an die Öffentlichkeit wenden, erleben eine Verrohung der Sitten und ein Rauerwerden des Umgangs in unserem Land untereinander, wie sie das so nicht für möglich gehalten hätten." Das gehe bis zu Morddrohungen und gefährde die Demokratie. Von Journalisten erfordere das viel Courage.

Der Umgang mit teils sehr aggressiven Leserkommentaren beschäftigt viele Redaktionen. Die "New York Times" etwa sortiert die Schreiber aus, indem sie vor dem Kommentieren qualifizierte Antworten zum jeweiligen Thema einfordert. Die US-Online-Zeitung "Tablet", die über jüdische Kultur und jüdisches Leben schreibt und mit vielen antisemitischen Kommentaren zu kämpfen hat, schlägt einen radikalen Weg ein, um die Meinungsflut einzudämmen: Wer kommentieren will, muss zwei Dollar am Tag oder 18 Dollar im Monat oder 180 Dollar im Jahr bezahlen. Was einen Troll so bewegt, hat FAZ.net vor einiger Zeit herausgearbeitet – indem ein Redakteur einen Verfasser unzähliger Kommentare besucht und porträtiert hat.

ps/dpa

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