Ins gleiche Horn stößt Stefan Hoff, Vorstand des Verbands Technischer Betriebe für Film und Fernsehen (VTFF) und Geschäftsführer des Studiobetreibers Nobeo. Er meint auf Anfrage von W&V Online: "Für die technisch-kreativen Serviceunternehmen in der Film- und Fernsehproduktion ist der Mindestlohn weniger bei den Beschäftigten als bei den Praktikanten problematisch." Da seien zum einen diejenigen jungen Leute, die nicht nur zur Orientierung, sondern für die Bewerbung an einer Filmhochschule ein längeres Praktikum benötigen. "Wenn sie mehrere Stationen in einem Produktionsunternehmen durchlaufen wollen, sind drei Monate nicht ausreichend", warnt Hoff. Außerdem gebe es in diesem Segment spezielle Berufsbilder ohne entsprechende Ausbildung wie etwa Filmbeleuchter, für die die Mitarbeiter bislang in Jahrespraktika qualifiziert wurden, so der Nobeo-Chef. Ein Argument, das zuvor auch schon die Produzentenallianz angeführt hat. Hoff: "Mit dem Mindestlohn werden das die kleineren Unternehmen nicht mehr tragen können."

Jens-Uwe Steffens, Geschäftsführer der Mediaagentur Pilot Hamburg, macht sich ebenfalls um den Nachwuchs Gedanken: "Die neue Gesetzgebung zum Mindestlohn betrifft die klassischen Mediaagenturen nicht - mit einer Ausnahme: Da bei Praktikanten die Regelung ab dem vierten Monat greift, könnte es hier zu finanziellen Problematiken kommen." Doch Steffens sieht hier nicht nur Schwarz: "Allerdings begrüßen wir, dass damit möglichem Missbrauch und Ausbeutung vom Gesetzgeber ein Riegel vorgeschoben wird. Bei Pilot ist die Nachwuchsförderung eine wichtige Säule im Sinne eines nachhaltigen Personal-Recruitments, weshalb wir bei jungen Talenten gerne bereit sind, neue fundierte finanzielle Rahmenbedingungen zu schaffen", betont der Manager.

"Wenn Praktikanten in Agenturen nicht nur Hilfsarbeiten erledigen, sondern auch wirklich an Projekten mitarbeiten und auch Verantwortung übernehmen sollen, braucht es meistens doch mehr als drei Monate Zeit. Mit dem Mindestlohn nimmt die wirtschaftsfeindliche Regierung ganz besonders dem Nachwuchs wichtige Chancen", gibt Christoph Caesar zu bedenken. Der Geschäftsführer des Kölner-PR-Unternehmens Siccma Media hält für die Branche fest: "Nicht jeder Praktikant, der länger als drei Monate in einer Agentur wertvolles Know-how erwerben, sein Netzwerk erweitern und den Einstieg ins Berufsleben erreichen kann, wird automatisch ausgebeutet." Caesar wird die Entwicklung nach dem Inkrafttreten des Mindestlohns genau im Auge behalten: "Mal schauen, ob Frau Nahles in einigen Jahren immer noch selbstgerecht jegliche Bedenken vom Tisch wischt…".

Müssen junge Unternehmen in neuen Geschäftszweigen und mit einem noch großen wirtschaftlichen Risiko nicht deutlich mehr bangen? Es kommt offenbar auf die Branche an. Philipp Man, Gründer und Geschäftsführer von Chronext, der 2013 gegründeten Handelsplattform für Luxusuhren, betont: "Wir begrüßen den Mindestlohn sehr, denn jedes Unternehmen soll sich seine Mitarbeiter auch wirklich leisten können und diese angemessen bezahlen. Vor allem im Konsumgüterbereich sollten Mitarbeiter die Möglichkeit haben, die Produkte der Firma auch leisten zu können. Dies hat schon Henry Ford gesagt", so der Manager gegenüber W&V Online. Mit dem Mindestlohn zeige sich, welche Unternehmen "wirklich ein nachhaltig erfolgreiches Geschäftsmodell" haben.

Roland Bös, Geschäftsführer von Scholz & Friends Hamburg hat vor Kurzem bei W&V Online für die Kreativbranche auch die Chancen des Mindestlohns hervor gehoben und formuliert: "Die jetzige politische Entscheidung zum Mindestlohn stellt Unternehmen, nicht nur Werbeagenturen, vor die Herausforderung, Praktika jetzt noch konkreter zu definieren. Hierzu zählen Anforderungen, Auswahlkriterien und Betreuung ebenso wie ein noch intensiverer Austausch mit ausgewählten Hochschulen und Akademien." Im Nachgang könnte mehr qualifiziertes Personal in die Agenturwelt strömen – beklagt doch die Kreativbranche einen massiven Nachwuchsmangel.


Autor:

Petra Schwegler, Redakteurin
Petra Schwegler

Die @Schweglerin der W&V. Schreibt seit mehr als 20 Jahren in Print und Online über Medien - inzwischen auch jede Menge über Digitales. Lebt im Mangfalltal, arbeitet in München.