AGF-Analyse:
Wer jung ist, guckt TV mobil
Die 14- bis 29-Jährigen, die immer weniger klassisches TV nutzen, sind bei der Streaming-Nutzung überproportional stark vertreten. Die AGF will nun die Quotenmessung noch besser anpassen.
Die Quotenmessung soll die mobile TV-Nutzung auf Smartphones bis zum Jahr 2016 besser abdecken. Denn der klassische Fernsehkonsum verlagert sich bei jungen Leuten zunehmend ins Internet, wie aktuelle Erhebungen der Arbeitsgemeinschaft Fernsehforschung (AGF) zeigen. Diese Abwanderer finden sich beim so genannten nonlinearen TV-Konsum wieder, wie die AGF-Experten darlegen. Die für TV und Werbung wichtige Altersgruppe der 14- bis 29-Jährigen, die in der klassischen TV-Nutzung meist geringere Anteile aufweise, sei bei der Streaming-Nutzung überproportional stark vertreten, heißt es da. Tests für die Messung mobiler Abrufe von TV-Inhalten sind der AGF zufolge gerade angelaufen.
Einige konkrete Beispiele führt die AGF an: So war bei den drei "Tatort"-Ausstrahlungen (ARD) im Oktober mehr als ein Drittel der Streaming-Seher unter 30 Jahre alt. Den Rekord lieferte dabei der HR-Tatort "Im Schmerz geboren" mit Ulrich Tukur, den 13,86 Millionen Zuschauer eingeschaltet haben (durchschnittliche Sehbeteiligung: 9,34 Millionen). Im Netz wurde der Krimi schließlich noch fast 343.000 Mal als Stream abgerufen.
Noch stärker zeige sich der Nutzungs-Shift zu den nonlinearen TV-Angeboten bei jungen Formaten wie der "heute-show" (ZDF) mit einem Strukturanteil von knapp 44 Prozent der unter 30-Jährigen (TV: acht Prozent)", heißt es weiter. Bei der Daily "Soap Alles was zählt" (RTL) sind demnach 57 Prozent der Streamingnutzer zwischen 14 und 29 Jahre alt, während es vor dem Fernseher nur zwölf Prozent sind. Die Forschungsgemeinschaft der TV-Sender geht nun davon aus, dass über die nonlinearen Angebote noch "signifikante Nutzungszuwächse zu verzeichnen sind". Bei der Castingshow "The Voice of Germany" etwa, die von ProSieben und Sat.1 ausgestrahlt wird, stiegen die Abrufe pro Ausgabe auf bis zu 330.000. Dabei werde die Nutzung der Bewegtbildangebote im Netz stark vom TV-Event getrieben, wie Auswertungen der AGF zum zeitlichen Verlauf der Videoabrufe ergeben würden.
"Man kann aus den Daten, die uns nun vorliegen, durchaus ersehen, dass die jungen Leute die Möglichkeiten über PC oder Laptop oder mobile Endgeräte deutlich intensiver nutzen als andere Altersgruppen", erklärte die AGF-Vorstandsvorsitzende Karin Hollerbach-Zenz. "Dieses scheinbare Minus wird aufgefangen durch die neue nonlineare Welt." Die Quoten-Expertin betonte: "Was immer so durch die Köpfe geistert, Fernsehen würde an Attraktivität verlieren, gerade auch in diesen jungen Zielgruppen, ist nicht der Fall. Das können wir mit unseren Zahlen stichhaltig beweisen."
Aber auch diese nonlineare Nutzung sei noch im Wandel, so die AGF-Chefin. "Wir erwarten, dass in einem Zeithorizont von wenigen Jahren der Schwerpunkt auf der mobilen Nutzung liegen wird. Deswegen bauen wir unsere Messungen im kommenden Jahr so aus, dass wir ab 2016 mobile Reichweiten ausweisen und das ganze Spektrum abbilden können." Dass der Trend dahin gehe, könne jeder im Alltag nachvollziehen. "Dabei kann man unmittelbar beobachten, wie intensiv Videonutzung auf den mobilen Endgeräten inzwischen stattfindet. Diese Nutzung ist in der Reichweitenmessung im Moment noch ein blinder Fleck."
Übrigens: Die Fernsehlust der Deutschen ist ungebrochen. 2014 ist die Nutzung mit 219 Minuten pro Tag auf Vorjahresniveau stabil geblieben. Positive Effekte zeigten sich erwartungsgemäß vor allem im Sommer während der Fußball-Weltmeisterschaft. So stieg die TV-Nutzung im Juni um fünf Prozent und im Endspiel-Monat Juli sogar um 9,1 Prozent, was 17 Minuten entspricht. Aber auch im kalten, verregneten August war ein Plus von fünf Prozent zu verzeichnen. Auch erwiesen sich die Fernsehzuschauer als treues Publikum: Die Anzahl der Seher stieg leicht um ein Prozent an und blieb vor allem auch in den jungen Zielgruppen unverändert. "Deutschland ist und bleibt ein klassisches Fernsehland mit intensiver Zuschauerbindung", fasst Hollerbach-Zenz zusammen.
Als Gesellschafter verantworten und finanzieren die Sendergruppen ARD, ProSiebenSat.1, Mediengruppe RTL Deutschland sowie ZDF die AGF und damit die kontinuierliche Messung der Nutzung von Bewegtbildinhalten auf unterschiedlichsten Endgeräten.
ps/dpa