Amir Kassaei: Das Internet ist die größte Erfindung seit der Demokratie
Im Web-Interview mit Butterflies & Bunnyrabbits plaudert der CCO von DDB Berlin über Menschen, die Renaissance von Propaganda, Werbung in der Krise, Zeitgeist und Kreation.
Der Kampf scheint Amir Kassaei, CCO von DDB Berlin, zu liegen. In einem Web-Interview mit der Wiener Produktionsfirma Butterflies & Bunnyrabbits nennt der Kreative Muhammad Ali als sein großes Vorbild. Nicht nur als Boxer, sondern auch als Mensch, "weil er konsequent in allem war, was er getan hat". Auch wer eine Idee gegen alle Widerstände durchsetzen will, müsse kämpfen können. Im Video plaudert Kassaei über Menschen, die Renaissance von Propaganda, die digitale Revolution, Kommunikation in der Krise, Award-"Zombie-Shows", Zeitgeist und seinen Kampf um eine neue Definition von Kreativität.
Die Wirtschafts- und Medienkrise begreift der Top-Kreative eher als "Sinnkrise". Vor allem die Entwicklung zum mündigen Verbraucher, der selber entscheidet, was er wie und wann kommunziert, bedeute für die Branche "ein Paradigmenwechsel". "Die Menschen wollen einfach nicht mehr, dass man ihnen unter dem Vorwand von Professionalität Dinge verkauft, die sie nicht brauchen und die keinen Sinn machen."
Die Bedeutung der Medien nehme ab. Dabei sei das Internet vor allem für die neue Generation kein Medium mehr, sondern ein Teil ihrer Welt, wie ihm jüngst eine Frage seiner kleinen Tochter vor Augen führte: "Wie kamen die Leute ins Internet, als es noch keine Computer gab?", wollte sie wissen. Kassaei prophezeit weitere einschneidende Veränderungen. "Die Frage ist nur, ob wir in unserer Arroganz und Idiotie bereit sind, auch uns zu verändern? Und zwar in einer Geschwindigkeit, die uns nicht recht ist."
In 15 Jahren, glaubt der Kreative, stehen keine Fernseher mehr im Wohnzimmer, sondern alle Dienste laufen webbasiert. "Content wird immer wichtiger, wobei man unterscheiden wird zwischen professionell gemachtem, anspruchsvollem Content und amateurgemachtem Content, der einfach Spaß macht." Qualität spiele dann eine Rolle, wenn der Content relevant ist für den Nutzer. "Dann sind sie auch bereit, Geld dafür auszugeben." Wenn Content im Netz aber nur verstanden wird als Verlängerung von Inhalten aus der alten Welt, werde das nicht funktionieren.
"Das Internet ist die größte Erfindung seit der Demokratie", so Kassaei. "Denn im Internet fliegst du ziemlich schnell auf, die alten Mechanismen funktionieren nicht mehr, weil alles in Echtzeit passiert."
Die Krise habe deshalb auch etwas Gutes, denn sie werde die Welt verändern, so seine Hoffnung. "Die Krise wird dazu führen, dass das Quartalsdenken aufhört und die Gier richtig kanalisiert wird." Gier könne schließlich auch positiv, im Sinne von Neugier interpretiert werden. "Wer das beste Angebot hat, wird Erfolg haben. Wenn diese Besinnung zurückkommt, leben wir in einer schöneren Welt. Aber dazu muss die Wunde noch tiefer werden", so Kassaei.
Für die Werbebranche sieht Kassaei zwei wichtige Aufgaben, um zu überleben: "Wir müssen aufhören, Dienstleister zu sein und unseren Job als Berater ernstnehmen. Damit wir auf Augenhöhe mit den Unternehmen reden können. Zurzeit gehen wir entspannt und eloquent durch den Lieferanteneingang rein und raus. Wir müssen es schaffen, dort zu sein, wo die Musik spielt." Dafür müssten die Agenturen allerdings Substanz aufbauen, um die Probleme des Kunden auch lösen zu können. Und die mündigen Verbraucher ernst nehmen und nicht nur nach Clustern bewerten.
Kreative müssten außerdem aufhören, ihre Arbeit als bloße Werbeideeproduktion zu sehen. "Kreativität muss Lösungen produzieren. Wir müssen ganzheitlich denken und uns nicht in irgendwelchen Medienkanälen verzetteln", so der ADC-Sprecher."Wenn wir das nicht schaffen, sind wir weg. Aber ganz ehrlich: Vor hundert Jahren kam die Lokomotive und dann gab es keine Kutschenbauer mehr. Vielleicht sind wir auch so ein altes Modell."
Das vollständige Interview (25 Minuten) finden Sie unter http://b-br.at/blog
Wie andere Top-Kreative Kreativität definieren, lesen Sie ab Donnerstag in einer neuen Serie in Werben & Verkaufen (ET 19.3.2009). Den Beginn macht Armin Jochum, Geschäftsführer Kreation Jung von Matt/Alster. Es folgen unter anderem Guido Heffels (Heimat), Stefan Schmidt von TBWA und Stefan Kolle (Kolle Rebbe)