Cannes 2009: Das Radio-Debakel - Strenge Jury, keine Löwen
Obwohl 17 Beiträge auf der Radio-Shortlist standen, gab es für Deutschland keinen einzigen Löwen. Nach Ansicht der Jury fehlte der "Wow-Effekt".
So früh war Torsten Hennings in Cannes noch nie im Bett. Schon um zehn hat es den Radio-Juroren von Studio Funk aus Hamburg ins Hotel getrieben, nach einem anstrengenden, letzten Jury-Tag, schwierigen Diskussionen und enttäuschten Hoffnungen. Deutschland gewinnt beim International Advertising Festival in Cannes keinen einzigen Löwen. 2008 noch hatten die Deutschen mit fünf Preisen das beste Ergebnis denn je erzielt. Die Kategorie gibt es erst seit 2005.
„Dabei war die Qualität der deutschen Arbeiten genauso gut wie im vergangenen Jahr“, betont Producer Hennings. Jeder Shortlist-Beitrag – und es waren immerhin 17 – hätte eine Bronze-Medaille verdient. „Das Niveau ist absolut top.“ Warum es trotzdem nicht gereicht hat? Politik! Die Jury war fair, aber sehr streng. Matthew Bull, Kreativchef von Lowe Worldwide aus Südafrika: „In Cannes geht es nicht darum, Leuten auf die Schulter zu klopfen und zu sagen: ‚Das hast Du gut gemacht’.“ Einen Löwen verliehen zu bekommen, ist etwas Besonderes, Außergewöhnliches. „Werbung aus Cannes muss inspirieren, mutig sein, wegweisend, einfach wow!“
Und so hat die 16-köpfige Jury in diesem Jahr lediglich 15 Löwen verliehen, einen Grand Prix, einen Gold-, zwei Silber- und elf Bronze-Löwen. 2008 waren es insgesamt 47. Die Juroren waren sich einig: „Die Jury hat im letzten Jahr viel zu großzügig vergeben“, so James Mok, ECD von DraftFCB aus Neuseeland. Und darunter leidet nun Deutschland.
Im Jahr der Krise hatten sich die Kreativrichter unter Leitung von Matthew Bull vorgenommen, besonders streng zu sein; immer haben die Juroren aus allen Teilen der Welt nach dem Innovativen, dem Wow-Effekt gesucht. Eine solche Arbeit hat zum Beispiel DDB mit „Absurd geringer Kraftstoffverbrauch" für Volkswagen zwar geliefert; die Juroren aus dem Ausland haben ihn aber nicht verstanden. Der Beitrag hatte es nicht einmal in die Shortlist geschafft.
Offenbar hat sich Hennings zwar immer wieder erklärend für die deutschen Arbeiten eingesetzt; dafür abstimmen darf er als deutscher Juror ohnehin nicht. Die Jury aber wollte ehrgeizig sein. „So ist vieles Gute unten durchgefallen.“ Und nur das Allerbeste hat sich durchge-setzt, kein Land dominiert.
Der Grand Prix geht in diesem Jahr nach Südafrika. Für die Fluggesellschaft Virgin Atlantic hat BBDO aus Johannesburg einen Radio-Kampagne entwickelt, die in fast schon absurder Manier Geschichten über Geisteskranke erzählt. Die Kranken, die sich für völlig normal halten, erzählen darin die unglaublichsten Begebenheiten, von lesenden Hunden zum Beispiel. Ganz nebenbei treffen die Protagonisten auf Leute, die mit Virgin in der ersten Klasse so günstig wie in der Business Class geflogen sind. „Die spinnen“, heißt es dann. „Das ist neu, sehr merkwürdig, sehr populär, sehr mutig“, sagt Jury-Präsident Bull.
Gold geht an Devito/Verdi (National Thoroughbred) in New York, Silber an DDB nach Chicago (Bud) und Grey, Istanbul (Google). Zur Bewertung lagen den Juroren 1153 Arbeiten aus 56 Ländern vor, 8,4 Prozent weniger als im Vorjahr. Darunter waren Unmengen an Kondomspots, Spots für die Automobilindustrie und Wohlfahrtsorganisationen. Ihnen begegnete die Jury mit Strenge: Die Spots sollten informieren, unterhalten, die Leute zu etwas bewegen und gut produziert sein. Das Ergebnis liegt nun vor. Die Radio-Lions wurden zusammen mit den Outdoor- und Media-Löwen am Dienstagabend im Palais des Festivals an der Croisette vergeben.