Ex-"Vogue"-Chefin Seeling kritisiert Einfluss der Werbekunden
"Sie können doch nicht auf den Titel nehmen, was Sie wollen", sagt die Ex-"Vogue"-Chefin Charlotte Seeling über die Verflechtung von Modejournalismus und Werbekunden. Lesen Sie, was die heutige "Alps"-Macherin im Interview mit Bayern 3 noch preis gibt.
Charlotte Seeling steht heute hinter diversen Buchtiteln rund um Gartenarchitektur und dem Bergmagazin "Alps", einem Titel, der der Bergidylle ihrer heutigen Heimat Tirol entspringt. Sie kann aber auch anders: Die gebürtige Düsseldorferin hat als freie Journalistin Prominente wie die indische Premierministerin Indira Gandhi oder Filmemacher Federico Fellini interviewt. Als Chefredakteurin von Frauen-Hochglanzmagazinen wie "Cosmopolitan", "Vogue" oder "Marie Claire" hat sie sich einen Namen gemacht und im Jetset gelebt. Doch darüber denkt sie heute sehr nüchtern – wie sie dem Radiosender Bayern 3 im Gespräch mit Thorsten Otto verrät.
Vor allem die Abhängigkeit von Anzeigenkunden beklagt Charlotte Seeling im Rückblick auf ihre "Vogue"-Zeit - die ist aber immerhin schon ein Vierteljahrhundert her: "Ich hab nach zwei Jahren gekündigt, weil ich es unbefriedigend fand. Ich hatte natürlich gedacht, oh, jetzt bin ich Chefredakteurin, jetzt kann ich ein Heft gestalten wie ich das will. Das ist aber nicht so. Speziell bei Heften wie der 'Vogue‘ kommt dann ganz große Einflussnahme von der Anzeigenabteilung", so Seeling im Gespräch mit B3. Sie wird noch deutlicher: "Sie können doch nicht auf den Titel nehmen, was sie wollen, bloß weil das Foto ihnen gefällt und schön ist. Nein, da muss der Hauptanzeigenkunde - was weiß ich – drei- oder viermal im Jahr auf dem Titel berücksichtigt werden, der nächste dann einen Titel weniger und so geht das weiter. Also alles andere als journalistisch unabhängig." Gewirkt hat Seeling bei der "Vogue" von 1986 bis 1988.
Auch die Arbeit als Chefredakteurin an sich hat der Autorin und Journalistin Seeling gar nicht so viel gegeben. "Als ich Chefredakteurin bei der 'Vogue‘ war, habe ich gar keine Interviews gemacht - da habe ich eben Chefredaktion gemacht. Das ist ja ein administrativer Beruf. Der Job ist ja gar nicht so toll wie man vorher glaubt", räumt die ehemalige "Grande Dame des deutschen Modejournalismus" im Rückblick ein. Hingeworfen hat Seeling, weil sie "eigentlich Autorin" sei. Und weiter: "Chefredakteurin ist kein Beruf, das ist eine Position. Die hat man mal inne, wenn man Glück hat oder kein Glück hat, und die kann man auch wieder verlieren."
Charlotte Seeling hat in ihren "Vogue"-Zeiten immerhin Anna Wintour persönlich kennen gelernt – die legendäre Chefin der US-"Vogue", Vorlage für den US-Blockbuster "Der Teufel trägt Prada". "Man hat sie in Paris, Mailand und so weiter bei den Veranstaltungen gesehen. So richtig nahegekommen bin ich ihr nie. Sie hat einen Ruf wie Donnerhall, aber sie macht das Blatt äußerst erfolgreich", so Seeling. Es sei "schon was dran" an dem schlimmen Ruf von der gnadenlosen Chefin, räumt die "Alps"-Herausgeberin ein.
Die Modewelt mit all ihren Facetten hat Seeling durchstreift – und sich angepasst: "Wenn man nach Mailand gefahren ist, dann hat der Herausgeber gesagt: Jetzt sind wir zum Essen eingeladen bei Versace - zieh was von Versace an." Selbstkritisch blickt sie auf diese Zeit zurück: "Da sitze ich in der verdunkelten Limousine und wechsle das Jacket, damit ich jetzt ja das passende wieder anhabe und solche Dinge", so Seeling im Interview mit Thorsten Otto. Sie räumt indes eine gewisse Naivität ein, mit der sie ihre Karriere bei Hochglanzmagazinen angetreten hat. Sie wusste von vielem nicht, "dass das so ist".
ps/agc