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Chef-Controller Jörg Schweikart (li.) und Personalchef Alexander Schmid-Lossberg (re.) sollen für mehr weibliche Führungskräfte bei Springer sorgen.
Chef-Controller Jörg Schweikart (li.) und Personalchef Alexander Schmid-Lossberg (re.) sollen für mehr weibliche Führungskräfte bei Springer sorgen.

Springer: Dreißig Prozent weibliche Führungskräfte bis 2018

veröffentlicht am 16.07.2010 um 16:10 Uhr · Medien · Artikel

Axel Springer will die Zahl seiner weiblichen Führungskräfte verdoppeln. Die beiden Manager Jörg Schweikart und Alexander Schmid-Lossberg über ein Projekt, das einige im Konzern als kleine Kulturrevolution werten.

W&V:Herr Schweikart, ein „Leiter Controlling, M&A, Recht und Strategie“ als oberster Frauenversteher – das müssen Sie uns erklären.

Schweikart: Auf den ersten Blick mag es überraschen, dass sich ein Mann um dieses Thema kümmert. Wir haben gelernt, dass gerade in männerdominierten Strukturen ein Kulturwandel besser gelingt, wenn sich eine männliche Führungskraft hinter die Sache stellt. Axel Springer hat ein Projektteam eingerichtet, das ich leite. Es war uns wichtig, Persönlichkeiten bereichsübergreifend zusammenzuführen, um das Projekt nach vorne zu treiben. Es geht dabei um die Sicherung unserer Wettbewerbsfähigkeit auf dem Leser- und Anzeigenmarkt, um Talentmanagement und Innovationskraft – also um den Erfolg unseres Unternehmens.

W&V:Wer gehört dieser Projektgruppe an?

Schweikart: Sie ist ein Querschnitt aus dem Konzern: Mitarbeiter aus dem Bereich Personal, Bild- und Welt-Gruppe, Öffentlichkeitsarbeit – Frauen und Männer, junge und erfahrene Kräfte, Kaufleute und Journalisten. Dem ebenfalls neuen Steuergremium gehören zum Beispiel Bild der Frau-Chefredakteurin Sandra Immoor, Bild-Chefredakteur Kai Diekmann und Vorstand Andreas Wiele an.

"Der Stein kommt ins Rollen"

„Frauen in Führungspositionen“ – dieses Thema ist intensiv diskutiert worden. Und die freiwillige Selbstverpflichtung, die sich einige Großunternehmen mit der Einführung einer Einstellungsquote auferlegt haben sowie das große Pressecho bewirken etwas. Diese Erfahrung macht zumindest Karin Peschl, Pertnerin der Bad Homburger Personalberatung Boyden International.

Wenn sie Senior-Executive-Kandidaten sucht, so fordern ihre Auftraggeber immer öfter explizit, dass sie auch weibliche Bewerber vorstellt. Das gilt für die klassischen Bereiche wie Finanzen und Personal, in denen Top-Jobs schon häufig mit Frauen besetzt waren genauso wie auch für Ausschreibungen in Sales und Engeneering.

„Jetzt kommt der Stein langsam ins Rollen“, betont die erfahrene Personalerin, die selbst lange im HR-Bereich von Austrian Airlines und Delphi Automotive gearbeitet hat. Doch da viele geeignete Kandidatinnen, beispielsweise für Vorstellungen von Arbeitszeitflexibilisierung in den vergangenen Jahren keinen Raum in Unternehmen fanden und „in die Selbstständigkeit flüchteten“, muss Peschl solche Bewerberinnen gezielt suchen. Künftig, so hofft die Headhunterin, werden in Untenehmen gelebte Diversity-Konzepte geregelte Vorgaben überflüssig machen. js

W&V:Warum entdeckt Springer das Thema gerade jetzt?

Schmid-Lossberg: Die Zeit ist einfach reif dafür. Bei unseren Trainees sind 50 Prozent weiblich, bei den Journalistenschülern sogar zwei Drittel. Dazu kommt unser neues Top-Talent-Programm, dort liegen uns 51 Prozent Nominierungen für Frauen vor. Das ist ein gutes Zeichen, denn alle diese Programme folgen sehr harten Auswahlkriterien.

Schweikart: Das Bewusstsein im Haus, dass die intensivere Förderung von Frauen eine große Chance bietet, ist mittlerweile stark ausgeprägt, bei Mitarbeitern wie bei Führungskräften. Ich spüre, dass sich da wirklich etwas tut.

W&V:Ziel der Initiative „Chancen:gleich!“ ist, die Zahl der Frauen in Führungspositionen von heute 16 auf gut 30 Prozent zu steigern. Der Zeithorizont beträgt fünf bis acht Jahre. Kann das gelingen?

Schmid-Lossberg: Unser Ziel ist bewusst ambitioniert. Natürlich lässt sich das nicht von oben aufoktroyieren, das können die Führungskräfte nur gemeinsam erreichen. Dort müssen wir das Bewusstsein weiter stärken. Schließlich geht es darum, eine moderne Unternehmenskultur zu etablieren.

W&V:Und wenn nicht alle mitziehen?

Schmid-Lossberg: Wir gehen auf jeden Unternehmensbereich zu und legen mit den Verantwortlichen fest, was realistisch ist. Man darf nicht vergessen, dass die Verhältnisse sehr unterschiedlich sind: In der Technik sind die Voraussetzungen andere als in der Redaktion Bild der Frau. Der Schlüssel zum Erfolg ist ein strukturiertes Talentmanagement in Kombination mit einer Nachfolgeplanung: Wir wollen für die wichtigsten Führungspositionen konkret identifizieren, welche Frauen und Männer wir im Unternehmen haben, die diese Aufgaben erfolgreich bewältigen. Diese Mitarbeiter wollen wir dann gezielt in diese Positionen hinein entwickeln.

Schweikart: Ein weiterer Block ist die Vereinbarkeit von Beruf und Familie für Frauen und Männer. Unsere 2007 gegründete Berliner Kindertagesstätte wird so großartig angenommen, dass wir diese um 30 auf 80 Plätze erweitern und jetzt zusätzlich eine Kita in Hamburg mit 50 Plätzen eingerichtet haben. Daneben rückt die Flexibilisierung der Arbeitszeit auf die Agenda: Wir prüfen, ob wir mehr Spielräume für Heimarbeit und familienfreundlichere Arbeitszeiten finden können, ein in der Praxis nicht ganz leichtes Thema. Ein Management Development Board, das wir neu bilden, verfolgt bei allen Maßnahmen halbjährlich die Fortschritte.

W&V: Springer möchte für jede zu besetzende Führungsposition mindestens einen Mann und eine Frau nominieren. Nimmt das den Vorgesetzten nicht ein Stück Entscheidungsfreiheit?

Schmid-Lossberg: Nein, denn wir bleiben ja unserer Überzeugung treu: Es zählen Leistung und Potenzial. Übrigens hat Frauenförderung nichts mit reiner Masse zu tun: In hohen Positionen ist natürlich die Signalwirkung ungleich größer.

W&V:Dort dürfte es besonders schwierig werden. Wann ist denn die Zeit reif für den ersten weiblichen Vorstand?

Schweikart: Für Besetzungen im Vorstand ist der Aufsichtsrat zuständig. Gleichwohl ist unsere Haltung eindeutig: Was unten gilt, gilt auch oben. Mathias Döpfner hat schon vor Jahren sinngemäß gesagt: Wenn es nach ihm ginge, dann würde sein Nachfolger eines Tages eine Frau sein.

W&V:Springer ist auch im Ausland aktiv. Gibt es hier Unterschiede?

Schweikart: In Russland oder Ungarn ist der Frauenanteil sehr groß, bei hohen 40 bis in die 60 Prozent hinein. Das hängt mit der sozialistischen Historie zusammen. Von diesen Märkten lernen wir, dass das gut funktionieren kann. In der Schweiz, Frankreich oder Spanien sind die Quoten dagegen ähnlich wie in Deutschland.

W&V:Seilschaften spielen im Haus Axel Springer traditionell eine nicht unerhebliche Rolle – wie in vielen großen Unternehmen. Was macht Sie eigentlich so sicher, dass Sie Ihr Management in der Frauen-Frage nicht im Stich lässt?

Schweikart: Die Unterstützung, die wir erfahren, ist ausgesprochen positiv, auch Mitarbeiterbefragungen zeigen das. Ich gebe Ihnen ein weiteres Beispiel. Noch am Abend der Managementtagung in Berlin, als Mathias Döpfner das Programm vorstellte, haben mich 40 Führungskräfte angesprochen – auch solche, die man mit einem Augenzwinkern bisher vielleicht eher als Machos eingeschätzt hätte.

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