Mr. Media empfiehlt:
"Springer ist die Macht. Was Springer macht, machen viele andere nach"
Matthias Onken war Chef der "Hamburger Morgenpost" und von "Bild" Hamburg. Er kennt Springer, hat eine Zeitungsfusion erlebt und weiß, was es heißt "Synergien zu heben". Er glaubt: Der Verkauf von Springer-Titeln an Funke ist "ein fatales Signal für die Branche".
Nicht, dass Sie glauben, ich bräuchte hier eine Urlaubsvertretung. Ich bin nicht im Urlaub. Aber dieser Text von Matthias Onken ist so gut, dass ich ihn Ihnen nicht vorenthalten möchte. Sie kennen Matthias Onken nicht? Sollten Sie ändern. Matthias Onken war Chefredakteur der "Hamburger Morgenpost" und Redaktionsleiter von "Bild Hamburg". Über diese Zeit hat er ein ziemlich interessantes Buch geschrieben ( "Bis nichts mehr ging"). Sie könnten das mal lesen, falls Sie es nicht schon getan haben. Aber zuerst lesen Sie bitte das hier:
"Heben Sie Synergien!"
Warum der Springer-Ausverkauf ein fatales Signal an die Branche ist
von Matthias Onken
Gehet hin und kämpft ums Überleben – wir sind raus! Die unausgesprochene Botschaft des Springer-Vorstands an die verkauften Mitarbeiter von "Hamburger Abendblatt", "Berliner Morgenpost", "Hörzu", "Bild der Frau" und Co. ist ein fatales Signal für die Branche.
Der bislang für seine Angestellten verantwortlich agierende Medienkonzern zeigt nun auch die soziale Kälte, die seit einiger Zeit in der Branche zu spüren ist: Es gibt keinerlei Hemmschwelle mehr, Redaktionen zu fusionieren, Personal radikal runterzufahren oder sogar Zeitungen einzustellen. Springer ist die Macht. Was Springer macht, machen viele andere nach. Springers Position: Print lohnt nicht mehr, zumindest nicht im Regionalen. Tradition war gestern, für Nostalgiker ist kein Platz mehr.
Also wird verkauft, so lange es noch Knete gibt. Der schlaue Manager denkt an die Zahlen, die Rendite, die Kurse. An die Menschen denkt er vielleicht auch. Aber das ist nicht mehr entscheidend. Entscheidend sind die Zahlen. Die waren toll in den vergangenen Jahren. Sie sollen toll bleiben, da darf man nicht zimperlich sein. Höher, schneller, weiter – aber mit welchem Ziel eigentlich? Immer mehr macht bekanntlich ganz selten nur glücklich.
Die Perspektive der Titel muss den Managern so düster erschienen sein, dass gleich zwei der bundesweit größten Regionalblätter verhökert wurden. Und selbst die Cash Cow "Bild" ist angesichts der dramatischen Auflagenverluste (pro Quartal mehr Exemplare als das "Abendblatt" insgesamt verkauft) dazu verdammt, Redaktionen abseits der Metropolen zusammenzulegen. Ähnliche Schritte werden in naher Zukunft viele weitere Zeitungshäuser gehen. Schnell allen Ballast über Bord werfen! Und dann: Rette sich wer kann – ins Digitale oder sonst wohin, wo sich hoffentlich irgendwann gutes Geld verdienen lässt.
Mit der Quasi-Aufgabe der "Frankfurter Rundschau" hatte DuMont ein Tabu gebrochen, das scharf kritisiert wurde: von anderen Medien, von der Politik, von den Lesern. Als die Kunde von Springers Ausverkauf in der vergangenen Woche die Runde machte, war der Aufschrei hingegen schmallippig, heiser. Klar, Springer ist eine andere Liga als DuMont, mit dem deutschen Mediengiganten legt man sich besser nicht an. Maximal diplomatisch und geradezu brav fielen die (politischen) Kommentare aus – bis auf ganz wenige Ausnahmen, wie z.B. der in der "SZ", deren eigene verlegerische Moral allerdings längst selbst zu wünschen übrig lässt.
Erstaunlich, dass die Funke Mediengruppe annähernd eine Milliarde (fremde) Euro für Zeitungen ausgibt, die nach dem Dafürhalten des Springer-Vorstands einen Tod auf schnelle Raten sterben werden. Rechnen kann sich der atypische Deal wohl nur, wenn es zu massiven Einsparungen kommt.
Nach der journalistisch absurden Fusion mit dem "Berliner Kurier" lautete die Aufforderung an die Chefredaktion der "Hamburger Morgenpost" bereits 2006: "Heben Sie Synergien!" Übersetzt: Sehen Sie zu, dass Sie die vielen Leute hier weg kriegen!
Kein Argument, warum es die Funke Mediengruppe anders handhaben sollte, überzeugt. Überregional wird es eine Pool-Redaktion für alle Blätter geben, jeder Titel wird auf seine Lokalredaktion geschrumpft werden. In den nächsten fünf bis sieben Jahren muss die knappe Milliarde eingespielt sein, am besten mit Plus. Dann nämlich dürfte allmählich Schluss sein mit gedruckter Zeitung. Es sein denn, der Funke springt über – und in Essen erfindet jemand die Zeitung neu. Dafür bedarf es: Mut, Mut, Mut. Weitermachen wie bislang wird das Siechtum beschleunigen.