Die Rückkehr der Tante-Emma-Läden
Die Handelsketten Tegut und Rewe wollen expandieren und auf dem Land weitere Mini-Supermärkte eröffnen. Fachverbände bescheinigen dem Nahversorger-Konzept großes Potenzial.
Dort konnte man noch Lakritzschnecken einzeln kaufen und den neueste Dorftratsch gab es umsonst dazu. Tante-Emma-Läden waren schon immer mehr als ein Ort, an dem man Lebensmittel und seine Zeitung einkauft. Doch sie waren dem harten Wettbewerb der Discounter und Einkaufszentren nicht gewachsen und verschwanden nach und nach aus dem Ortsbild. Doch jetzt stehen die kleinen Märkte offenbar vor einer Renaissance.
Bis Ende 2012 will die Handelskette Tegut 20 bis 25 weitere Mini-Supermärkte namens "Lädchen für alles" in ländlichen Regionen eröffnen. Fünf Läden dieses Modells in Nordhessen, Niedersachsen und Bayern gibt es bereits. Das Unternehmen arbeitet dafür mit Bürgern und Gemeinden zusammen, die Anwohner kümmern sich selbst um die Geschäftsführung der Läden, sie werden dabei von Tegut unterstützt.
Tegut will damit Einkaufsmöglichkeiten in kleineren Gemeinden schaffen und auf die alternde Bevölkerung reagieren. Knut John, Geschäftsleiter Vertrieb, glaubt an die Zukunft der Mini-Läden: "Die Menschen werden immer älter, die Mobilität lässt nach. Wir wollen ihnen weite Wege ersparen", sagt er gegenüber dpa. Laut einer Emnid-Befragung im Auftrag der Handelskette wünschen sich in Gemeinden mit bis zu 20.000 Einwohnern 56 Prozent einen kleinen Laden. In Dörfern mit weniger als 5.000 Einwohnern sind es sogar 60 Prozent der Befragten..
„Die Grundversorgung mit guten Lebensmitteln aus der Region ist uns wichtig und dass die Lädchen den Anwohnern als Treffpunkt dienen. Das stärkt auch die Dorfgemeinschaft“, so John. Die Anwohner finden in den Lädchen Waren des täglichen Bedarfs, geplant sind aber auch Dienstleistungen wie Lotto, Paket- und Reinigungsservice. Das Familienunternehmen Tegut, benannt nach Firmengründer Theo Gutberlet, hat in sechs Bundesländern mehr als 300 Supermärkte. Die Kette wurde groß mit Bio-Produkten.
Rewe, zweitgrößter Lebensmittelhändler in Deutschland, verfolgt die Nahversorgung ebenfalls als lohnenswerte Strategie. In Stadtteilen hat die Kette zahlreiche kleinere Märkte namens Rewe City eröffnet, außerdem gibt es 920 sogenannter Nahkauf-Läden in Dörfern. Das soll weiter ausgebaut werden. Laut Sprecher Raimund Esser sei die Funktion des Einkaufsladens als Treffpunkt auf dem Dorf nicht zu unterschätzen. Vor allem im Osten Deutschlands gebe es eine große Nachfrage nach den Nahkauf-Läden. Der deutsche Marktführer Edeka betreibt ebenfalls zahlreiche kleinere Märkte, die Edeka-Aktivmärkte, "Nah und gut" oder "Treff 3000" heißen. "Wir brauchen nicht in die Dörfer gehen. Wir sind schon drin", so Edeka-Sprecher Gernot Kasel in Hamburg.
Der Bundesverband des Deutschen Lebensmittelhandels bescheinigt der Nahversorgung großes Potenzial. "Tante Emmas Enkel" zeichneten sich dadurch aus, dass sie den Kunden einen schnellen und bequemen Einkauf in der Nähe ermöglichten, sagt Verbandssprecher Christian Böttcher. Auch der Geschäftsführer des Euro-Handelsinstituts EHI in Köln, Michael Gerling, bezeichnet die Idee von Tegut als interessanten Ansatz. "Angesichts des demografischen Wandels spricht einiges dafür." Allerdings: "Bislang liegen große Supermärkte noch voll im Trend". Tausende Läden mit weniger als 400 Quadratmetern hätten in den vergangenen Jahren dichtmachen müssen.
Damit das Konzept aufgeht, ist deshalb vor allem die Nähe zum Kunden entscheidend. Laut der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) akzeptieren die Verbraucher maximal eine Entfernung von fünf bis acht Minuten oder 1000 Meter. Die Marktforscher beobachteten auch: Die Wachstumskurve der Discounter fällt gegenwärtig zwar flacher aus. Ein Expansionsstopp sei kurz- bis mittelfristig aber nicht in Sicht. (fs/dpa)