Heiner Geißler beim Innovationstag: "Es gibt auf der Welt Geld wie Dreck. Es haben nur die falschen Leute"
Beim Innovationstag 2011 in den Räumen von Serviceplan in München beklagt der Stuttgart21-Schlichter einen Ethikverfall in Politik und Wirtschaft. Und er appelliert, mehr direkte Bürgerbeteiligung zuzulassen, um das Vertrauen in Innovationen zu stärken.
Als kämpferischen Anwalt der Bürger und glühenden Verfechter der sozialen Marktwirtschaft erlebt man Heiner Geißler bei seinem Vortrag zum Thema "Innovationsklima Deutschland". Auf Einladung von Serviceplan berichtete der 81-jährige Bundesminister a.D. beim Innovationstag 2011 in München über seine Erfahrungen als Vermittler im Streitfall Stuttgart 21. Schlechte Kommunikation, eine mangelnde Beteiligung der Bürger und wenig Willen über Alternativen nachzudenken, sind seiner Ansicht nach der Grund dafür, dass in Stuttgart und anderswo Bürger auf die Straße gehen, um gegen Projekte wie den Bahnhofsumbau zu demonstrieren.
Geißler hält die sogenannten "Wutbürger" nicht für innovationsfeindlich. Sondern für die "ersten aufgeklärten, zu Recht wütenden Menschen", die "selber wieder ihren Verstand gebrauchen". Protestierer wie in Stuttgart wollten sich "nicht mehr an einem Ring durch die Manege führen " und "auch von den Medien" wie unmündige Bürger behandeln lassen. Vor allem nach der Finanzkrise habe sich "genügend Material für eine Revolution" angesammelt. Der Glaube an "möglichst viel Markt und wenig Staat" fordere jetzt seinen Tribut. "Die Gier nach Geld hat die Hirne der großen Akteure zerfressen." Das spüre der Bürger: "Es gibt kein Vertrauen mehr in die Ökonomie und Politik", so der Ex-Politiker.
Diese neue Wut der Bürger bedeute nicht, dass große Projekte und Innovationen keine Chance mehr hätten in Deutschland. Denn, so Heiner Geißler, dieses Vertrauen lasse sich zurückgewinnen. "Die Menschen müssen mehr beteiligt werden, bislang werden sie nur angehört." Die Verfahren müssten verändert werden, demokratischer sein. Mehr direkte Demokratie wagen, ist Geißlers Appell. Und "totale Transparenz". "Wir brauchen eine neue Form der Bürgerbeteiligung. Die Zeit der Basta-Beschlüsse ist vorbei." Auch auf die Kommunikation komme es an, wer verstanden werden will, müsse verständlich erklären.
Im Gespräch mit Serviceplan-Hauptgeschäftsführer Florian Haller, der als Moderator durch den Tag führte, sagte Geißler, dass es keine "Technikfeindlichkeit" in Deutschland gebe. "Es gibt viele Einzelinteressen, und nicht jede Autobahn ist wirklich nötig." Er regte die geladenen Top-Manager aus der Medien- und Werbebranche an, über eine durch-ökonomisierte, ausschließlich auf Gewinnmaximierung ausgerichtete Gesellschaft nachzudenken. "Die Politik und auch die Wirtschaft haben ihr ethisches Fundament verloren. Dies muss sich ändern."
Und Geißler nutzte auch die Gunst der Stunde, um erneut zu werben für sein Lieblingsthema: Eine Finanzstrukturreform und die Einführung einer Finanztransaktionssteuer. "Es gibt auf der Welt Geld wie Dreck. Es haben nur die falschen Leute."
Eine interessante Einleitung für die folgenden Vorträge, die sich mit Produktinnovationen, Trends in den Medien, Kreativität und Contentinnovationen befassten. Alles Themen, die ja schließlich der Gewinnmaximierung dienen sollen.