Kommentar:
Medien-Kritik: Gibt es ein Leben abseits von Paris?
Seit fünf Tagen gibt es so gut wie keine Möglichkeit mehr, zu erfahren, was sich außerhalb von Paris in der Welt so zuträgt. Ein Beweis dafür, dass sich leider auch Qualitätsmedien dem Boulevard und der Hysterie in sozialen Netzwerken hingeben.
In Paris haben am 13. November neun Massenmörder 132 Menschen getötet und mehr als 350 zum Teil sehr schwer verletzt. Der Schock bei den Menschen über dieses barbarische Verbrechen sitzt tief. Er muss tief sitzen bei jedem, der auch nur zu einem bisschen Mitgefühl imstande ist. Und, ja: Dieses Verbrechen macht den Menschen natürlich auch Angst. Angst, dass sie selbst oder ihre Liebsten von einem ähnlichen Verbrechen heimgesucht werden könnten: in München, Hamburg, Berlin, Köln oder anderswo. Diese Angst hervorzurufen, war genau das Ziel der Attentäter.
Der Schock, die Trauer, die Angst - all das ist zutiefst menschlich. Dennoch möchte ich an dieser Stelle die Medien kritisieren. Denn von professionellen Journalisten kann ich erwarten, dass sie sich in ihrer Arbeit nicht ausschließlich von menschlichen Gefühlen leiten lassen. Mediennutzer haben zum Beispiel den Anspruch - ja, vielleicht sogar die Erwartungshaltung - auch zu erfahren, was sich außerhalb von Paris in der Welt so zuträgt.
Zurzeit erfährt man verdammt wenig. Und dies ist leider ein Beleg dafür, dass sich längst auch Meinungsführer-Medien der Massen-Hysterisierung durch den Boulevard und die sozialen Netzwerke hingeben. Warum auch immer. In der Ära vor Mark Zuckerberg wäre das undenkbar gewesen. Auch damals hätte ein derart schreckliches Ereignis natürlich mindestens die Seiten eins bis vier gefüllt. Und das zurecht. Aber auf Seite fünf hätten wir dann spätestens von den 45 Toten in Beirut oder anderswo erfahren.
Genau hierfür brauchen wir die Qualitätsmedien. Heute und auch in Zukunft. Wenn sie dagegen glauben, all den anderen ähnlich werden zu müssen, dann werden sie schon bald überhaupt keine Funktion mehr haben.
Das wäre schlimm, denn es hätte unabsehbare Folgen für die Gesellschaft. Es braucht die Stimmen der Vernunft. Sie werden immer weniger.