Thomas Knüwer und der Plagiatsjournalismus: "Die steigende Zahl ist auffällig"
Sven Scheffler ist keine Ausnahme: Ex-"Handelsblatt"-Redakteur Thomas Knüwer beobachtet im Qualitätsjournalismus immer mehr Fälle von Themen- und Inhalte-Klau. Sein Vorwurf: Klassische Medien bedienen sich bei Bloggern besonders ungeniert.
Alphablogger Thomas Knüwer (Indiskretion Ehrensache) sieht nicht nur wegen der Plagiats-Affäre beim "Handelsblatt" einen Verfall des Qualitätsjournalismus in Deutschland. Zu den Vorwürfen gegen den Ex-Handelsblatt.com-Chef Sven Scheffler, der in einem eigenen Artikel einen Beitrag der "Süddeutschen Zeitung" kopiert haben soll, will der ehemalige "Handelsblatt"-Journalist Knüwer keine Stellung nehmen. Wohl aber zu redaktioneller Praxis in Deutschland.
Herr Knüwer, würden Sie sagen, dass im deutschen Qualitäts-Journalismus die Sitten verfallen?
Die steigende Zahl von Vorfällen ist auffällig, wo zwar nicht direkt kopiert, aber immerhin abgeschrieben wird.
Wo wird geklaut?
Es gibt schon eine Tendenz bei den klassischen Medien, sich einfach und ungefragt bei Online-Quellen, insbesondere auch bei Bloggern zu bedienen. Für mich ist das ein Zeichen des mangelnden Respekts vor den Blog-Autoren. Der Respekt hingegen gegenüber klassischen Nachrichtenangeboten scheint jedenfalls größer zu sein. Das mag aber auch daran liegen, dass die großen Nachrichten-Seiten größtenteils Agenturmaterial verwenden.
Welche Inhalte werden geklaut?
Es ist durchaus üblich, sich bei der Themensuche bei den Blogs zu orientieren. Da werden zumindest Themen geklaut, teilweise sogar Inhalte.
Aber sollten die Quellen nicht einfach ordnungsgemäß genannt werden, egal welche?
In den USA oder England herrschen keine Berührungsängste. Da ist es üblich, dass man lesen kann ‚Wie Blog XY schreibt‘. In Deutschland haben die Blogs einen Hautgout. Die werden nicht zitiert. Ich halte es einfach für unhöflich, wenn die Quelle von Informationen, die mit viel Recherchearbeit zusammengetragen wurden, nicht richtig genannt wird. Aber Deutschlands Journalisten sind sowieso größtenteils analog unterwegs. Man hat hier das Gefühl, das Internet sei exakt vor 23 Tagen erfunden worden.
Sehen Sie einen Verfall des Qualitäts-Journalismus in Deutschland?
Je weniger Redakteure ich habe, desto weniger Qualität habe ich. Wenn in den Online-Redaktionen nur noch wenige Schreibknechte sitzen, die nicht raus dürfen, dann bekomme ich keinen Qualitäts-Journalismus. Natürlich gibt es immer noch den einen oder anderen Hort des Qualitäts-Journalismus, aber eigentlich erlebe ich immer weniger Journalismus, der mich begeistert und mitreißt.