
Orkan:
Wie Xaver durch die Medien fegt
Katastrophengeil oder informativ? Am Donnerstag jedenfalls Medienthema Nummer eins: Der Orkan Xaver, der vor allem den Norden Deutschlands trifft. Die stürmischsten Schlagzeilen, die schrägsten Tweets und die hilfreichsten Aktionen rund um das Naturereignis.
Am Donnerstag Medienthema Nummer eins: Der Orkan Xaver, der vor allem den Norden Deutschlands trifft. Die stürmischsten Schlagzeilen, die schrägsten Tweets und die hilfreichsten Aktionen rund um das Naturereignis. Statt eines Shitstorms fegt also heute ein Orkantief durchs Netz - und polarisiert. Katastrophengeil oder informativ? Wo die einen sich schamlos an die Berichterstattung hängen, weil Angst Hefte verkauft und Klicks bringt, verhöhnen die anderen den "Sturm im Wasserglas" (Tweet: "Ich stell mal ein Wasserglas vor das Fenster, man kann ja nie wissen. #Xaver). Dadurch kommen pro Minute mehr als 30 Tweets neu hinzu (#Xaver).
Wem das zu viel ist: Die Nachrichtenagentur DPA hat die wichtigsten Accounts mit Meldungen rund um den Orkan zusammengestellt.
"Norden in Angst vor Xaver. Wird es so schlimm wie der Sturm 1962?", titelt Bild.de, und "Unwetter-Warnungen ausgeweitet: Trifft Sturm Xaver doch GANZ Deutschland?". Die Tageszeitungen berichten vor allem, wie sich Norddeutschland auf den "Nikolaus-Orkan" (Bild) vorbereitet. Und geben Tipps, wie man sich selbst vorbereiten kann. Die "grüne Wiwo" orakelt düster, dass uns der Klimawandel häufiger solche Stürme bescheren wird. Das ZDF hat die Krisenredaktion auf Xaver angesetzt; Titel wie die Hamburger "Morgenpost" (Mopo), die "Rheinische Post" (RP) und der Münchner "Focus", seit mittags auch der Hamburger "Spiegel", haben online Live-Ticker eingerichtet, die über den aktuellen Stand informieren. Hier erfahren die Leser dann auch Elementares wie "Auf dem Hamburger Dom wurde jede zweite Gondel des Riesenrades abgebaut" (Mopo) oder "Das Orkantief Xaver hat bei Werder Bremen den vorgesehenen Tagesablauf verändert. Der Fußball-Bundesligist setzte das Training am Donnerstag bereits für 12 Uhr mittags an" (RP). Die "Zeit" dreht den Spieß um und fordert die Leser auf, ihre Eindrücke zu teilen. Aber vorischtig: "Bitte begeben Sie sich auf keinen Fall in Gefahr", heißt es bei Zeit.de, und "die Redaktion in Berlin wünscht Ihnen für die kommenden Stunden alles Gute. Passen Sie auf sich auf!".
Vor allem die Hamburger Medien informieren mit Hilfe von Twitter-Sonderkonten über das Sturmtief. Die kostenpflichtige "Welt" stellt sogar ihr Online-Angebot Xaver sei Dank wieder kostenlos zur Verfügung. Unternehmen wie die Deutsche Bahn nutzen unter anderem den Kanal Twitter, um ihre Kunden zu informieren, welche Züge ausgfallen oder sich verspäten sowie, dass ab 14 Uhr der Bahnverkehr gebietsweise eingestellt wird. Ebenso berichten Wetterdienste wie die Unwetterzentrale und Wetter.com unter anderem per Kurznachrichtendienst. Die Meteorologen rechnen mit Windgeschwindigkeiten bis zu 150 km/h im Norden. An den Küsten kann es auch zu Sturmfluten kommen, da der Orkan aus Nordwesten kommt - über die Nordsee aufs Festland zufegt. Mit Hintergrundwissen trumpft die "Berliner Mogenpost" auf: Der Begriff "Orkan", erklären die Kollegen, kam mit den spanischen Invasoren von den Maya zu uns. Der indianische Stamm bezeichnete so das Sternbild des Großen Wagens - unter dem in Mittelamerika besonders starke Herbststürme auftreten.
Konkret und hierzulande sieht es derzeit so aus: Die Lufthansa hat alle Flüge nach 14 Uhr ab Hamburg vorsorglich abgesagt, die Flughäfen Hamburg und Bremen haben viele Flüge ganz gestrichen. Einige Firmen beordern ihre Mitarbeiter ins Büro daheim und viele Schulen in Niedersachsen, Hamburg und Schleswig-Holstein haben heute und morgen geschlossen, um niemanden unnötig aus dem Haus zu treiben. Sylt ist bereits vom Festland abgeschnitten (Inselsender Sylt TV informiert mit Tweets und Videos). Einige Städte im Norden und Osten schließen ihre Weihnachtsmärkte. Unsere Außenstelle Hamburg hält aber die Stellung - und rechnet auch nicht vor 15 Uhr mit spürbaren Böen.
Durchaus auch zu sarkastischen bis makabren Kommentaren regt Xaver die Twittergemeinde an. Viele sehen den Bezug zwischen Xaver und dem Sänger Xavier Naidoo, manche wundern sich über die sexuelle Diskriminierung.
Früher hatten die Tiefdruckgebiete nur Frauennamen...scheiss Emanzipation! #Xaver
— DerStralsunder (@DerStralsunder) 5. Dezember 2013
Achtung, nicht verwechseln: Unter #Xaver gibt es morgen Bilder des fürchterlichen Sturms. Unter #Xavier gibt es fürchterliche Musik.
— Torsten Beeck (@TorstenBeeck) 4. Dezember 2013
Liegt der Bauer tot im Keller, war #Xaver heute schneller.
— Robot finds Kitten (@umtriebe) 5. Dezember 2013
Protipp an die Ehemänner: Mit Seil und Ehefrau auf die Wiese und den Drachen steigen lassen. #xaver
— Sebastian (@5e8i) 5. Dezember 2013
Auch zur Häme über den einen oder anderen norddeutschen Fußballklub eigent sich der Orkan.
Vielleicht sollten die Hamburger sich wegen #Xaver vom #HSV beraten lassen. Der kennt sich schließlich aus mit Sturmproblemen.
— Ungureit (@Ungureit) 5. Dezember 2013
Originell: Unter dem Hashtag #xaversongs sammeln Twitter-Nutzer die Musikstücke, die sich beim Warten auf Xaver gern hören. Unter den Vorschlägen dürfen natürlich Lieder wie "Durch den Monsun", "Blowing in the Wind", "Wind of Change", "Riders on the Storm" und "Ride like the Wind" nicht fehlen. Es sind aber auch musikalische Tipps zu finden wie "Flieg nicht so hoch, mein kleiner Freund" und "An der Nordseeküste".
Videos von der Nordsee gibt es hier - allerdings war vormittags noch alles relativ ruhig. App-Anbieter Vista Point weist darauf hin, dass seine Reise-App ebenfalls Livebilder aus den Orkangebieten zeigt. Mit Bildern via Webcam klinkt sich die App MyTaxi ein - Frustbilder hinter der Windschutzscheibe.
Und auch auf die Gefahr hin, dass wir humorlos wirken: In den betroffenen Gebieten vielleicht nicht zu derbe Scherze machen über Xaver, sondern ein wenig ernster nehmen. In Schottland gab es bereits einen Toten aufgrund des Sturms, ein Lastwagen stürzte nahe Edinburgh um und der Fahrer starb.