Gastbeitrag :
Agenturen ohne Indianer: Heiko Burrack zur Mindestlohn-Debatte

Der Berater Heiko Burrack hält die aktuellen Beiträge zur Mindestlohn-Debatte aus den Reihen der Agenturen für ziemlich gefährlich und schädlich. Viele junge Leute drohten dadurch endgültig ihr Interesse an der Branche zu verlieren. Ein Warnruf.

Text: Markus Weber

06. Jun. 2014 - 8 Kommentare

Der Frankfurter Agenturberater Heiko Burrack hält die aktuellen Beiträge zur Mindestlohn-Debatte aus den Reihen der Agenturen für gefährlich und schädlich. Viele junge Leute drohten dadurch endgültig ihr Interesse an der Branche zu verlieren. Lesen Sie hier Burracks exklusiven Gastbeitrag für W&V Online. Es handelt sich dabei auch um eine Art Replik auf den vor zwei Tagen erschienenen Beitrag "Ohne Praktikum wäre ich heute Steuerberater" von Saatchi & Saatchi-Chef Christian Rätsch.

Von Heiko Burrack

"Momentan wird intensiv über den geplanten gesetzlichen Mindestlohn diskutiert. Darüber, welche Dauer für Praktika in Werbehäusern angemessen ist und ob Agenturen ihre Praktikanten bezahlen sollen.

Unabhängig davon, wie in diesem Zusammenhang die Antwort genau ausfällt oder welche Ausnahmen vom Mindestlohn der Bundestag am Ende beschließen wird, glaube ich, dass die Agenturen derzeit einen ganz großen Fehler machen. Mit ihrer nach außen ziemlich einseitig-positiven Darstellung der unbezahlten Praktika (zuletzt etwa von Saatchi & Saatchi-Chef Christian Rätsch in einem W&V-Gastbeitrag) fügen sie ihrer ohnehin image-geschädigten Branche einen enormen zusätzlichen Schaden zu.

Das ist vor allem deswegen so bedauerlich, weil aus meiner Sicht die Agenturen zu den spannendsten Arbeitgebern überhaupt zählen. Wo lernt man schon so viele interessante Menschen kennen wie hier? Und wo kann man dazu noch mit diesen Menschen so kreativ und mit sichtbarem Ergebnis zusammenarbeiten?

Mit der Zunahme der Internetfirmen ist die Anzahl der Unternehmen, die sich um die gleichen Mitarbeiter wie die Agenturen bemühen, stark angewachsen. Parallel dazu ist das Renommee der Agenturen als Arbeitgeber gesunken. Wenn es schon mehr Wettbewerb gibt und der Ruf dieser Branche sich nicht verbessert hat, warum gießt man mit einer solchen Diskussion noch zusätzlich Öl ins Feuer? Mir ist das völlig unerklärlich. Und ich finde es ehrlich gesagt sehr traurig.

Anstatt in Konventionen zu verharren, wäre doch genau jetzt der richtige Augenblick, um über Veränderungen der Prozesse und Strukturen nachzudenken. Keine Frage: Es gibt heute mehr Agenturen, die den Workload ihrer Mitarbeiter deckeln und wirklich fair mit ihnen umgehen. Doch mit den zahlreichen Jubelarien auf die unentgeltlichen Praktika schrumpft die ohnehin schon kleiner gewordene Anzahl der potenziell interessierten jungen Leute noch weiter. Mit einem „Weiter so“ für „umme“ bekommt diese negative Entwicklung noch mehr Fahrt. Nachdem schon vor Jahren vor allem der personelle Mittelbau der Agenturen ausgedünnt wurde, wird es künftig also auch immer weniger Indianer geben. Was bleibt dann überhaupt noch übrig?

Mir geht es am allerwenigsten darum, die moralische Keule zu schwingen. Inhaltlich ist in der Mindestlohn-Debatte ohnehin von allen Seiten schon alles gesagt. Ich glaube, dass man einfach differenzieren muss. Ein Schüler-  oder Studentenpraktikum überhaupt zu vergüten, finde ich sehr fragwürdig. Diese jungen Leute haben schließlich keine oder sehr wenig Praxiserfahrung. Agenturen müssen sie vielmehr an die Hand nehmen, und dabei kommt es auch zu Störungen im Arbeitsablauf.

Sprechen wir allerdings von Praktikanten, die ein Studium oder eine Ausbildung an einer Akademie abgeschlossen haben und nach einer Einarbeitung eine vollwertige Arbeitskraft darstellen, dann finde ich ein unentgeltliches Arbeiten mehr als schwierig. Über die Frage, wie hoch die Vergütung ausfallen sollte, kann man sich trefflich streiten. Deutlich unter dem jetzt geplanten 8,50 Euro-Mindestlohn sollte die Entlohnung aber nicht liegen. Nicht zuletzt vor dem Hintergrund, dass solche Praktika mindestens über einen Zeitraum von einem halben Jahr angeboten werden.

Wie schön es doch wäre, wenn es der Werbebranche einmal gelänge, die gesamte Nachwuchs- und Mindestlohndebatte für konstruktive Anstöße zu nutzen, welche die Agenturen am Ende auch mal in positiverem Licht erscheinen lassen. Das kann eigentlich nicht so schwer sein. Diese spannende Branche hätte es wahrlich verdient."

Über den Autor:

Heiko Burrack (geb. 1967) schloss 1995 sein BWL-Studium mit dem Schwerpunkt Marketing an der Uni Göttingen ab. Danach arbeitete der Diplomkaufmann in der Kundenberatung unterschiedlicher Agenturen (Dorfer Dialog, McCann-Erickson). Im Jahr 2003 gründete er in Frankfurt die Agenturberatung Burrack NB-Advice. Er ist auch Autor diverser Bücher zu dem Thema.


Autor:

Markus Weber, Redakteur W&V
Markus Weber

ist in der Online-Redaktion für Agenturthemen zuständig. Bei W&V schreibt er seit 15 Jahren über Werbeagenturen. Volontiert hat er beim Online-Marketing-Titel „E-Market“. 2010 war er verantwortlich für den Aufbau der W&V-Facebookpräsenz. Der Beinahe-Jurist mit kaufmännischer Ausbildung hat ein Faible für Osteuropa.



8 Kommentare

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Anonymous User 29. Juni 2014

Jegliche Form der Arbeit muß fair vergütet werden. Lasst euch nicht verschaukeln! Ohne Geld kann niemand leben. Was soll diese ewige Diskussion? Ohne Bezahlung lege ich mich lieber den ganzen Tag in den Liegestuhl. Mein Kopf ist zum denken da. Wo leben wir eigentlich?

Anonymous User 15. Juni 2014

Nicht jede Pfeife, die ein BWL-Studium abgeschlossen hat, wird automatisch kreativ, bloß weil sie eine Agentur gründet. In der Werbebranche gibt es, gerade in den Geschäftsführungen viele semi-proffessionelle, selbstverliebte Fatzkes, über die sich ihre Angestellten totlachen, sobald sie ihnen den Rücken zukehren. Schön, dass sich inzwischen rumgesprochen hat, daß Werbung sehr häufig ein mies bezahlter Knochenjob ist. Im Artikel 1 Absatz 1 GG steht übrigens "Die Würde des Menschen ist unantastbar". Unbezahlte Praktika verstoßen gegen die Menschenwürde. Wer für Profit arbeiten lässt, ohne zu bezahlen, begeht letztlich Diebstahl. Es gibt ein Zauberwort, mit dem man junge Talente entdeckt – Ausbildung. Das bedeutet natürlich investieren.
Das klassische Credo des Unternehmertuns ist doch "Wir investieren und schaffen Arbeitsplätze!" Denn man zu. Nur Luschen greifen staatliche Subventionen ab und beuten junge Menschen aus.

Anonymous User 6. Juni 2014

Ein sehr interessanter Beitrag.

Die Agenturbranche steht übrigens nicht über dem Gesetz.

Der kommende, gesetzliche Mindestlohn und das gültige Arbeitszeitzeitgesetz gelten auch für diese Branche.

Wir, als aktuelle Agenturmitarbeiter, sollten uns gegen diese Ausbeutung wehren!

Kommentare auf Internetseiten werden leider nicht viel daran ändern.

Diese Branche verstößt, systematisch und gewissenlos gegen das Gesetz.

Das geschieht auf dem Rücken von hilf- und wehrlosen Mitarbeitern, die entweder keine andere Wahl haben, und/oder die gesetzlichen Bestimmungen nicht kennen.

Lassen sie uns das gemeinsam ändern und helfen sie mit, diese menschenverachtende Ausbeutung zu beenden.

Bringen sie diese Geschäftspraktiken beim zuständigen Amt für Arbeitsschutz zur Anzeige - sonst wird sich das nie ändern!

Kennen Sie diesen hoffnungsvollen und motivierten Blick vieler Praktikanten und Trainees an ihrem ersten Tag..?
Man müsste ehrlich zu ihnen sein und sagen „Willkommen in der Hölle“

Ich kann das nicht länger mit ansehen.

Gemeinsam können wir diesem Alptraum ein Ende setzen – für einen respektvollen und fairen Umgang mit Mitarbeitern.

Anonymous User 6. Juni 2014

Mein Vorredner hat recht: Die Branche könnte mit einer gescheiten Interessenvertretung mehr für sich tun. Die Zersplitterung in GWA, GPRA und BVDW passt nicht dazu, wie Kommunikation heute funktioniert. Pitch-Pranger wirken hilflos, wenn die Verbände nichtmals in der Lage sind, zu definieren, was denn faire Pitches sind und für entsprechende Vergaben bei öffentlichen Kommunikationsaufträgen zu sorgen (was mit ein bisschen Lobbyarbeit möglich sein sollte) die dann Maßstab für die Privatwirtschaft sein könnten. Transparente Berufsbezeichnungen und irgendwann vielleicht auch mal ein Branchentarif könnten die Branche vor der Konkurrenz semiprofessioneller Selbstausbeuter schützen - auch ohne die Branche für Quereinsteiger zu verbauen.

Anonymous User 6. Juni 2014

Mein Vorredner hat recht: Die Branche könnte mit einer gescheiten Interessenvertretung mehr für sich tun. Die Zersplitterung in GWA, GPRA und BVDW passt nicht dazu, wie Kommunikation heute funktioniert. Pitch-Pranger wirken hilflos, wenn die Verbände nichtmals in der Lage sind, zu definieren, was denn faire Pitches sind und für entsprechende Vergaben bei öffentlichen Kommunikationsaufträgen zu sorgen (was mit ein bisschen Lobbyarbeit möglich sein sollte) die dann Maßstab für die Privatwirtschaft sein könnten. Transparente Berufsbezeichnungen und irgendwann vielleicht auch mal ein Branchentarif könnten die Branche vor der Konkurrenz semiprofessioneller Selbstausbeuter schützen - auch ohne die Branche für Quereinsteiger zu verbauen.

Anonymous User 6. Juni 2014

Mein Vorredner hat recht: Die Branche könnte mit einer gescheiten Interessenvertretung mehr für sich tun. Die Zersplitterung in GWA, GPRA und BVDW passt nicht dazu, wie Kommunikation heute funktioniert. Pitch-Pranger wirken hilflos, wenn die Verbände nichtmals in der Lage sind, zu definieren, was denn faire Pitches sind und für entsprechende Vergaben bei öffentlichen Kommunikationsaufträgen zu sorgen (was mit ein bisschen Lobbyarbeit möglich sein sollte) die dann Maßstab für die Privatwirtschaft sein könnten. Transparente Berufsbezeichnungen und irgendwann vielleicht auch mal ein Branchentarif könnten die Branche vor der Konkurrenz semiprofessioneller Selbstausbeuter schützen - auch ohne die Branche für Quereinsteiger zu verbauen.

Anonymous User 6. Juni 2014

Mein Vorredner hat recht: Die Branche könnte mit einer gescheiten Interessenvertretung mehr für sich tun. Die Zersplitterung in GWA, GPRA und BVDW passt nicht dazu, wie Kommunikation heute funktioniert. Pitch-Pranger wirken hilflos, wenn die Verbände nichtmals in der Lage sind, zu definieren, was denn faire Pitches sind und für entsprechende Vergaben bei öffentlichen Kommunikationsaufträgen zu sorgen (was mit ein bisschen Lobbyarbeit möglich sein sollte) die dann Maßstab für die Privatwirtschaft sein könnten. Transparente Berufsbezeichnungen und irgendwann vielleicht auch mal ein Branchentarif könnten die Branche vor der Konkurrenz semiprofessioneller Selbstausbeuter schützen - auch ohne die Branche für Quereinsteiger zu verbauen.

Anonymous User 6. Juni 2014

Ja, Agenturen sind ein sehr geiler Arbeitsplatz. Ja, die Arbeit kann wundervoll sein. Fakt ist, dass in fetten Jahren nur noch die Geldbörsen und Autos der Chefs fetter wurden. Fakt ist, dass die meisten Agenturen mit der Begeisterung für Mitarbeiter schnell abbauen und diese dann nicht selten danklos entsorgt werden. Fakt ist, dass in der arroganten Selbstverliebtheit der Leithammel vergessen wurde die Preise in der Branche stabil zu halten. Kunden wurde der Mehrwert einer Agentur einfach nicht vermittelt, deshalb basteln jetzt semiprofessionelle Studenten für Dumpingpreise. Den Auftraggebern ist es recht. Fakt ist, dass die kommunikative Behinderung dieser Branche lächerlich ist. Die Agenturszene ist nicht in der Lage wie andere Branchen Lobbyarbeit zu betreiben. Die Branche ist nicht fähig ein seriöses Image zu formen. Die Branche war nicht fähig Begriffe Branchenbezeichnungen schützen zu lassen. Es gibt weder funktionierende Sprachrohre, und wenn, kommt da nur Buzzwording raus, noch gibt es Arbeitnehmervertretungen für die Kreativsklaven. Und die Highlights? Die Branche feiert sich selbst in zuvor bezahlten Kreativpreisen. Prämiert werden oft Kopfgeburten für die der Konsument ein Philosophiestudium bräuchte. Eine Sprache die nur Werber und Designer selbst verstehen. Mit Emotionalisieren und Absatz hat das schon gar nichts mehr zu tun. Mit Avant Garde auch nicht, vieles ist einfach Effekthascherei. Eine rechtlose Branche mit schlechten Manieren jammert. Interessiert das wirklich jemanden?

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