Embassy of Dreams: "Ein unanständig erfrischender Gegensatz"

Mit "Bal - Honig" haben sich die Werbefilmer von Embassy of Dreams an der Produktion eines Berlinale-Gewinners beteiligt. Im W&V-Interview verraten die Chefs Helmut Hartl und Stefan Telegdy, wie das kommerzielle Werbegeschäft und unkonventionelle Arthouse-Filme zusammen passen.

Text: Kerstin Richter

Ein stiller Film über die Geschichte eines Bienenzüchters und seinen sechsjährigen Sohn ist der beste Film der 60. Berlinale: Der Goldene Bär ging an "Bal - Honig" vom türkischen Regisseur Semih Kaplanoglu. Der Streifen sei "einfach zu schön und zu berührend ist, um wirklich zu existieren", urteilte die "Zeit".

Dass der Film tatsächlich Realität wurde, dazu hat die Kölner Heimatfilm beigetragen - sie trat als Co-Produktion auf. Heimatfilm wiederum ist das Baby der beiden Werbefilmer Helmut Hartl und Stefan Telegdy, Inhaber von Embassy of Dreams, die Spots für Kunden wie C&A, Vodafone und Braun dreht. W&V sprach mit den Münchnern über ihren sensationellen Erfolg auf der Berlinale, Arthouse-Filme und das kommerzielle Werbegeschäft.

Worüber freuen Sie sich mehr: den Goldenen Bär in Berlin oder einen goldenen Löwen bei den Werbefestspielen in Cannes?

Hartl: Tier ist Tier, wir freuen uns über jeden Preis. Ein Kellner in Cannes erklärte mir einmal, das nervigste Festivalspublikum sind die Spielfilmer, die Werber liegen in der Mitte, und nur die Pornographen sind wirklich entspannt. Ich glaube allerdings, die Höhe der Tips, die er jeweils bekommt, hat sein Ranking maßgeblich beeinflusst.

Sie haben sich bereits vor Jahren entschieden, Werbefilm und Spielfilm in zwei unterschiedlichen Unternehmen zu produzieren. Neben Embassy of Dreams - für die Werbung - haben Sie 2003 in Köln Heimatfilm gegründet. Warum?

Telegdy: Wenn die Embassy of Dreams einen Film über Honig drehen würde, wäre dieser wahrscheinlich 20 Sekunden lang, hätte mindestens eine Genussszene und einen güldenen Packshot. Und auch wenn es Kunden gibt, die uns wegen unserer Stärke im Story-Telling adressieren, so hat doch ein Werbefilm mit Spielfilm so viel zu tun wie der Klappentext mit einem Buch.

Hartl: Film ist kein basisdemokratisches Happening. Unsere unglaubliche Partnerin Bettina Brokemper, eine leidenschaftliche Spielfilmproduzentin, hat trotz regem Kulturaustausch die Lizenz zum Töten. Das Ergebnis ist ein beachtlicher Output: Die Heimatfilm hat seit ihrer Gründung in 2003 maßgeblich an elf meist internationalen Spielfilmen mitgewirkt. Sie war unter anderem an Lars von Triers "Antichrist" beteiligt, die rein deutschen Produktionen liefen beide in Cannes, und die ellenlange Festival- und Awardliste weist unter anderem den „großen Preis der Jury“ beim Sundance Festival 2007 vor.

Telegdy: Würden wir beide Disziplinen unter einem Dach betreiben, hätte wahrscheinlich das Kerngeschäft der Embassy, die Produktion von Werbefilmen, darunter gelitten. Man denke nur an die unterschiedlichen Zeitzonen: Ein gesamter Spielfilmzyklus erstreckt sich manchmal auf Jahre, während wir Werbefilmer häufig agieren wie Squad-Teams.

Heimatfilm macht vor allem unkonventionelle Arthouse-Filme. Wie passt das zum kommerziellen Werbegeschäft?

Hartl: Der Gegensatz von erfolgreicher Werbung und nicht konsensfähigen Arthouse-Filmen ist für beide Seiten unanständig erfrischend. Die Auseinandersetzung mit den Stoffen der Heimatfilm erspart uns zeitraubendes Gehirntraining mit Sudoku-Rätseln.

Telegdy: Tatsache ist auch, dass jedem Spielfilm, auch denen mit hohem künstlerischem Anspruch, eine Marketingstrategie zugrunde liegt. Adressiert wird da ein recht eigenwilliges Nischenpublikum, die internationalen Cineasten.

Hartl: Kulturschocks sind nicht auszuschließen. Plots wie der von „Gegenüber“ (ein Polizist wird zu Hause regelmäßig von seiner Frau verprügelt, und es ist keine Komödie) oder „Sweet Mud“ (ein Junge wächst in den Siebzigern in einem Kibbuz auf, seine Mutter ist psychotisch) führen nach Screenings mit handverlesenen Werbern schon mal zu spontanen Statements wie „Helmut, ich brauch jetzt erst mal einen Schnaps“.

Telegdy: Weitere Verbindungen gibt es reichlich. Wir drehen immer wieder TV-Spots mit Spielfilmregisseuren, aktuell mit Sebastian Schipper. Frieder Wittich, mit dem wir schon seit seiner Filmhochschulzeit freudig Werbefilme drehen, hat gerade mit „13 Semester“ einen beachtlichen Kinofilm hingelegt.

Kooperieren Heimatfilm und Embassy auch noch in anderen Bereichen?

Hartl: Wir kooperieren auf mehreren Ebenen. Derzeit arbeiten wir an einem gemeinsamen, recht intelligenten Fussball-Langfilmprojekt mit einigen interessanten Marketingoptionen. Jan Bonny, der Regisseur von „Gegenüber“ - der mehrfach preisgekrönte Film lief 2007 unter anderem in Cannes -, war eine Empfehlung von unserer Seite. Wir arbeiten manchmal mit den gleichen Autoren. Die Konstruktion von Finanzierungen ist auch ein Thema. Bei unseren Drehs in NRW steht das halbe Team der Kölner Heimatfilm am Set und unterstützt uns tatkräftig. Und wir reden über Stoff.

Und, kamen schon Anfragen aus Hollywood?

Telegdy: Für den bisher nicht verfilmten Stoff „Actor Wanted“ waren wir in Verhandlung mit einem Major Studio. Allerdings haben wir schnell am eigenen Leib erfahren, dass du dort deine eigenen Vorstellungen gleich an der Garderobe abgeben kannst. Da ist unser Spielraum selbst bei der Umsetzung von TV-Spots noch deutlich größer.