Konkurrenzkampf :
Neidische Werber: Schlechte Verlierer sind auch schlechte Gewinner

Es hat was von Branchenritual: Eine große Agentur gewinnt einen Pitch und kaum ist das Ergebnis verkündet, beklagen die Unterlegenen Schiebung, Preisdumping oder überziehen die Kreation mit Häme oder Plagiatsvorwürfen. W&V-Blogger Peter Breuer über missgünstige Werber mit Minderwertigkeitskomplexen.

Text: Peter Breuer

30. Nov. 2015 - 7 Kommentare

Peter Breuer ist Texter und Konzeptioner in Hamburg. Für W&V schreibt er regelmäßig über Kreationen und Kreativität.
Peter Breuer ist Texter und Konzeptioner in Hamburg. Für W&V schreibt er regelmäßig über Kreationen und Kreativität.

Es ist mittlerweile zum Ritual geworden: Eine große Agentur gewinnt einen Pitch und kaum ist das Ergebnis verkündet, beklagen die Unterlegenen Schiebung, Preisdumping oder überziehen kurzerhand einfach die Kreation mit Häme oder Plagiatsvorwürfen. Eine ideale Zeit selbst für komplett Unbeteiligte, rasch aus der Kulisse aufzutauchen und sich gratis an der ohne eigenes Zutun entstandenen Aufmerksamkeit zu bedienen.

Das Perfide daran ist das Gemunkel von Andeutungen und die Leichtigkeit, mit der sich in Kommentarfeldern und Facebook-Posts die Arbeit anderer kritisieren lässt, ohne die eigene Kreation herzeigen zu müssen oder zu dürfen.

Nun ist das dezente Schweigen über die Arbeit anderer etwas in Vergessenheit geraten und öffentliches Loben gilt in der Branche ohnehin wahlweise als Schwäche oder Heranwanzen. Dabei sollte der kompetitive Teil der Werbung doch eigentlich an der Kasse mit den beworbenen Produkten der Klienten stattfinden. Eigentlich – denn die Realität ist leider eine andere.

Ein Problem könnte die Selbstwahrnehmung der Werbetreibenden sein, die vom Minderwertigkeitskomplex ihres Tingeltangel-Images getrieben zu sein scheint. Es gibt so viele Berufsstände und in keinem gibt es so viele Rankings der Größten, Kreativsten und Effizientesten wie im Werbebusiness. Das Geschäft des Fußpflegegewerbes zum Beispiel ist ebenfalls einigermaßen komplex – Hammerzehen, Hallux valgus, Warzen und Hornhaut sind ernste Probleme, die eine große Zielgruppe brennend interessieren. Von rauschenden Ballnächten und goldenen Awards der Fußpflegebranche hört man allerdings vergleichsweise selten. Aber vielleicht feiern die einfach heimlich.

Kommunikation ist in ihrem Wesen definitiv keine Kampfsportart und die Zeit, die mit verkniffenem Gesicht verschwendet wird, um seinem Mitbewerber nachzuweisen, dass es diese eine Kampagnenidee schon so ähnlich in einer guatemalischen Fernsehzeitung und zwar vor gerade mal 28 Jahren gab, könnte sinnvoller mit dem Erarbeiten eines eigenen Gedankens verbracht werden.

Je länger man das Geschäft betreibt und je mehr Ideen man in dieser Zeit hatte, desto häufiger wird man zwangsläufig festgestellt haben, dass viele Gedanken schon einmal gedacht wurden. Die einzige gesunde Art, als Kreativer damit umzugehen, ist die Freude, Seelenverwandte zu entdecken, die schneller waren. Vielleicht schreibt man sich mal und lernt sich sogar kennen. Alles andere macht bitter und lähmt den Spaß an der Arbeit ungemein.

Nebenbei ist es deutlich schöner, in einem Pitch gegen jemanden zu bestehen, dessen Arbeit man schon lange ernsthaft bewundert, als gegen eine ausgemachte Lusche zu gewinnen. Und umgekehrt heißt es: Zwar möchte man gewinnen, aber wenn man einem Besseren unterliegt, ist die Masche alternder Fußballtrainer, nach einer Niederlage in der Pressekonferenz pauschal alle zu beleidigen, keine gute Idee.

Sich stattdessen neidlos über das zu freuen, was einem gut gefiel, würde alle voranbringen. Es ist ein Lob für den Produzenten und es ist ganz uneigennützig ein Ansporn für sich selbst, besser zu werden. Wohlwissend, dass zu einer guten Kampagne ohnehin nicht nur der Kreative gehört, sondern auch die Überzeugungskraft der Strategen und Berater, die für die Realisierung kämpfen, Kunden, die ihr Geld darauf setzen und schließlich noch ein Publikum, das das Ergebnis goutiert.

Peter Breuer ist Texter und Konzeptioner in Hamburg. Für W&V schreibt er regelmäßig über Kreationen und Kreativität.


7 Kommentare

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Anonymous User 1. Dezember 2015

Nur Werber interessiert, welche Agentur welche Kampagne gewonnen hat, welcher Pfau zu welcher anderen Agentur gewechselt hat, wer von uns vorraussagt, das facebook in 4 Jahren tot ist, etc etc.
Ob einer im Urlaub am Strand stand und DIE Idee aus dem Himmel fiel, ob eine Agentur gründlich Marktforschung betrieben hat oder ob die erfolgreiche Kampagne ein Zufallstreffer war..
Der Mikrokosmos der Werbeagenturen ist für den Normalbürger uninteressant, nur das jeweilige Endergebnis, worüber der Endverbraucher mit seiner TV Fernbedienung über Erfolg oder Nichterfolg entscheidet.

Meine Erfahrung: die größten Zugpferde in der Branche sind (leider) auch die größten Neider und Kopierer im eigenen HauSE. Hyper Hyper.

Anonymous User 30. November 2015

@Matthias - Da hast du Recht, aber der Satz sollte auch mehr deutlich machen, dass alles im öffentlichen Raum sich dieser "professionellen" Kritik aussetzen muss, das eine mehr, das andere weniger. Politik wäre auch ein schönes Beispiel. Die wenigsten betreiben aktiv Poltik, aber jeder hat eine Meinung.
Man kennt es auch aus Kreativer Sicht: Es mischen sich immer Leute ein, die irgendwann mal ein Kreativ-Seminar besucht haben während ihres BWL-Studiums und nun denken "jetzt weiss ich wie es geht".
Bevor unsere Branche nicht 100% belegen kann, was an welcher Stelle wieso stehen muss, muss man sich dieser Kritik eben aussetzen. Liegt doch in der Natur der Sache.

Anonymous User 30. November 2015

@Werber: Die Nationalmannschaft und die anderen Branchen müssen sich Meinungen und Kritik der Fans und Verbraucher gefallen lassen, nicht die der Wettbewerber. Jogi Löw kritisiert die Spielweise der Franzosen? BMW veräppelt VW wegen der Abgasaffäre? Kommt nicht vor und ist kaum vorstellbar. In der Werbung: Alltag.

Anonymous User 30. November 2015

Schöner Vergleich mit den Fußpflegern. Das ist, was Werber meines Erachtens oft vergessen:
Es gibt Wichtigeres als Werbung. Aber vielleicht ist das genau der Grund, warum manche sich so wichtig machen? Sonst merkt noch jemand, dass viele Menschen hervorragend ohne Werbung leben können...aber nicht ohne die Arbeit von Bäckern, Friseuren und Busfahrern, Arzthelferinnen - und Fußpflegern.
Das ist keineswegs nihilistisch gemeint. Aber Werbung ist für viele doch etwas Spielerisches, Unterhaltendes. Aber wenn ausgerechnet das den Beteiligten selber verloren geht - wie doof ist das denn?

Anonymous User 30. November 2015

Es heißt guatemaltekisch. Oder ist das auch schon wie bei den ehemaligen Zyprioten toastbrotisiert worden?

Anonymous User 30. November 2015

Die Branche weiss sich eben zu verkaufen, oder eben nicht - zu den Rankings.

Wer all dem ganzen 100% Glauben schenkt, der glaubt auch an den Coca Cola Weihnachtsmann. Lass die Kirche im Dorf. Seine Meinung darf man ja noch sagen. Und dass zu großen Kunden/Kampagnen alle eine Meinung haben, ist doch völlig normal. Das muss sich die deutsche Nationalmannschaft nicht anders gefallen lassen .. Wir Deutschen und unsere Liebsten Kinder eben.

Anonymous User 30. November 2015

Den Verbraucher interessiert tatsächlich in keinster Weise, ob eine Werbung schon mal in ähnlicher Form vor s Jahren da war oder nicht. Wenn sie gut ist sie gut - - - wobei die Werbung mit "Gut" gerade sehr nervig ist - vor allem die des Nachahmers......... :-(

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