Agenturkultur :
So arbeitet es sich bei ... Publicis.Sapient

Ein halbes Jahr Sabbatical darf jeder. Publicis.Sapient lässt dem Engagement der Mitarbeiter für eigene oder  Charity-Projekte viel Raum. Das Porträt.

Text: Anja Janotta

Eva Rahm, Senior Manager People Strategy bei Publicis.Sapient.
Eva Rahm, Senior Manager People Strategy bei Publicis.Sapient.

Eigentlich wollten wir wissen, wie es drinnen aussieht, bei Publicis.Sapient. Aber die Agentur hat uns nur Fotos von ihren Mitarbeitern geschickt. Ok, das nehmen wir einfach mal als Statement für das wichtigste Kapital der Agentur. Eva Rahm, Senior Manager People Strategy, erklärt, warum die Mitarbeiter auch mal längere Zeit für ein Sabbatical frei nehmen können oder sich auch mal für einem längeren Zeitraum einem Charity-Projekt widmen können. Nummer 25 der Agentur-Porträts.

Gibt es in Ihrer Agenturgruppe Berufsfelder und Jobs, die lange unbesetzt bleiben und für die Sie händeringend nach Personal suchen? Wenn ja, wie lange sind die Stellen unbesetzt? Und was machen Sie, um genau dort Leute zu finden?

Bei Publicis.Sapient sind wir immer auf der Suche nach Talenten. Durch die hohe Nachfrage nach Digitalexperten und die starke Veränderung der Arbeitswelt stehen wir natürlich auch vor der Herausforderung, für unser Geschäft im digitalen Transformationsprozess die richtigen Mitarbeiter zu finden. Besonders schwierig stellt sich dabei die Suche nach Spezialisten im Technologie-Bereich dar – etwa für die Themen Adobe Experience Manager, andere Content Management-Systeme oder Salesforce-Lösungen. Solche Stellen bleiben leider auch oft sechs bis zwölf Monate unbesetzt.

Ebenfalls herausfordernd ist die Suche nach UX-Designern, speziell bei Rollen mit ersten Führungsaufgaben. Zwar ist unser primäres Ziel immer, neue Positionen zunächst intern zu besetzen und unsere Mitarbeiter in die neue Rolle hinein zu entwickeln. Durch unser starkes Wachstum bei neuen Kunden in Deutschland und Europa wie Daimler, Carrefour, Accor oder Amplifon müssen wir aber eben auch zusätzlich extern rekrutieren.

Dabei arbeitet unser Recruiting-Team sehr stark mit Direktansprache über soziale Netzwerke, aber auch mit Empfehlungen aus dem Netzwerk unserer Mitarbeiter, die einen großen Prozentsatz der Neueinstellungen ausmachen.

Haben Sie ein Patentrezept für die Bildung einer starken Arbeitgebermarke gefunden? Ja? Welches ist Ihres?

Ein grundsätzliches Patentrezept gibt es nicht, aber durch nachhaltiges "Employer Branding" konnten wir unser Unternehmen über die Jahre hinweg als starke Arbeitgebermarke etablieren. Dabei spielen u.a. folgende Faktoren eine wichtige Rolle: Unsere Unternehmenswerte sind fest verankert und werden von den Mitarbeitern gelebt. Unternehmenskultur hat bei uns einen extrem hohen Stellenwert und wird intern wie extern offen kommuniziert. Das belegt auch unsere mehrmalige Auszeichnung durch das "Great Place to Work"-Institut.

Und drittens forcieren wir das Engagement unserer Mitarbeiter als "Markenbotschafter" durch diverse Initiativen wie z.B. einen Referral Bonus, wenn durch ihre Unterstützung ein neuer Mitarbeiter angestellt wird.

Außerdem arbeiten wir kontinuierlich an der Optimierung unseres Bewerbungsprozesses. Auch wenn ein Interviewprozess nicht zu einer Einstellung führen sollte, wollen wir dem Kandidaten ein überzeugendes Bild von uns vermitteln, damit er in seinem Netzwerk positiv über uns berichtet. Diese Strategie zahlt sich aus, denn persönliche Empfehlungen sind für uns die beste Werbung. 

Die Dachterrasse von Publicis.Sapient.

Was tun Sie konkret zur Mitarbeiterbindung? Gibt es bei Ihnen die Möglichkeiten zu

a, Home-Office

Kultur und Community wird bei Publicis.Sapient großgeschrieben, daher ist es uns generell sehr wichtig, dass unsere Mitarbeiter, wenn sie nicht beim Kunden vor Ort sind, möglichst viel aus dem Office arbeiten, um unsere Kultur aufrechtzuerhalten. Daher vergeben wir in der Regel keine Home Office-Verträge. Jeder Angestellte hat aber die Möglichkeit, von daheim aus zu arbeiten, wenn z.B ein Handwerker erwartet wird oder die Kita streikt.

Dafür werden selbstverständlich allen Mitarbeitern Laptops, Mobiltelefone sowie sichere Datenleitungen über VPN bereitgestellt. Zudem bieten wir auch verschiedene Teilzeitvarianten an.

b, Sabbatical

Bei uns können Mitarbeiter bis zu sechs Monate unbezahlten Urlaub nehmen, den sie entweder für eine Reise, eine Weiterbildung, familiäre Verpflichtungen oder auch einfach nur zur Erholung nutzen können. Dabei haben alle Kollegen die Wahl, ob sie die Zeit komplett unbezahlt nehmen wollen oder vorher bereits mit reduziertem Gehalt arbeiten möchten, damit auch während der Auszeit ein Einkommen vorhanden ist. Diese Auszeiten werden sehr gerne angenommen.

Auch für Publicis.Sapient sind diese Sabbaticals ein Gewinn, da unsere Mitarbeiter anschließend ausgeruht, energiegeladen und mit neuer Motivation zurückkommen.

Voraussetzung ist allerdings eine Betriebszugehörigkeit von mindestens einem Jahr sowie – bei einem Sabbatical von mehr als einem Monat – eine entsprechende Vorlaufzeit von sechs Monaten, um uns als Unternehmen Planungssicherheit zu geben.

c, flexiblen Urlaubszeiten pro Jahr

Jeder Mitarbeiter kann seinen Urlaub flexibel planen und gestalten, muss sich jedoch mit dem Projektleiter entsprechend abstimmen. Zwischen Weihnachten und Neujahr sind bei uns die Büros geschlossen. Diese Regelung gibt allen Kollegen die Möglichkeit, die Weihnachtsfeiertage im Kreise ihrer Familie zu verbringen, ohne dass man sich mit den Kollegen abstimmen muss.

d, flexible Arbeitszeiten

Bei uns gibt es keine Stechuhr und keine festen Kernarbeitszeiten – es gilt die Vertrauensarbeitszeit. So lange wichtige Termine und Abgaben eingehalten werden und auch die Leistung stimmt, schreiben wir niemandem vor, wann und wie viel Zeit jeder im Office verbringen muss. Deshalb muss bei uns auch niemand Urlaub nehmen, wenn es um einen Arzttermin, Behördengänge oder andere wichtige Termine geht. Da findet sich zusammen mit dem Projekt-Team immer eine Lösung.

e, Job-Tausch mit anderen Niederlassungen, bzw. Partner-Unternehmen

Publicis.Sapient ist derzeit an mehr als 100 Standorten weltweit vertreten. Wir haben kein explizites Austauschprogramm, aber durch unsere globale Aufstellung und Englisch als Firmensprache ermöglichen wir vielen Mitarbeitern für einen kurzen Zeitraum oder auch ein längeres Projekt Auslandserfahrung zu sammeln – etwa in Dubai, Melbourne, New York oder in einem unserer vielen Offices in Europa – etwa in London, Paris oder Stockholm.

Für eine gewisse Dauer bieten wir auch eine Rückkehrgarantie, damit niemand Sorge haben muss, keinen Job mehr in seiner "Heimatlocation" zu bekommen. Einige Mitarbeiter werden auch für Projekte in anderen Partnerunternehmen eingesetzt.

f, Möglichkeiten für eigene Herzensprojekte außerhalb des bezahlten Kundengeschäfts?

Jeder Mitarbeiter kann sich für einen Tag im Jahr freistellen lassen, um für ein selbstgewähltes soziales Projekt zu arbeiten. Oder sich einem unserer eigenen sozialen Projekte anschließen. Unser Recruiting-Team organisiert z.B. an Schulen Interviewtrainings oder zeigt, wie man eine gute Bewerbung schreibt. Viele Kollegen von uns helfen regelmäßig im Ronald-McDonald-Kinderhaus und kochen Mittagessen für die Eltern, deren Kinder im Krankenhaus sind oder verbringen Zeit mit deren Geschwistern.

Auch ein Mentorship für Flüchtlinge ist eins der vielen Projekte, sowie unser Weihnachtsbaum mit Wunschzetteln von bedürftigen Kindern, deren Wünsche von unseren Mitarbeitern erfüllt werden. Neue Ideen und Projektvorschläge von Mitarbeitern werden auch immer gerne angenommen.

g, bezahlten Überstunden?

Durch unsere sehr flexiblen Arbeitszeiten und Vertrauensarbeitszeit haben wir uns entschieden, keine Überstunden zu bezahlen, da unsere Mitarbeiter auch jederzeit – wenn nötig – früher gehen oder später kommen können. Für uns steht an erster Stelle, dass unsere Mitarbeiter gesund und leistungsfähig bleiben. Damit möglichst wenige Überstunden anfallen, setzen wir die Kollegen entsprechend effizient ein. Sollte es dennoch vorkommen, suchen wir nach individuellen Lösungen, um Abhilfe zu schaffen.

Bunte Hunde bei der Arbeit.

Kletterwand, Baumhaus, Sterne-Kantine – was gibt es bei Ihnen an unüblichen Incentives für Mitarbeiter? (Und wenn ja, haben Sie eventuell ein Foto davon für uns?)

Uns ist eine gute Community in den einzelnen Offices wichtiger als ausgefallene Incentives, daher gibt es viele interne Events, wie ein BBQ in der Mittagspause auf unserer (Dach-)Terrasse, New Hire Partys, die von den neuen Kollegen organisiert werden, Bier-Tasting, Yoga oder Tischtennis- und Kicker-Turniere.

Zudem nehmen die Kollegen gerne an diversen Sport-Events wie Firmenlauf, Marathonstaffeln, Triathlonstaffeln, Drachenbootrennen teil oder sie sitzen einfach nur gemütlich bei einem Feierabendbier in der Lounge, dem Social Space oder auf unserer (Dach-)Terrasse zusammen. Die einzelnen Projekte organisieren auch regelmäßig Teamevents. Dazu kommen Events zu Anlässen wie Weihnachten, Sommer, Halloween oder Karneval. Denn wer gut im Team zusammenarbeitet, feiert auch gerne zusammen.

Wie erfassen Sie die Mitarbeiterzufriedenheit? Welche Ihrer Errungenschaften sind den Mitarbeitern besonders wichtig?

Zum einen gibt es einen Publicis.Sapient-weiten "Engagement Survey" (Umfrage), an dem wir jährlich für einen Vergleich innerhalb der Publicis Groupe teilnehmen. Zusätzlich reichen wir jedes zweite Jahr bei der "Great Place to Work"-Auszeichnung (GPTW) ein, um uns auch mit externen Unternehmen zu messen.

Der GPTW-Bewertungsprozess besteht u.a. aus einer Mitarbeiterbefragung, bei der wir uns bisher jedes Jahr kontinuierlich verbessern konnten. Letztes Jahr haben wir uns etwa im deutschlandweiten Vergleich um 22 Plätze auf Platz 11 in unserer Unternehmenskategorie gesteigert.

Uns ist es auch wichtig, dass wir uns nicht auf den guten Ergebnissen ausruhen, sondern uns weiter verbessern. Wir möchten wirklich wissen, was den Kollegen wichtig ist und nicht einfach das umzusetzen, was das Unternehmen für richtig hält.

Hand aufs Herz: Wie hoch ist bei Ihnen die Frauenquote?

Diversity ist eines unserer wichtigsten Anliegen und wir konnten unsere Frauenquote in den letzten zwei Jahren von 32 auf 38 Prozent steigern. Das ist für ein sehr technologieorientiertes Unternehmen wie Publicis.Sapient ein guter Wert – da geht aber noch mehr. Daher haben wir für das Recruiting und zur Mitarbeiterbindung zahlreiche Einzelaktivitäten aufgesetzt, um uns weiter zu verbessern – so haben wir beispielsweise bei jedem Job-Kandidaten geschlechtergemischte Interviewer-Teams, um ausgewogene Bewertungen zu gewährleisten.

Wie hoch ist die Quote der Mitarbeiter über 45? Und unter 25?

18 Prozent unserer Mitarbeiter sind über 45 Jahre alt. Nur ein Prozent unserer Angestellten ist unter 25.

Wie lang bleibt ein Mitarbeiter im Schnitt?

Mehr als 30 Prozent unserer Kollegen sind bereits fünf Jahre oder länger bei uns. Der Durchschnitt liegt derzeit bei zirka fünfeinhalb Jahren. 

Sapient bietet Jobtausch mit anderen Offices an.

Clean-Desk-Policy oder ganz persönliche Schreibtische? Wie steht Ihre Agentur zu dem Thema?

Der limitierende Faktor bei uns ist Datensicherheit und Vertraulichkeit für den Kunden. Insofern stellen wir jedem Mitarbeiter einen Schreibtisch mit einem abschließbaren Rollcontainer zur Verfügung. Interne Funktionen wie Personalabteilung, Hiring, Finance und Legal haben feste Arbeitsplätze sowie abschließbare Büros.

Bei unseren Kollegen auf Projekten folgen wir einem Rotationsprinzip, da es uns wichtig ist, dass die einzelnen Teams zusammensitzen. Wechselt jemand das Projekt, wechselt er auch seinen Schreibtisch. Zusätzlich gibt es noch "Hot Desks" für Kollegen aus den anderen Publicis.Sapient-Büros, wenn sie zu Besuch kommen.

Wie stehen Sie zur internen Offenlegung aller Gehälter im Unternehmen?

Wir legen sehr viel Wert auf eine gerechte Bezahlung und darauf, dass es keine gravierenden Unterschiede zwischen den Mitarbeitern gibt. Es gibt Gehaltsbänder basierend auf externen Benchmark-Daten. Durch regelmäßige Gehaltsanalysen stellen wir sicher, dass jedes Gehalt in diesen Bändern verankert ist.

Dann wollen wir natürlich wissen: Was verdient ein Junior bei Ihnen im ersten Jahr?

Bei uns gibt es kein festes Einstiegsgehalt, da es von vielen verschiedenen Faktoren – wie dem Ausbildungsgebiet und Fachbereich – abhängt, was ein Berufseinsteiger verdient. Wir bezahlen fair und marktgerecht, auch in den ersten Jahren.

Mehr Agenturporträts, u.a. von Jung von Matt, Scholz & Friends und Serviceplan finden Sie in unserem Dossier Arbeitswelt Agenturen.

Mehr zum Thema Gehalt in Agenturen in unserem Dossier Gehalts-Check


Autor:

Anja Janotta, Redakteurin
Anja Janotta

seit 1998 bei der W&V - ist die wohl dienstälteste Onlinerin des Hauses. Am liebsten führt sie Interviews – quer durch die ganze Branche. Neben Kreativ- und Karrierethemen schreibt sie ab und zu was völlig anderes - Kinderbücher. Eines davon dreht sich um ein paar nerdige Möchtegern-Influencer.