Hier werden gleich ganz verschiedene Visionen vermittelt. Auf der einen Seite das Gefühl, bei den wichtigsten und wertvollsten Unternehmen unserer Zeit dabei zu sein und auf der anderen Seite, Freiraum und Entfaltungsmöglichkeiten für sich selbst zu haben. Fürs Protokoll: Der Wettbewerb wird nicht nur im Gehalt gewonnen, die Work-Life-Balance wird heute erst Recht zum wichtigen Faktor für Talente – auch und gerade für die Besten der Besten.

Das Digitalunternehmen Adjust hat für seine Mitarbeiter keine Obergrenze an Urlaubstagen festgelegt. Sie schaffen diese Voraussetzungen, um die besten digitalen Talente und Entwickler nicht nur für das Unternehmen zu gewinnen, sondern auch um sie langfristig zu binden. Die Work-Life-Balance wurde hier in eine konkrete HR-Maßnahme übersetzt. Am Ende steht eine nachhaltige Mitarbeiterstruktur, geringe Fluktuation und ein Unternehmen mit Weltmarktführer-Status. Hier zeigt sich, dass die Work-Life-Balance keine "freizeitorientierte Schonhaltung" in der dritten Liga bedeutet, sondern ein Must-Have für die Unternehmen darstellt, die im digitalen Zeitalter in der ersten Liga spielen wollen. Wollen wir als Agenturen dazugehören, müssen wir auch im Bereich der Work-Life-Balance entsprechende Angebote machen.

Wir brauchen ein neues Narrativ für kreative Unternehmer

Das Paradoxe ist, dass wir es als Kommunikationsspezialisten bisher weniger schaffen, eine große Vision für unsere Talente zu formulieren. Agenturen bieten hier natürlich die Aussicht auf erfolgreiche und weithin sichtbare Projektergebnisse und locken Kreative damit, für Ruhm und Auszeichnungen in die Schlacht zu ziehen. Aber wir glauben doch nicht im Ernst, dass wir im Wettstreit mit Google, Apple & Co die besten Talente mit der Aussicht auf eine Preisverleihung locken können?

Die Frage, die wir uns als Agenturbranche stellen müssen ist also: Sind wir so smart und gut organisiert, wie die besten Digitalunternehmen der Welt? Nutzen wir die besten digitalen Tools für unsere Arbeitsprozesse? Vertrauen wir unseren Mitarbeitern in vollem Umfang und leben das konsequent in unserer Unternehmenskultur? Schaffen wir ein Umfeld, in dem wir Mut und Unternehmertum fördern und belohnen? Das geht nur mit Freiraum und mit der Möglichkeit, sich als Person voll zu entfalten. Hier kommt man an der Debatte um Work-Life-Balance nicht vorbei.

Die Generationen Y und Z sind wahrscheinlich diejenigen, die die höchsten Ansprüche an sich und ihre Arbeit haben. Als Arbeitgeber müssen wir ihnen ein Umfeld bieten, in denen sie dieses Potential abrufen können. Dazu zählt auch, sie als ganze Person inklusive Privatleben ernst zu nehmen und Rücksicht darauf zu nehmen. Der Job passt sich zukünftig dem Leben an, nicht umgekehrt. Das ist die große Errungenschaft digitaler Veränderungen der Arbeitswelt und der entscheidende Faktor im War for Talents.

Wir müssen jungen Talenten ermöglichen,  innerhalb von Agenturen zu kreativen Unternehmern werden zu können. Eigenverantwortliches Arbeiten, zeitlich und vor allem örtlich flexibel mit einem hohen Maß an Eigenverantwortung und Gestaltungsmöglichkeiten. Kollaborationstools, Home-Office-Regelungen und moderne Unternehmensstrukturen außerhalb von Silos und Hierarchien sind dafür notwendige Assets. Am Ende stehen für Kunden dabei weiterhin einzigartige Projekte, exzellente Ergebnisse und smarte Prozesse, die das Budget schonen. Die Tretmühle hat ausgedient - jetzt geht es für Agenturen darum, sich als smartes und effizientes Unternehmen zu organisieren.


Autor:

Anja Janotta, Redakteurin
Anja Janotta

seit 1998 bei der W&V - ist die wohl dienstälteste Onlinerin des Hauses. Am liebsten führt sie Interviews – quer durch die ganze Branche. Neben Kreativ- und Karrierethemen schreibt sie ab und zu was völlig anderes - Kinderbücher. Eines davon dreht sich um ein paar nerdige Möchtegern-Influencer.