Peter Breuer :
Was Kreative sich antrainieren sollten

Gute Ideen kommen selten einfach so unter der Dusche. Man kann Kreativität lernen und muss sie üben. Das weiß keiner so gut wie der Hamburger Texter, Buchautor und Social-Media-Poet Peter Breuer. Worauf es dabei ankommt, welchem Zwang man unbedingt nachgeben sollte und warum man dafür notfalls Bäume im Wald anmalen muss, beschreibt Breuer in seinem ersten Text für W&V Online.

Text: Peter Breuer

09. Dec. 2014 - 6 Kommentare

Gute Ideen kommen selten einfach so unter der Dusche. Man kann Kreativität lernen und muss sie üben. Das weiß keiner so gut wie der Hamburger Texter, Buchautor und Social-Media-Poet Peter Breuer*. Worauf es dabei ankommt, welchem Zwang man unbedingt nachgeben sollte und warum man dafür notfalls Bäume im Wald anmalen muss, schreibt Breuer auf W&V Online.

Inspiration ist der Spaß an seiner Umwelt.

Ein Papagei, dessen Schwanzfedern einen Hund formen. Was für ein wunderbares Logo für einen Kleintierbedarf! Es wäre doch gelacht, könnte ich nicht eine vergleichbare Idee für meinen eigenen Kunden entwickeln. Nur schade, dass mein Kunde keine Zoohandlung, sondern ein Stromversorger ist und ich mich komplett blockiere, weil ich nun drei Stunden lang erfolglos nach ähnlich guten Doppelbildern suchen werde.

Die zahlreichen Inspirationsseiten im Internet sind ideal, um sich in schöpferische Sackgassen zu manövrieren. Weil es bei Kreativität nie um das Ergebnis geht, sondern viel mehr um den "Klick" – eine für den Betrachter nachvollziehbare Begeisterung, die etwas extrem Naheliegendes in einem möglichst neuen Kontext zeigt.

"Man muss den Meister kopieren, um sich vom Meister lösen zu können", behaupten die Epigonen in Designstudiengängen, die sich den Duktus ihrer Professoren oder Designheroen aneignen und dementsprechend schnell zu ansprechenden Bildlösungen finden, die formal vertraut erscheinen, aber – wen wundert es – vor allem nach Meister aussehen. Und richtig müsste es vermutlich heißen: "Man sollte allein die Mechanik des Meisters verstehen lernen, um selbst gestalten zu können".

Kreativität wird maßlos überschätzt und genauso oft unterschätzt. Der Genie-Kult ist übertrieben und wenn es klappt, ist es meistens eben nicht die Zufallsidee auf der Toilette. Sie ist ein Beruf wie jeder andere, sie macht genauso müde wie jede andere Tätigkeit, man kann sie lernen und muss sie üben: Es geht darum, Dinge zu sortieren und sich immer wieder neu für seine Umwelt zu begeistern. Auf ihrem Weg zu einer Lösung  suchen sowohl der Designer als auch der Texter nach Analogien, die einen Sachverhalt mit anderen Mitteln erklären und ein Produkt mit neuen Eigenschaften belegen. Erst recht in einer Zeit, in der die Märkte eng, die Produkte ähnlich und die Adjektive längst so verbraucht sind.

Die persönliche Haltung, die man sich dazu antrainieren sollte, ist das Denken eines Künstlers, der seine Umwelt in jedem einzelnen Moment gestalten will.

Egal, ob man als Designer, Texter oder Künstler arbeitet. Der leergefressene Fischteller von Pablo Picasso wurde nur zum Kunstwerk, weil er Lust darauf hatte, die Fischgräten darauf wieder in frischen Ton zu betten und aus der freigelegten Positivform eine neue Negativform zu schaffen.

Für den Texter ist die Initialzündung mitunter nur ein Halbsatz, den man einige Stunden im Kopf spazieren führt – immer auf der Suche nach der zweiten Hälfte, die sich mit der ersten reibt. Dann findet sich irgendwann eine zweiter Teil, der nicht mit dem ersten korrespondiert, man tauscht den Anfang und plötzlich funktioniert es.

Dem inneren Zwang, eine Idee – auch wenn sie gerade nicht gebraucht wird – umzusetzen, sollte man jedoch immer nachgeben.

Während ich mich freudlos in einem Text festfuhr, der im Ansatz okay war, aber mit einem gewissen Abstand sicher noch besser werden konnte, dachte ich immer das Wort "Birke". Warum auch immer. Birken sind hell und schnell, Birken wachsen als erste wieder dort, wo einmal alles verseucht war, und Birken sind wunderschön.

Also fuhr ich in einen Baumarkt, kaufte Farbe und parkte mein Auto in einem Waldstück. Dort bemalte ich eine Buche als Birke, fotografierte das Ergebnis und fuhr zurück an den Schreibtisch. Ich hatte keine Zeit verloren, sondern mir selbst wieder auf die Sprünge geholfen und das Schreiben funktionierte plötzlich wie von selbst.

* Peter Breuer nennt sich einfach nur "Werbetexter"  - eine Berufsbezeichnung, die auf Creative Junior Copywriter Evangelists wie eine Eisdiele aus der Adenauer-Zeit wirkt. Er schreibt und konzipiert für Kunden aus zahlreichen Branchen und gilt als einer der besten Texter Hamburgs. Wer daran zweifelt, kennt seine Facebook-Seite und seine Tweets nicht.


6 Kommentare

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Anonymous User 11. Dezember 2014

Ihr braucht gar nicht so zu ironisieren: Wer sich an Peter Breuers Buch "Ein Satz sagt mehr als tausend Worte" delektiert hat, weiß, wen man vor sich hat. Nicht den besten Texter Hamburgs (wie will man das herausfinden?) sondern des Universums! Aber i Ernst: Breuers sarkastischer (Wort-)Witz ist umwerfend. Kann man selbst lesen und - falls man intelligent genug ist - sich kreativ anleiten lassen

Anonymous User 10. Dezember 2014

"Peter Breuer gilt als einer der besten Texter Hamburgs."

Auweia, wie sind dann erst die Texter, die als die schlechtesten Hamburgs gelten?

Anonymous User 9. Dezember 2014

Süß:

"Er schreibt und konzipiert für Kunden aus zahlreichen Branchen und gilt als einer der besten Texter Hamburgs."

Anonymous User 9. Dezember 2014

Doch, es gibt Heuristiken für mehr Kreativität (vgl. Werner Gaede). Und es lohnt sich, sie zu lernen. Auch wenn die wenigsten "Kreativen" die Qualität eines Picasso erreichen werden, so verharren sie womöglich doch nicht auf dem vielfach vorherrschenden Anstreicher-Niveau.

Anonymous User 9. Dezember 2014

Der arme Baum.

Anonymous User 9. Dezember 2014

Das wichtigste ist aber immer noch: Entweder man hat es oder eben nicht.

Viele haben es eben nicht und kopieren nur noch. Gerade in der Werbung.

Da können noch so viele tausende "Werber" Fischgräten sortieren.

Man kann leider aus unkreativen Selbstdarstellern wie sie in einigen Agenturen vorherrschen keinen Picasso machen. Zum Glück!

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