Digitalmagazin als Grundstein :
Coding Kids: Für ein Land der Dichter, Denker und Digitalen

Zukunft gestalten: Die Agenturchefinnen Anja Horn und Sandra Rexhausen wollen die digitale Kompetenz von Kindern frühzeitig stärken und das Programmieren aus der Nerd-Ecke holen.

Text: Anja Janotta

Coding Kids soll vor allem Pädagogen und Eltern erreichen.
Coding Kids soll vor allem Pädagogen und Eltern erreichen.

Coding Kids ist das jüngste Projekt von Anja Horn und Sandra Rexhausen, Chefinnen der Berliner Agentur Einhorn Solutions. Im Zeitalter zunehmender Digitalisierung wollen sie eine bildungspolitische Schneise schlagen, um die Kids von heute frühzeitig an das Coden und Programmieren heranzuführen. Denn je mehr und je früher Interesse für das Thema geweckt wird, desto schneller haben wir das digitale Nachwuchsproblem im Griff, sagen die Gründerinnen.

Wie kam es zu der Idee?

Horn: Für uns war das Thema naheliegend. Zum einen kommen unsere Kunden vorwiegend aus der Verlagswelt und wir sehen täglich, welchen digitalen Herausforderungen sich die Medien seit Jahren stellen müssen und welche Probleme dies mit sich bringt. Zum anderen haben wir auch aus privaten Gründen ein Auge darauf – was brauchen denn unsere Kinder, wie können wir sie auf die digitale Zukunft vorbereiten? Es gibt bisher wenig Orientierung zu diesem Thema. Es gibt immer mal politische Strohfeuer, zudem viele teils richtig tolle Initiativen, die Kindern Programmieren und Technik nahebringen. Ein Medium, das dieses Thema kontinuierlich begleitet und einen Überblick verschafft, gibt es jedoch nicht. Und so wurde die Idee geboren: Wenn es sonst keiner tut, dann machen wir es eben.

Trotzdem haben Sie das Projekt dann doch sehr kurzfristig aus der Taufe gehoben.

Rexhausen: Wir tragen uns mit der Idee schon seit einem Jahr. Ende letzten Jahren haben wir uns ein Herz gefasst, die Marke "Coding Kids" besetzt und gesagt: Wir legen jetzt einfach mal los. Innerhalb von drei Monaten haben wir das Digitalmagazin aufgesetzt. Das soll unseren Grundstein bilden für alles weitere.

Das klingt nach mehr?

Rexhausen: Konzeptionell ist um dieses Digitalmagazin ein großer Kosmos gebaut. Der weitere journalistische Schritt ist ein gedrucktes Heft im Sommer, vielleicht als Tageszeitungs-Beilage, wenn nicht sogar als Kiosk-Titel. Hier sind wir gerade in der Finanzierungsrunde.

Horn: Wir wollen unserer Gesellschaft die Scheu vor dem Thema Programmieren nehmen und zeigen: Coding darf nicht in der Nerd-Ecke stecken bleiben. Wenn wir unsere Zukunft und die unserer Kinder mitgestalten wollen, dann müssen wir uns intensiv mit dem Thema beschäftigen.

Coding gilt ja nicht unbedingt als das traditionell weibliche Thema. Sind Sie denn selbst Coding Kids? Können Sie programmieren?

Horn: Ich bin zwar ausgebildete Elektrozeichnerin und habe mich in meiner Lehre mit Leiterplatten und Schaltplänen beschäftigt, aber programmieren kann ich nicht. Wir kommen beide aus dem Verlagswesen – Sandra Rexhausen ist Verlagskauffrau und ich bin Grafik-Designerin. Wir verstehen uns als „Coding Kids“ in dem Sinne, dass wir diesen neuen Technologien wie Kinder gegenübertreten: Wir haben sie noch nicht gemeistert, aber wir probieren sie neugierig und mutig aus. Wir sind der Meinung: Programmieren ist viel zu wichtig, um sich nicht damit zu beschäftigen. Und wir sollten dringend damit beginnen. Das gilt für Männer wie Frauen, für Mädchen wie Jungen.

Wie sieht Ihre Vorbildfunktion genau aus?

Horn: Wir wollen Coding aus der Nische rausholen. Der Umgang mit Smartphones und Tablets ist heute für Kids eine Selbstverständlichkeit. Wir wollen zeigen, dass man damit auch etwas Sinnvolles tun kann. Coding Kids dient als Orientierung für die Eltern, als unabhängige Instanz. Dazu haben wir beispielsweise in unserem Magazin viele Ratgeber-Formate eingeführt. Diese inhaltlichen Schwerpunkte werden wir weiter ausbauen. Auch gibt es in der digitalen Bildung zahllose Unternehmen, die ihre Produkte verkaufen wollen. Nicht alle sind gut und sinnvoll. Wir liefern – bestenfalls als eine Art Leitmedium – eine konstruktive und unabhängige Einordnung der Produkte für alle.

Was wollen Sie ihren Lesern an weiteren Inhalten bieten?

Rexhausen: Wir porträtieren Lehrer, digitale Vorkämpfer oder andere Vorbilder, die den digitalen Spagat schon jetzt meistern. Wir berichten über tolle Initiativen, über Coding-Werkstätten, digitale Workshops oder Unterrichtsmaterialien zur digitalen Bildung. Und wir bieten einen Überblick über aktuelle bildungspolitische Projekte und Debatten. Wir wollen, dass die Bildungspolitik in ganz Deutschland die Themen Programmieren und Informatik endlich wirklich ernst nimmt.

Das klingt aber klar nach politischen Ambitionen. Haben Sie denn welche? Sind Sie politisch aktiv?

Beide: Nein. Wir haben natürlich eine Haltung, verstehen uns aber als rein journalistisches Medium.

Ihr Kosmos soll aber noch weiter gestrickt werden, sagen Sie. Was planen Sie über die Website und das Printprodukt hinaus?

Rexhausen: Wir planen Veranstaltungen, auf denen aktuelle Debatten geführt werden, aber auch die Praxis nicht zu kurz kommt – beispielsweise mit Workshops zum digitalen Tüfteln für Kinder und Erwachsene.

Sind unsere Kids wirklich so ungebildet in diesem Bereich? In Bayern beispielsweise lernt man im Gymnasium  im Informatikunterricht der zehnten Klasse das Java-Programmieren.

Rexhausen: Es gibt an vielen Orten Deutschlands schon sehr tolle Initiativen und Unterrichtsinhalte. Das unterschiedliche Niveau ist das Problem, weil Bildung Ländersache ist und jedes Bundesland unterschiedliche Schwerpunkte setzt.

Sascha Lobo hat neulich in seiner Kolumne auf Spiegel Online mehr Digitalkompetenz für Kinder gefordert, gleichzeitig aber davor gewarnt, das Coden als zwingendes Schulfach zu verankern und Kinder Programmiersprachen wie beispielsweise eine Fremdsprache richtiggehend pauken zu lassen.

Anja Horn

Horn: Ich sehe das ja an meiner zwölfjährigen Tochter, sie ist ganz selbstverständlich bei Twitter, Instagram, Whatsapp, Snapchat und Musically unterwegs, aber sie kann mir die Frage nicht beantworten: Wie geht das? Wie ist das gemacht? Die Kids sehen nicht dahinter, habe ich gemerkt. Man muss es ja nicht Coding-Unterricht nennen. Besser wäre es, im Rahmen der digitalen Medienkompetenz zu vermitteln, wie Apps funktionieren und was bei der Entwicklung dazugehört. Nicht jedes Kind muss dann später auch gleich Programmierer werden. Aber die anwendungsbezogene Bildung ist uns wichtig.

Rexhausen: Wir wollen ja auch keine Ghettoisierung in der Schulbildung schaffen. Es wäre aber sinnvoll, wenn zum Beispiel in jedem Fach, sei es Biologie, Musik oder was auch immer, ein digitaler Praxisbezug hergestellt würde.

Das wäre dann aber auch schon ein umfassender Bildungsplan fürs Digitale, der schon weit vor der weiterführenden Schule beginnt. Wenn man so will, eigentlich schon im Kindergarten.

Rexhausen: Als Magazin "Coding Kids" wollen wir zeigen, wie man sich bereits mit Fünfjährigen hinsetzen und sich mit dem Digitalen sinnvoll beschäftigen kann. Viele Kinder nutzen ohnehin Smartphones, wo bunte Bildchen flimmern – dann kann man auch genauso gut etwas Sinnvolles miteinander machen. So wie man sich gemeinsam zum Basteln hinsetzt, kann man auch toll gemeinsam digital tüfteln. Da geht es natürlich nicht darum, dass das Kindergartenkind Programmieren lernt.

Also kein Coding-Drill…

Rexhausen: Was unter Zwang passiert, klappt meistens nicht so gut. Da haben wir alle mit Kindern so unsere Erfahrungen gemacht. Aber wir kommen um die Digitalisierung nicht herum. Wenn wir rechtzeitig damit anfangen, können wir in Deutschland auch wieder zum Land der Dichter, Denker und Digitalen werden.

Wie erreichen Sie Ihre Zielgruppen?

Horn: Unser digitales Magazin richtet sich primär an Erwachsene, an Eltern und Pädagogen. Die erreichen wir auch über Facebook und Twitter. Inhalte primär für Kinder gibt es auf unserem Youtube-Kanal. Dort werden wir zum Beispiel Kinder porträtieren, die ihre gelungenen digitalen oder technischen Tüfteleien präsentieren.

Wie sieht es mit der Refinanzierung aus?

Rexhausen: Auf codingkids.de setzen wir auf Werbung, die den User möglichst nicht stört – Native Advertising und Sponsored Articles. Alles natürlich klar gekennzeichnet. Wir verzichten bewusst auf Banner-Anzeigen. Für unser geplantes Print-Heft – das wir am allerliebsten monatlich rausbringen würden – setzen wir auf klassische Anzeigen, als Anzeigen-Bundles mit dem digitalen Magazin. Unser Ziel ist ganz klar: Wir sind kein Verein, hinter unseren Formaten muss ein klares Refinanzierungsmodell stehen.

Sind auch Partnerschaften vorgesehen?

Horn: Wir haben unter unseren Kunden, den Medienhäusern, erste Partner gewinnen können. Wir sind in sehr vielversprechenden Gesprächen. 

Die meisten von uns sind keine digital natives. Gibt es etwas, was Sie zum Thema Digitalisierung von Ihren Kindern gelernt haben?

Rexhausen: Von meinem Sohn, der noch nicht lesen kann: Die Navigation mit der Sprachsteuerung. Er benutzt Siri und andere Sprachassistenten viel selbstverständlicher als ich.

Horn: Auf jeden Fall die Devise: Einfach machen, ausprobieren! Fehler machen ist erlaubt.


Autor:

Anja Janotta, Redakteurin
Anja Janotta

seit 1998 bei der W&V - ist die wohl dienstälteste Onlinerin des Hauses. Am liebsten führt sie Interviews – quer durch die ganze Branche. Neben der W&V-Morgenpost, Kreativ- und Karrierethemen schreibt sie ab und zu was völlig anderes - Kinderbücher. Das jüngste dreht sich um  ein paar nerdige Möchtegern-Influencer.