Kritiker sagen, es handle sich dabei häufig nur um einen Marketing-Gag. Die Trust-Diskussion sozusagen als Spiegelfechterei, während es im Maschinenraum weitergeht wie bisher. Optimisten dagegen glauben, dass die Erkenntnis angekommen sei, die Bedeutung von Nutzer-Vertrauen inzwischen angemessen eingeschätzt wird. Die Wahrheit liegt wohl Stand heute wie so oft im Leben irgendwo in der Mitte.

Anerkennenswert bleibt: Es ist gelungen, der gerne mal von sich selbst begeisterten Branche eine Diskussion aufzudrängen, die überraschend viel Selbstreflexion zu Tage fördert. Gleichzeitig ist aber auch klar: Wenn sich Trust tatsächlich dauerhaft zu einem allgemein anerkannten und gelebten Wert entwickeln soll, dann muss sich endgültig bei allen Beteiligten die Erkenntnis durchsetzen, dass sich daraus ein echter Pluspunkt im Konkurrenzkampf basteln lässt. 

Christoph Kull, Deutschland-Chef von Adobe, formuliert das etwas umfangreicher so: „Mit dem Thema Trust hat die Dmexco genau zum richtigen Zeitpunkt ein wichtiges Thema gesetzt, denn Vertrauen in eine Marke ist nicht nur die Basis jeder guten Kundenbeziehung, sondern wird zunehmend zu einem Wettbewerbsvorteil. Unternehmen, die eine positive Customer Experience bereitstellen, haben die Chance, wertvolles Vertrauen und dadurch Relevanz aufzubauen. Die Dmexco 2019 zeigt deutlich, dass die technische Infrastruktur und die kreative Exzellenz da sind — nun liegt es an den Marken, transparent mit ihren Kunden zu kommunizieren, aus Daten einen hohen erkennbaren Mehrwert für Kunden zu schaffen und nachhaltig in die Qualität dieser Beziehung zu investieren.“

Kooperation und Koalition

Apropos Erkenntnis: Hoffnung gibt durchaus, dass sich immer mehr ernst gemeinte Kooperationen und Koalitionen bilden. Statt sich gegenseitig das Leben schwer zu machen und am Ende jeder für sich vor übermächtigen Gegner kapitulieren zu müssen, versuchen die Unternehmen gemeinsam Stärke aufzubauen. Vielleicht das deutlich sichtbarste Zeichen setzten bei der Dmexco da die Mitglieder der AdAlliance mit einem gemeinsamen Messestand.

Für die Dmexco selbst ist das aber nicht unbedingt eine gute Nachricht. Schließlich war beispielsweise Media Impact im vergangenen Jahr noch solo und sehr umfangreich vertreten, in diesem Jahr hatte man sich im (immer noch ziemlich großen) Bau der AdAlliance einquartiert. Andere, wie BurdaForward, folgten dem Beispiel von Ströer und verzichteten komplett auf eine eigene Präsenz. Dabei ist von keiner Stelle eine endgültige Absage an die Messe zu hören, das Gegenteil allerdings auch nicht. 

Man musste kein Dmexco-Veteran sein, um zu sehen, dass die Hallen in Köln nicht unbedingt zum Bersten gefüllt waren. Das gilt mit Blick auf Besucher und Aussteller. Zum Teil ging es in den Hallen doch recht luftig zu. Manche Bereiche hätten durchaus Gelegenheit für ein kleines Fußballspiel geboten. Auch weiche Indikatoren wie die deutlich kürzeren Schlangen an den Essenständen oder vor den Damentoiletten illustrierten eine gewisse Tendenz.

Die zum Abschluss der Dmexco präsentierten Zahlen spiegeln das nicht so wider. Manchmal ist das, was nicht gesagt wird, aber auch eine Message. Und bei Ausstellern und Besuchern gab es außer den Zahlen mit einem "rund" davor und der Gesamteinschätzung "auf Vorjahresniveau" nicht allzu viele Statements.

Messe muss arbeiten

Gleichwohl rund 1000 Aussteller und rund 40 000 Besucher sehr beeindruckend sind und die Dmexco sich wohl mit Recht immer noch als Europas wichtigstes Event für die digitale Wirtschaft bezeichnen darf, ist klar: die Messe muss weiter hart arbeiten, um den Trust der Branche zu behalten oder gar zu vergrößern. Dabei ist in diesem Jahr schon einiges passiert.

Der neue Future Park war nicht nur für Facebooks Deutschland-Chef Tino Krause einer der Top-Tipps. Die modifizierte World of Agencies kam im Großen und Ganzen auch gut an. Etwas differenzierter fällt da schon das Fazit über die neue App der Dmexco aus.  Clever immerhin: durch die integrierte Ticketfunktion war eine starke Nutzung garantiert. 

Am Ende jedoch ist so eine App nur ein Nebenkriegsschauplatz. Und irgendwie trifft Björn Radau von Teads den Kern ziemlich gut. Seine wohlmeinende Einschätzung mit einigen Zwischentönen lautet: "Nirgendwo anders kann man in kurzer Zeit so geballt so viele Termine mit Werbungtreibenden und ihren Agenturen machen. Die Messe wirkte insgesamt ruhiger, die Professionalität der Besucher war allerdings außergewöhnlich hoch.“

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Autor:

Holger Schellkopf

Chefredakteur. Sozialisiert mit Print, konvertiert zu digital. Findet beides prima. Wild entschlossen, doch noch eine wirkliche Ahnung von der Sache mit dem Coden zu bekommen. Feste Überzeugung von @hschellk : Digital Journalism rocks! Versucht ansonsten, sich so oft wie möglich auf das Rennrad zu schwingen oder in die Laufschuhe zu steigen.