Fünf Schritte bis zur eigenen iPad-App

Der Medien- und Unterhaltungsbranche gilt Apples iPad als große Chance. Doch User haben andere Erwartungen als an iPhone-Apps. W&V zeigt, was bei der Entwicklung von iPad-Diensten zu beachten ist.

Text: Raoul Fischer

Die Aufregung um das iPad ist groß: Bereits 60 Tage nach Einführung des neuen Tablets waren laut Hersteller Apple zwei Millionen Stück verkauft. Da hatte der Vertrieb in Deutschland gerade erst begonnen. Spannend ist die Frage, welche Anwendungen es für das neue Gerät gibt und wie Unternehmen es für ihre Kommunikation nutzen können.

Ein Angebot stellen dabei sicher die 200 000 iPhone-Anwendungen, kurz: „Apps“, dar: „Die funktionieren generell schon jetzt auf dem iPad. Der weitere Aufwand, zum Beispiel für Anpassungen, ist als eher gering einzustufen“, sagt Carsten Frien von madvertise, einem Spezialisten für mobile Werbung. Interessanter dürften die Anwedungen sein, die speziell für das Gerät entwickelt werden (siehe Beispiele). Bereits jetzt gibt es 5000 spezielle iPad-Apps im Store. Und gerade Medienhäuser und Publisher knüpfen große Erwartungen an das Gadget: Bietet doch das größere Format ganz andere Darstellungsmöglichkeiten als Smartphones. Das eröffnet auch neue Möglichkeiten für Werbung und E-Commerce.

Die Schritte im Detail:

Zieldefinition

Es gibt wichtige Unterschiede zu iPhone & Co.: die größere Oberfläche und bequemere Bedienung einerseits und das Fehlen einer Kamera andererseits. Das hat Auswirkungen auf Ziele und Konzepte, weil Nutzungsanlass, -kontext und -dauer sich unterscheiden. „Das iPad eignet sich vor allem für informative Apps“, sagt Arne Flick, Geschäftsführer der Mobile-Marketing-Agentur Rio Mobile. Im Blick hat er digitale Kataloge oder Broschüren. Zudem sieht er Möglichkeiten für das Corporate Publishing, etwa für Kundenmagazine und besonders für Unterhaltungsanwendungen oder Spiele im Dienst von Branding oder Vermarktung. „Ganz einfache Apps werden hingegen auf dem iPad weniger gut ankommen“, so Flick. Gemeinsam müssen Verantwortliche aus Kommunikation, Vertrieb, Marketing und betreuenden Agenturen festlegen, welche Anwendungen einen Mehrwert bieten. Die Ziele hängen dabei von der zu erreichenden Zielgruppe und dem dahinter liegenden Geschäftsmodell ab. Am Anfang steht die Definition des Use-Case, darauf folgen die Entwicklung von Strategie und Umsetzung.

Geschäftsmodell

„Das iPad bietet nicht alleine eine große Chance für die Medien- und Unterhaltungsbranche, sondern auch für den E-Commerce und für die digitale Vermarktung insgesamt“, erklärt Birger Veit, Geschäftsführer von Cellular, einer Fullservice-Agentur für Apps, mobile Lösungen und Dienste. Werbungtreibende etwa können auf dem iPad eine Marke ganz anders inszenieren und erlebbar machen. Zum einen durch Werbung: Das neue Format iAd inszeniert Werbung wie eine App in der App. Oder durch eigene Anwendungen wie Broschüren, Kataloge oder Kundenmagazine. Ein anderes Modell: Online-Shopping - vorausgesetzt, der Shop ist für das Gerät optimiert, da Navigation und Nutzerführung per Touchscreen sich vom Zugriff durch Maus oder Tastatur unterscheiden. Eine dritte Möglichkeit: mit der App selber Geld verdienen. Den Verkauf übernimmt der App-Store von Apple. Der bietet ein Abrechnungssystem, behält aber 30 Prozent des Umsatzes ein. Carsten Frien von madvertise sieht hier neue Möglichkeiten für Games, die das große Touchpad des iPads ausreizen, oder für E-Books.

Konzept

Auch bei der Konzeption müssen Firmen dem veränderten Nutzungskontext und der längeren Nutzungsdauer Rechnung tragen. „Das iPad ist deutlich stärker ein Konsummedium“, sagt etwa Berthold Dörrich, Geschäftsführer der Agentur köckritzdörrich, weniger Kommunikations- und Informations-Tool. Weil der User das Gerät eher im privaten Umfeld nutzt und genauer hinsieht, legt er Wert auf qualitativ hochwertigere Inhalte. Die müssen entsprechend inszeniert werden. Ein weiterer Aspekt: die veränderte Usability aufgrund des großen Touchscreens. Auch das sollte konzeptionell einfließen, damit Apps einfach und intuitiv bedient werden können. Grundsätzlich gilt wie bei dem iPhone: Nicht zu viele Inhalte unterbringen, sondern diese klar auf ein Bedürfnis des Nutzers zuschneiden. Der stellt sich aus den verschiedenen Anwendungen seinen Baukasten zusammen.

Umsetzung

Liegt schon eine App für das iPhone vor, lässt sich diese einfach und günstig für das iPad angleichen. Dabei spielen zum Beispiel die unterschiedlichen Anforderungen, etwa im Blick auf die Größe der Bilder oder der Screens, eine Rolle. Apple unterstützt Entwickler über das „iPhone Developer Program“. Eine Teilnahme ist sogar erforderlich, soll die Anwendung über den Apple-Store vertrieben werden. Die Plattform bietet Unterstützung bei Entwicklung, Testing und Vertrieb. Laut Veit gilt: Standardlösungen lassen sich innerhalb von Wochen, Qualitäts-Apps innerhalb von Monaten realisieren. Spreche man über Qualitäts-Apps, kosteten diese 30.000 Euro aufwärts, sehr aufwendige auch sechsstellige Beträge. Doch er warnt: „Anspruchsvolle Projekte verlangen ein eingespieltes Team mit guten Konzeptern, Entwicklern, Designern und einem Testing-Team, das die Qualität der App sicherstellt.“ Wer den Schritt auf das iPad wagt, findet vielfältige Unterstützung: Im Markt gibt es einige kleine App-Spezialisten. Den Löwenanteil des Geschäfts machen aber die etablierten Mobile-Agenturen wie Yoc, Clanmo oder Cellular sowie die großen Internet-Agenturen, die Know-how aufgebaut haben. Die Dienstleister unterstützen die App-Projekte oft bereits in der Zieldefinitions- und Konzeptphase.

Verbreitung

„Wege außerhalb des App-Stores gibt es grundsätzlich nicht“, sagt Dörrich. Kunden können zum einen Payment und Abo-Modelle nutzen, die Apple über iTunes bereitstellt, oder sie vertreiben ihre App alternativ über eigene Schnittstellen. Lediglich unternehmensinterne Anwendungen können laut Dörrich ganz außerhalb des App-Store verbreitet werden. Werbedienstleister wie madvertise gewährleisten eine Top-Platzierung im App-Store, um die Downloads in die Höhe zu treiben.


Autor:

Raoul Fischer
Raoul Fischer

Raoul Fischer ist Autor und Korrespondent der W&V in Frankfurt am Main. Der Fachjournalist beobachtet die Entwicklungen im digitalen Markt und schreibt für W&V auch Beiträge zum Thema Employer Branding.