Die Heldenreise ist ja eher im Coaching- nicht aber im Kreativbereich bekannt. Kann sich dieser Ansatz wirklich in Agenturen durchsetzen, oder ist der nicht doch eher etwas für Arbeitsorganisation und Innovationsprozesse?

Da meiner Meinung nach die Heldenreise die ultimative und universale Darstellung von Veränderungsprozessen ist, eignet sie sich nicht nur für großangelegte Innovationsprozesse, sondern auch für Kreativprozesse. Denn: Kreativität führt zu Transformation. Um kreativ zu sein, muss man sich aber erst einmal auch selbst verändern, sonst würde man in erstickenden Routinen stecken bleiben.

Manche Kreative kommen ganz natürlich ins Unbekannte. Andere benötigen hierzu Hilfestellung, angefangen von Kreativitätsimpulsen, wie beispielsweise Bilder, über Kreativitätstechniken, wie das Brainstorming, bis hin zu Kreativitätsprozessen wie das Design Thinking. Die Heldenreise hat den Charme, dass sie Impuls, Technik und Prozess vereinigt. Sie lenkt durch den Prozess, inspiriert die Kreativen und hilft, zur rechten Zeit im Kreativprozess die richtigen Fragen zu stellen.

Funktioniert eine Heldenreise im Agenturalltag?

Bei der Heldenreise geht es ja wesentlich um den Aufbruch ins Unbekannte, dem Sich-Stellen. Aber ist das wirklich gegeben, wenn man ein enges Briefing hat, einen ungeduldigen Kunden?

Ich würde sagen, die Heldenreise hilft gerade auch bei ungeduldigen Kunden und engen Briefings. Es geht doch zumeist darum, schnell ins Unbekannte vorzustoßen, um in kürzester Zeit neue Ideen zu entwickeln. Gerade in Stresssituationen, wo der Druck zum Output enorm ist, hilft eine kreativitätsfördernde Struktur, die uns kreative Freiheit in Sicherheit gibt. Die Heldenreise hilft Freiheit und Sicherheit bestmöglich auszubalancieren. Die meisten Kreativitätsmodelle, die ich kenne, sind in ihrer Struktur und Begriffswahl eher langweilig und betonen somit eher die Sicherheit, regen aber nicht zur Freiheit an.

Für Brainstormings und kurzfristige Aufgaben eignet sich die Heldenreise dann sicher nicht, oder?

Man muss die Heldenreise schon ein wenig trainieren und basierend auf dem Grundmuster sein eigenes Muster entwickeln. Meine Erfahrung zeigt, dass eine Heldenreise ein ganzes Projekt, aber auch den kreativen Rahmen für eine einzelne Kreativ-Session abbilden kann.

Wie viel Zeit muss man denn einplanen?

Kreativität entwickelt sich nur selten auf Knopfdruck. Für das kreative Funkeln im Unbekannten bedarf es schon einer Heldenreisen-Session von mindestens zwei Stunden: 30 Minuten Aufbruch ins Unbekannte, 60 Minuten Ideenentwicklung im Unbekannten, und 30 Minuten Rückkehr mit der Idee ins Bekannte. Keine Frage, dies ist sportlich, aber machbar.



Anja Janotta, Redakteurin
Autor: Anja Janotta

seit 1998 bei der W&V - ist die wohl dienstälteste Onlinerin des Hauses. Am liebsten führt sie Interviews – quer durch die ganze Branche. Neben Kreativ- und Karrierethemen schreibt sie ab und zu was völlig anderes - Kinderbücher. Eines davon dreht sich um ein paar nerdige Möchtegern-Influencer.