Uli Jon Roth :
Was Sie von diesem Gitarren-Gott lernen können

Manche Menschen pfeifen auf die große Kohle. Sie leben kompromisslos ihre künstlerische Vision und loten die Grenzen des Möglichen aus - so wie der Ausnahme-Musiker Uli Jon Roth.

Text: Nico Rose

Der 64-Jährige lässt sich auch auf Symphonien und klassische Orchester ein.
Der 64-Jährige lässt sich auch auf Symphonien und klassische Orchester ein.

Der Mann ist eine lebende Legende. Er war beteiligt an der Entstehung eines der erfolgreichsten deutschen Exportschlager aller Zeiten, hätte in kurzer Zeit viele Millionen verdienen können. Doch genau in dem Moment, als absehbar war, dass sein Produkt weltweit skalieren würde: da ist er ausgestiegen. Mit voller Absicht. Wer tut so etwas?

Die Rede ist von Uli Jon Roth. Er spielte von 1973 bis 1978 Lead-Gitarre bei den Scorpions und war beteiligt an der Komposition einiger der bis heute einflussreichsten Songs der Hannoveraner Rockrecken. Doch er war nicht mehr an Bord, als die Band in den frühen 80ern auch Länder wie die USA und Japan eroberte; oder 1990, als sie mit "Wind of Change" den Soundtrack zum Niedergang des Eisernen Vorhangs schrieben.

Inspiration: Die Grenzen einreißen, Brücken bauen

"Ich bin ein miserabler Geschäftsmann", sagt Roth über sich selbst, "ich bin einen unkommerziellen Weg gegangen. Meine Motivation war immer künstlerischer Natur." Über seine Zeit bei den Scorpions berichtet er: "Der Erfolg der Band war Ende der 70er ganz klar vorgezeichnet. Es ging schlagartig nach oben, die Abverkäufe verdoppelten sich jedes Jahr." Doch diese Zukunft lockte ihn nicht. Er wollte etwas anderes.

Roths frühe Inspiration war Jimi Hendrix. Aber die tonalen Vorgaben des Rocks erschienen ihm schnell beengend. Der Gitarrist vertiefte sich in klassische Musik, vor allem die Granden des Barock, lernte Geige und Klavier spielen. Er sah gigantisches Potenzial, die 400 Jahre alte Kultur der klassischen Musik auf die Gitarre zu übertragen. "Ich stand früh mit einem Bein im klassischen Lager, mit dem anderen im Rock. Das war immer ein Spagat. Ich fühle mich zu den Grenzen hingezogen, dort liegt das Interessante."

Diese Grenzen lotete er nach der Zeit bei den Scorpions zunächst mit seiner eigenen Band Electric Sun aus, veröffentlichte mehrere Alben, spielte wieder Konzerte auf der ganzen Welt. Man hört Hendrix heraus, immer noch die Scorpions. Vor allem die Soli atmen die Atmosphäre des Barock. Doch Roth blieb ein Geheimtipp, etwas für Connaisseure. In den Charts fand man ihn nicht. Und er wollte noch viel weiter.

Im Lauf der Zeit wurde ihm die Begrenztheit der elektrischen Gitarre selbst immer bewusster. Der Künstler konnte nicht die Musik spielen, die er in seinem Kopf zu hören vermochte. "Ich habe mir immer wieder klassische Violinisten angehört, was für Sachen die spielen. Und das ging auf einer normalen Gitarre eben nicht."

Innovation: Das Spektrum erweitern, etwas völlig Neues erschaffen

Die Lösung: Roth lässt sich nach seinen Vorgaben eine ganz eigene Gitarre konstruieren, welche heute unter dem Namen "Sky Guitar" bekannt ist. "Ich wollte die Grenzen der Gitarrentechnik sprengen", erläutert der Musiker. Sie hat deutlich mehr Bünde, so dass ein Musiker viel höhere Töne spielen kann, als auf einer herkömmlichen E-Gitarre. Zudem ließ er eine siebte Saite im tiefen Frequenzbereich einbauen, lange, bevor dies später auch New-Metal-Bands tun sollten.

Durch die hohen Bünde konnte er fortan Noten spielen, die vorher nur auf der Violine erreichbar waren. Damit waren die Ketten gelöst. Doch Roth mag das Wort Disruption nicht. "Ich habe die Gitarre nicht zerstört, sondern Dinge darin gesehen, die es noch nicht gab – und die wollte ich ermöglichen. Das ist keine Disruption, sondern konstruktive Addition."

Zwar spielte der Gitarrist in jener Zeit weiterhin Rockmusik, doch immer öfter stand er mit klassischen Orchestern auf der Bühne, führte beispielsweise die "Vier Jahreszeiten" auf, nur eben mit seiner Gitarre als erster Geige. Diese Projekte tragen ihm Bewunderung ein, verschlingen aber auch Unsummen.

Man kann sagen, Uli Jon Roth hat ein kompromissloses Leben geführt, kompromisslos für die Kunst. Er ist Synästhesist, sieht Töne dreidimensional und vielfarbig im Raum. Neben seiner Arbeit als Rockmusiker hat er Symphonien komponiert, Ölgemälde erschaffen und metaphysische Traktate verfasst. Er sagt: "So wie Steve Jobs bessere Produkte erschaffen konnte, weil er sich im Studium mit Kalligraphie auseinandergesetzt hatte, so machen mich Kunst und Philosophie zu einem besseren Musiker."

Perfektion: Nach eigenen Regeln spielen, die Zeit anhalten

 "Wenn ich an eine Komposition rangehe, ist das bei einem Bild nicht anders als bei Musik. Für mich sie die Gesetze der Musik wunderschön, weil sie Naturgesetze sind. Es sind genau die gleichen wie die der Mathematik. Jeder Ton ruft eine bestimmte Emotion hervor, die großen Komponisten wussten das, die haben damit gespielt. Dieses Empfinden ist bei allen Menschen gleich, das kann man schon bei Babys sehen."

Roth glaubt, es sei kein Zufall, wenn Kunst viele Generation überdauert, seien es nun Gemälde oder Musik. Warum berührt uns ein Bild von Rembrandt heute noch, warum werden die "Vier Jahreszeiten" immer wieder aufgeführt? "Alle Menschen, die etwas erschaffen haben, was über Jahrhunderte fortbesteht, haben etwas Grundlegendes verstanden. Die haben bestimmte Naturgesetze verstanden und sie als Kunst angewandt. Menschen erkennen instinktiv, dass das etwas Großartiges ist", erläutert er.

Werden sich Menschen in 400 Jahren noch an Uli Jon Roth erinnern? Der Autor dieses Beitrags hat absolute Könner an der Gitarre für einen Moment vor Schreck erstarren sehen, nachdem Uli Jon Roth verkündete, er wolle sich ihre Show anschauen. Das ist der Level an Respekt, den der Mann in der Szene genießt. Heuer, zu seinem fünfzigjährigen Bühnenjubiläum, geht er mit den Ausnahmegitarristen Joe Satriani und John Petrucci auf eine G3-Welttournee, quasi ein Gipfeltreffen des Gitarren-Olymps. Später im Jahr will er in Tokio an sieben Abenden sieben Konzerte geben, jeweils unterschiedliche Sets, zum Teil akustisch, zum Teil elektrisch, zum Teil mit Orchester. Das ist eine enorme künstlerische Herausforderung, aber natürlich auch eine logistische. Es gehe erneut darum, Grenzen auszutesten, sagt Roth. Das ist es, was ihn nach wie vor antreibe, auch mit 64 Lebensjahren.

Vielleicht wird aus Uli Jon Roth am Ende sogar noch ein erfolgreicher Geschäftsmann. Er unterrichtet regelmäßig Schüler in seiner "Sky Academy", spielte in den vergangenen Jahren neu arrangierte Stücke aus der Scorpions-Ära in ausverkauften Hallen. Das von ihm ersonnene Instrument, die "Sky Guitar", verkauft er in Kleinserien zu stolzen Stückpreisen von bis zu 22.000 Dollar. Und es gibt nicht wenige Käufer in den USA und Japan, die gewillt sind, das zu bezahlen.

Gutes Geld. Es ist ihm vermutlich egal.

Die Ankündigung zur Tournee:

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