Pleite in München :
Abendzeitung meldet Insolvenz an

70 Millionen Euro Verlust haben sich bei der "Abendzeitung" angehäuft. Die Familie Friedmann will und wird keine weiteren Mittel zuschießen. Mit dem Insolvenzverfahren soll ein Investor gefunden werden.

Text: Petra Schwegler

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Die traditionsreiche Münchner "Abendzeitung" hat am Mittwochvormittag beim Amtsgericht München Antrag auf Eröffnung des Insolvenzverfahrens gestellt. Entsprechende erste Meldungen des Branchendienstes "Turi2" bestätigt eine Sprecherin des Amtsgerichts auf Anfrage von W&V Online. Die Familie Friedmann als Eigentümerin sehe sich nicht mehr in der Lage, weitere Mittel zur Verfügung zu stellen, teilt der Verlag inzwischen mit. "Die Gesellschafter und alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der ‚Abendzeitung‘ hoffen, dass im Insolvenzverfahren ein Investor gefunden werden kann, damit der traditionsreiche Titel weiter erscheinen kann."

Nach Angaben der Geschäftsführung summierten sich die Verluste seit 2001 auf rund 70 Millionen Euro. Das Jahr 2013 endete demnach mit einem Minus von etwa zehn Millionen Euro. Nach zwei weiteren rückläufigen Monaten sei für 2014 keine Besserung in Sicht. Das weitere Erscheinen des Blattes sei aber zunächst gesichert, heißt es. Das Unternehmen ist weiterhin zahlungsfähig.

Weiter teilt die Kanzlei des vorläufigen Insolvenzverwalters Axel W. Bierbach mit, dass das Defizit bisher durch die Auflösung von Rücklagen, "durch den Verkauf des 'Tafelsilbers'", gedeckt worden sei. Angeführt werden das Gebäude in der Sendlinger Straße, die "AZ Nürnberg" und der "Frankenreport", die Rundfunkbeteiligungen am Funkhaus Nürnberg, Radio Gong und der mbt. Hinzu seien weitere Bareinlagen in Höhe von mehreren Millionen Euro gekommen. Zur Insolvenz heißt es: "Die Geschäftsführung bedauert diesen Schritt – auch deswegen, weil sich zum Beispiel bei der notwendigen Verzahnung von Print und Online durchaus Erfolge verzeichnen ließen, die sich auch an massiv gestiegenen User-Zahlen ablesen ließen. Einen starken Partner zu finden, war in dieser Zeit bisher nicht möglich, nicht zuletzt wegen der nach wie vor restriktiven kartellrechtlichen Situation."

Völlig unter Schock steht auch "AZ"-Chefredakteur Arno Makowsky. Er selbst hat erst am Mittwoch von der Eröffnung des Insolvenzverfahrens gehört – und zwar während seines Urlaubs in Ägypten. Auch wenn Makowsky "enttäuscht" sei, wie er gegenüber W&V Online sagt, sieht er auch die Chancen, die solch ein Verfahren eröffnen würde, wie man bei der "Frankfurter Rundschau" gesehen habe. "Was uns momentan noch fehlt, ist der weiße Ritter", sagt er. Natürlich sei ihm das Risiko bewusst gewesen, man habe die Zahlen ja auch nach außen offen kommuniziert. Und es sei "dem guten Willen des Verlegers zu verdanken", dass die "Abendzeitung" fast schon mäzenatenartig erhalten worden sei.

Laut Arno Makowsky sei es der "Abendzeitung" im letzten Jahr gelungen, die Zahlen endlich zu stabilisieren. Online sei man nach bild.de sogar die Nummer zwei geworden, das hat der Verlag just vor einer Woche kommuniziert. "Wir als Redaktion müssen uns keine Vorwürfe machen", sagt er. Sorgenkind ist wohl das Anzeigengeschäft, das einfach nicht richtig gekommen ist. Die Redaktion berichtet inzwischen in eigener Sache über die Insolvenz - ein trauriger Anblick.

Das Münchner Boulevardblatt hat eine Auflage von rund 100.000 Exemplaren. Zum Verlag Die Abendzeitung gehörte früher auch die "Abendzeitung Nürnberg", die 2010 vom Telefonbuch-Verleger Gunther Oschmann gekauft wurde und 2012 nach 93 Jahren eingestelltwurde. Das Blatt stand Pate für die TV-Serie "Kir Royal - Aus dem Leben eines Klatschreporters".

Als es der "AZ" nach der globalen Krise im Jahr 2008 schlecht ging, rückte das Haus über die Gesellschafter Friedmann näher an den Süddeutschen Verlag heran und greift seither nach Bedarf auf Dienstleistungen des SV zu. Ex-SV-Manager Dieter Schmitt ist seither Geschäftsführer bei der "AZ".  Ein Verkauf der "Münchner Abendzeitung", der bereits damals immer wieder kolportiert wurde, war damit vom Tisch. Der Verlag Werben & Verkaufen ist ein Tochterunternehmen des SV.

ps/jok


Autor:

Petra Schwegler, Redakteurin
Petra Schwegler

Die @Schweglerin der W&V. Schreibt seit mehr als 20 Jahren in Print und Online über Medien - inzwischen auch jede Menge über Digitales. Lebt im Mangfalltal, arbeitet in München.



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