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Darum will John Oliver die Zeitungen retten

Der US-Moderator, bekannt für seine bissigen und entlarvenden Welterklärstücke, appelliert an seine Zuschauer: Wer nicht für Journalismus bezahlt, ist Mitschuld an einer schlechteren Welt.

Text: Susanne Herrmann

John Oliver hat schon die Fifa und den Brexit überzeugend erklärt - diesmal geht es um die Bedeutung von Journalismus.
John Oliver hat schon die Fifa und den Brexit überzeugend erklärt - diesmal geht es um die Bedeutung von Journalismus.

Der US-Moderator John Oliver, bekannt für seine bissigen und entlarvenden Welterklärstücke in "Last Week Tonight" (HBO), appelliert an seine Zuschauer: Wer nicht für Journalismus bezahlt, ist Mitschuld an einer schlechteren Welt, lautet seine Botschaft diese Woche.

Die Zeitungsbranche sei in großen Schwierigkeiten, sagte Oliver in der Show am Sonntagabend. "Die Zeitungen reduzieren seit Jahren Personal oder wurden eingestellt", sagte Oliver, "und das betrifft uns alle, sogar wenn Sie Ihre Nachrichten von Facebook, Google, Twitter oder Ariana Huffington beziehen, all diese Webseiten kriegen ihre Nachrichten von Zeitungen, selbst das Fernsehen." So sei das Mediengeschäft wie eine Nahrungskette zu sehen, die ohne Lokalzeitungen auseinanderfallen würde.

Leider aber seien Zeitungsanzeigen nicht mehr so populär bei den Werbekunden, Onlinewerbung wiederum brächte viel weniger Umsätze. Das belegt Oliver mit einer eindrucksvollen Grafik, die zeigt: Von 2004 bis 2014 haben US-Verlage ihren Umsatz mit Onlinewerbung um 2 Mrd. Dollar gesteigert (von 1,5 auf 3,5 Mrd.) - und im selben Zeitraum mehr als 30 Mrd. Dollar an Printanzeigenumsatz verloren (46,7 Mrd. vs. 16,4 Mrd. Dollar). Was wiederum zu Einsparungen in Nachrichtenredaktionen geführt habe.

Oliver kritisiert die "digital first"-Strategie der Verlage, die dank personeller Einsparungen und Mehrarbeit für die Reporter zu Fehlern führe. Zu weniger Recherche, vor allem auch in der Lokalpolitik. Und zu einer Fixierung auf Klickzahlen im Online-Newsgeschäft: "Was beliebt ist, ist nicht immer das, was am wichtigsten ist", stellt John Oliver klar.

Dass das aber immer mehr Verlegern egal ist, illustriert Oliver mit einem erhellenden Videoeinspieler, in dem der frühere Herausgeber u.a. des "Orlando Sentinel" und der "Chicago Tribune" deutlich macht, was er von seinen Journalisten erwartet: weniger journalistische Arroganz, mehr Hundewelpen - und wenn dann der Umsatz stimmt, geht auch mal ein Politikthema. 

Die Verleger seien verzweifelt, fasst Oliver zusammen: "Niemand scheint einen Plan zu haben, der die Zeitungen über Wasser hält." 

Am Ende läuft es auf das bekannte Problem hinaus: Die Nutzer seien daran gewöhnt, Nachrichten gratis im Netz zu bekommen. Und je üblicher das sei, desto weniger bereit sei jeder einzelne, dafür zu bezahlen. "Und das sage ich ausgerechnet Ihnen, der Sie dieses Video gratis auf Youtube schauen, während Sie das Gratis-WLAN vom Café unten in Ihrem Wohnhaus nutzen", witzelt Oliver.

Und doch: "Wir alle müssen für Journalismus bezahlen", fordert Oliver, "oder wir werden dafür bezahlen." Mit dem Verzicht auf relevante Informationen. Was Oliver und sein Team herrlich dramatisieren, indem sie einen Kinotrailer senden, der die neue Art des Reporter-Kinofilms zeigt: Bye-bye, "Die Unbestechlichen", bye-bye, "Spotlight".  Bye-bye, Informationsfreiheit und Politikkontrolle.

Fast 2,8 Millionen Abrufe hat der Clip bereits - rasant steigend (derzeit um rund 100.000 pro Stunde).


Autor:

Susanne Herrmann
Susanne Herrmann

schreibt als freie Autorin für W&V. Die Lieblingsthemen von @DieRedakteurin reichen von abenteuerlustigen Gründern über Medien und Super Bowl bis Streaming. Marketinggeschichten und außergewöhnliche Werbekampagnen dürfen aber nicht zu kurz kommen.


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